800 Jahre Siedlungsgeschichte mit Landreformen, Seuchen und Kriegen sind in den Sedimenten eines Sees in Polen erhalten. Die Schlüsselrolle spielte die „Via Marchionis“ zwischen Brandenburg und dem heutigen Malbork in Polen. Die Straße blieb jahrhundertelang bedeutsam. In einer polnisch-deutschen Kooperation haben Forschende historische Ereignisse und den Wandel des Naturraums verknüpft.

Wer von der Stadt Brandenburg über Berlin nach Frankfurt an der Oder reist, tut dies entlang einer uralten Trasse, die bis weit hinein nach Polen reicht. Welchen Einfluss diese Ost-West-Verbindung auf die Landschaftsgeschichte hatte, haben deutsche und polnische Forscher*innen jetzt dokumentiert, indem sie die Sedimente des Czechowskie-Sees in der Bory Tucholskie (Deutsch: Tucheler Heide) untersuchten und zusätzlich historische Quellen auswerteten. Demnach lassen sich in den letzten achthundert Jahren drei Phasen der Landschaftsentwicklung voneinander abgrenzen: von einer nahezu unberührten Landschaft über eine mehrere Jahrhunderte dauernde Zwischenphase – geprägt von Wechseln zwischen starker Siedlungstätigkeit und der Rückkehr der Natur nach Kriegen – hin zur heutigen Kulturlandschaft.

Sedimente werden nach oben geholt (Achim Brauer/GFZ).

Einer der beiden Hauptautoren, Achim Brauer vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam, sagt: „Einen deutlichen Einfluss hatten Kriege, da die Via Marchionis immer wieder für Truppentransporte genutzt wurde, die zu lokalen Zerstörungen und Verwüstungen geführt haben. In dieser Studie haben wir erstmals für jeden Krieg in der Geschichte die Auswirkungen auf die Landschaft gezeigt. In der Regel haben die Kriege zu mehr oder weniger starken Verwüstungen (‚Renaturierungen‘) der Landschaft geführt, die auch unterschiedlich lange angehalten haben.“

Zu anderen Zeiten waren es politische Entwicklungen, die ihre Spuren in der Landschaft hinterließen, so etwa eine Agrarreform im Jahr 1343. Diese führte mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zu einer beschleunigten „Anthropogenisierung“ der Landschaft, also zu deutlich sichtbarem menschlichen Einfluss. In den Sedimenten des Czechowskie-Sees zeigt sich das durch eine starke Zunahme von Roggenpollen und dem Rückgang von Birken- und Kiefernpollen.

Pollen im Sediment erlauben Rückschlüsse auf die Landschaftsentwicklung. Hier eine Mikroskopaufnahme von Binkelweizen (Triticum compactum) (Achim Brauer/GFZ).

Weil Sedimente in einem See Jahresschichtungen ähnlich wie Baumringe aufweisen, konnte das deutsch-polnische Team durch Auszählen der einzelnen Lagen („Warven“) bis auf fünf Jahre genau eingrenzen, aus welchem Jahr Pollen stammten. Demnach blieb die Landschaft bis etwa 1350 weitgehend unberührt vom Menschen. Ausgedehnte Wälder und natürliche Gräser dominierten. Dann folgten fünf turbulente Jahrhunderte. Die Ausdehnung der Landwirtschaft und die Bildung von größeren Orten waren begünstigt durch ein warmes Klima und politisch ruhige Zeiten. Zwischen 1409 und 1435 jedoch gab es Krieg zwischen dem Deutschen Orden und Polen – Felder fielen wüst, Wälder dehnten sich wieder aus.

Nach dem Friedensschluss folgten wieder fünf ruhige Jahrzehnte, in denen auch eine Zunahme des Handwerks deutlich wurde. Hartholz wurde geschlagen, um Baumaterial und Pottasche zu gewinnen – die Birkenpollen verschwanden aus den Seesedimenten, Roggen nahm erneut massiv zu. Riesige Heereszüge mit Tausenden von Reiten und Fußsoldaten, Pestepidemien in mehreren Wellen und einige sehr kalte Jahre mit Missernten sind ebenfalls dokumentiert.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt dann der Einfluss der Siedlungs- und Wirtschaftstätigkeit so überhand, dass man von einer überwiegend vom Menschen geprägten Landschaft, einer Kulturlandschaft, sprechen kann, die bis heute besteht.
Erstautor Michał Słowiński resümiert: „Das wichtigste Ergebnis ist, dass diese Entwicklung nicht gleichmäßig erfolgt ist. Vielmehr sehen wir einen Wechsel von Phasen schneller Entwicklung und deutlichen Rückschritten. Die Gründe dafür sind komplexe Interaktionen sozio-ökonomischer, politischer und klimatischer Faktoren.“

Quelle:

Josef Zens / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

Nordwestlich von Tübingen-Unterjesingen liegt in der Flur Ammenbühlen, westlich des Enzbachs, eine prähistorische Siedlung. Obwohl die Fundstelle bereits 1926 entdeckt wurde, war mit Ausnahme weniger Lesefunde kaum etwas über das Areal bekannt. Im Zuge aktueller Geländeforschungen konnten nun wichtige Erkenntnisse zur Siedlungsstruktur und Befundsituation gewonnen werden.

Rekonstruktion eines linearbandkeramischen Langhauses (M. Steffen/Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart).

Die Untersuchungen fanden im Rahmen eines gemeinsamen Projekts des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart und der Universität Tübingen statt. Geleitet wurde das Projekt zur Besiedlungsgeschichte des Ammertals während der frühen Jungsteinzeit von Prof. Dr. Raiko Krauß, Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen, und Jörg Bofinger, Leiter des Referats Operative Archäologie am LAD.

„Ziel des Forschungsprojektes ist es, die zeitliche Abfolge der verschiedenen frühneolithischen Siedlungen genauer zu erfassen und mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen Umweltbedingungen und Lebensweise und damit den Landschaftswandel durch den Beginn der Landwirtschaft im 6. Jahrtausend zu untersuchen “, erläutert Prof. Raiko Krauß.

Studierende des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen beim Freilegen des Hausgrundrisses eines Langhauses aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends v. Chr. (Veronika Stein/Universität Tübingen).



Zunächst konnte im Frühjahr 2021 das Siedlungsareal auf einer Fläche von rund sechs Hektar mittels geophysikalischer Messungen durch die Fachfirma Terrana aus Mössingen aufgenommen und erste Hinweise jungsteinzeitlicher Besiedlungsstrukturen kartiert werden. Die Magnetfeldmessungen zeigten, dass die Reste mehrerer der charakteristischen Langhäuser (die Dimensionen von über 30 Metern Länge erreichen können) noch im Boden erhalten sind und einen Siedlungsplatz der sogenannten Linienbandkeramischen Kultur, der frühesten bäuerlichen Bevölkerungsgruppe in Südwestdeutschland im 6. Jahrtausend v. Chr., belegen. Auf dieser Basis gelang es während einer vierwöchigen Grabungskampagne im Frühherbst 2021 unter der örtlichen Leitung von Veronika Stein (Universität Tübingen), Ausschnitte von einem der jungsteinzeitlichen Hausgrundrisse archäologisch zu untersuchen und zu dokumentieren. „Verfärbungen im Boden lassen die Standspuren der ehemaligen Pfosten der Hauskonstruktion erkennen, ebenso wie Gräbchenstrukturen, die als letzte Hinweise auf Wände des Hauses zu deuten sind,“ erläutert Dr. Jörg Bofinger.

Südlich von Entringen sowie nordöstlich von Pfäffingen konnten bereits Hausgrundrisse nachgewiesen werden, die auf linienbandkeramische Dörfer hinweisen. Dank der aktuellen Feldforschungen gelang es nun zweifelsfrei, ein weiteres Dorf mit mehreren Langhäusern beziehungsweise Gehöften der ersten Bauern rund 500 Meter nördlich des heutigen Ammerverlaufs zu lokalisieren. Weitere Untersuchungen wie beispielsweise 14C-Datierungen (Radiokarbonmethode zur Bestimmung des Alters von Funden) oder archäobotanische Analysen werden dazu beitragen, Fragen der absoluten Chronologie und Wirtschaftsweise besser beurteilen zu können.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek 
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Es sind Spuren vergangener Kulturen, um die sich geheimnisvolle Mythen ranken: Wer erschuf die Nazca-Linien? Wo liegt Atlantis? Und was hat es mit der Himmelsscheibe von Nebra auf sich? Dazu mehr in der Doku „Die sieben größten Rätsel der Menschheit“ auf ZDF Info

Jedes Wort, das wir lesen und schreiben, geht darauf zurück: auf das Alphabet. Jetzt haben Archäolog/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei Ausgrabungen in Israel ein wichtiges Beispiel für die Buchstabenfolge aus der Bronzezeit gefunden: Eine beschriftete Keramikscherbe, die das fehlende Bindeglied – den Missing Link – in der Geschichte der Entstehung und Verbreitung des Alphabets zu füllen scheint.

Seine Erfindung kam einer Revolution innerhalb der Entwicklung der Schrift gleich. Denn: Mit der Entstehung des Alphabets erwuchs ein System, das – mit Blick auf die ägyptischen Hieroglyphen – mit vergleichsweise wenigen Zeichen die Fülle eines sprachlichen Wortschatzes wiedergeben konnte. Bisher fehlten allerdings Belege für die Zeit seiner Entstehung und Verbreitung. Bei Ausgrabungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Israel wurde jetzt eine beschriftete Keramikscherbe als frühes Beispiel für das Alphabet aus der Zeit um 1450 v. Chr. entdeckt. Die Ergebnisse wurden in der britischen Fachzeitschrift Antiquity publiziert, die in Partnerschaft mit Cambridge University Press herausgegeben wird.

„Diese Keramikscherbe ist eines der frühesten Beispiele für alphabetische Schrift, die in Israel gefunden wurde“, sagt Felix Höflmayer vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, der das Forschungsprojekt an der archäologischen Ausgrabungsstätte von Tel Lachisch in Israel leitet. Dank präziser C14-Daten konnte die Scherbe auf 1450 v. Chr. datiert werden. „Allein ihr Vorhandensein bringt uns dazu, die Entstehung und Verbreitung des frühen Alphabets im Nahen Osten neu zu überdenken“, so der Forscher.

Ausbreitung in der Levante


Die Anfänge unseres Alphabets sind auf der ägyptischen Halbinsel Sinai zu finden. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass das Alphabet um 1800 v. Chr. im Umfeld von westasiatischen Arbeitern erfunden wurde, die an ägyptischen Bergbauexpeditionen beteiligt waren. Später verbreitete sich die frühe Buchstabenreihe in die Levante, in das Gebiet östlich des Mittelmeers zwischen der heutigen Türkei im Norden und Ägypten im Südwesten, und entwickelte sich schließlich zum griechischen und lateinischen Alphabet.

„Üblicherweise wurde die Verbreitung des frühen Alphabets in der südlichen Levante als Nebenprodukt der ägyptischen Vorherrschaft auf das 14. oder 13. Jahrhundert v. Chr. datiert“, erklärt der ÖAW-Archäologe. Die jetzt entdeckte Scherbe widerlegt diese These. Höflmayer: „Unser Zufallsfund zeigt, dass die Verbreitung des Alphabets deutlich früher anzusetzen ist. Und dass die Ausbreitung des Alphabets aus dem Kontext der ägyptischen Vorherrschaft gelöst werden muss. Denn: diese hat sich erst später entwickelt.“

Wichtige Periode in der Geschichte des frühen Alphabets

Das Keramikfragment selbst ist knapp vier Zentimeter groß und scheint ein Randfragment einer importierten zypriotischen Schale gewesen zu sein. Die Innenseite ist mit dunkler Tinte beschriftet, wobei eine Handvoll diagonal geschriebener Buchstaben erhalten ist. Auch wenn die Bedeutung der Inschrift unbekannt ist, so hat sie doch einen großen Einfluss auf unser Verständnis der Geschichte des Alphabets.

„Ungefähr gleichzeitig mit dieser alphabetischen Schrift haben wir in Tel Lachisch auch Belege für hieratische Schrift, also kursiv geschriebene ägyptische Hieroglyphen, entdeckt. Hier haben de facto beide Schriftsysteme gleichzeitig existiert“, sagt Höflmayer. Das unterstreicht auch die Bedeutung des Fundortes: Tel Lachisch war in der Bronzezeit eine bedeutende Stadt, die auch in altägyptischen Dokumenten aus dieser Zeit erwähnt wurde. „An keinem anderen Ort in der Südlevante hat man so viele Belege für frühalphabetische Schriftlichkeit gefunden, wie in Tel Lachisch“, so der Forscher.

Die österreichischen Ausgrabungen in Tel Lachisch werden im Rahmen des vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanzierten und von der ÖAW betreuten Projekts „Tracing Transformations“ durchgeführt. Erforscht wird die Geschichte und Chronologie der späten Mittel- und frühen Spätbronzezeit in der südlichen Levante. Das Team um Felix Höflmayer hofft nun auf weitere Ausgrabungen an der Fundstelle, um weitere Lücken zu schließen und mehr über diese wichtige Periode der Geschichte des frühen Alphabets zu erfahren.

Quelle:

Sven Hartwig Öffentlichkeit und Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften

Seltene Krankheiten, im internationalen Fachjargon „Rare Diseases“, sind heutzutage ein spezieller Bereich in medizinisch-pharmazeutischer Forschung und Behandlung. „Selten“ bedeutet, dass nicht mehr als fünf von 10.000 Personen an dieser Krankheit leiden. Zu den weiteren Merkmalen zählt, dass Betroffene meist stark eingeschränkt sind, körperlich sowie im gesellschaftlichen Leben, und hoher sozialer und medizinischer Versorgung bedürfen.

Doch was wissen wir über Seltene Krankheiten in der Vergangenheit, sogenannte „Ancient Rare Diseases“ – und vor allem, wie können wir sie definieren und diagnostizieren? Dieser Frage ist die Physische Anthropologin und Archäologin Dr. Katharina Fuchs vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nachgegangen. Anhand der Krankheitsgeschichte eines männlichen Individuums aus der Nordkaukasischen Bronzezeit (circa 2200 bis 1650 vor Christus) kam sie zu dem Schluss, dass die heute verwendeten Kriterien nicht ohne weiteres auf die Vergangenheit übertragbar sind. Die kürzlich im International Journal of Paleopathology veröffentlichte Studie zeigt, dass nicht nur die Diagnostik Seltener Krankheiten und die Berechnung von Inzidenzen und Prävalenzen, also der Häufigkeit, die Forschenden vor Herausforderungen stellt. Auch das individuelle Leid und der Grad an sozialer Integration und Unterstützung sind kaum zu rekonstruieren.

Am Skelett des Mannes aus dem Kaukasus, das Fuchs im Rahmen der Studie untersuchte, kann die Anthropologin vieles erkennen: Seit seiner Jugend litt er an einer seltenen Hüfterkrankung, dem Legg-Calvé-Perthes Syndrom, und hinkte deshalb über ein nach innen verdrehtes Bein. Zudem überlebte er im Erwachsenenalter schwere Frakturen an Schädel und Oberschenkel. Die Abnutzung seiner Zähne zeigt, dass er in bestimmte Arbeitsprozesse integriert war und sie als Werkzeug nutzte. Aus seinen Grabbeigaben lässt sich schließen, dass er keine besonders hohe soziale Stellung innehatte.

„Zusammengenommen zeigt dies, dass dieser Mann wichtig für die Gesellschaft war. Die Frakturen, die er überlebt hat, erforderten hohen Pflegeaufwand. Wahrscheinlich hat er seine Verletzungen überlebt, weil seine Mitmenschen sich um ihn gekümmert haben. Und das gibt uns eine Idee davon, wie die Menschen im Nordkaukasus vor 4.000 Jahren miteinander umgegangen sind. Wie sie mit jemandem umgegangen sind, der fast sein ganzes Leben lang körperlich eingeschränkt war“, erläutert Fuchs. Solche Überlegungen gehen zwar über das Thema der „Ancient Rare Diseases“ hinaus, verdeutlichen jedoch die soziale Dimension ihrer Erforschung.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass das Kriterium der „Seltenheit“ in Bezug auf „Ancient Rare Diseases“ nicht durch starre Grenzwerte definiert sein kann. Dass eine Krankheit heutzutage selten ist, bedeutet nicht unbedingt, dass sie es auch in der Vergangenheit war. Je nach den Ursachen für das Entstehen einer Krankheit, der Ätiologie, unterliegen Auftreten, Verschwinden und, besonders interessant, die Veränderung von einem seltenen zu einem verbreiteten Krankheitsbild, sozialen und humanökologischen Dynamiken. Das ist eine Erkenntnis der modernen Medizin, die Lebensweise und externe Einflüsse als wichtige Komponenten identifiziert.

Die Erforschung seltener Krankheiten der Vergangenheit ist also auch für unser heutiges Verständnis von Krankheit bedeutsam. Und eine der Co-Autorinnen der Studie, Dr. Julia Gresky vom Deutschen Archäologischen Institut, betont: „Die Forschungen in der Arbeitsgruppe für ‚Ancient Rare Diseases‘ haben seit ihrer Gründung 2019 auch die Aufgabe, Menschen zu erreichen, die heute betroffen sind. Wir hoffen dazu beitragen zu können, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass die Menschheit schon immer mit seltenen Krankheiten konfrontiert war – aber auch, dass das Leiden daran nicht soziale Isolation bedeuten muss“.

Die Studie wurde vom Exzellenzcluster ROOTS und vom Sonderforschungsbereich TransformationsDimensionen der CAU finanziell unterstützt. Beide Projekte widmen sich der Erforschung von Mensch-Umweltbeziehungen in vergangenen Zeiten.

Quelle:

Claudia Eulitz 
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Ninja, Assassinen und Berserker – den berühmtesten Kriegern der Geschichte eilt der Ruf voraus, stark und geschickt im Kampf, aber auch blutrünstig und gnadenlos zu sein. Aber stimmt das auch? Die Dokumentation stellt die größten, gefürchtetsten und brutalsten Krieger aller Zeiten vor – darunter auch die Gladiatoren, zu denen ich interviewt wurde. Hier geht es zur Sendung.

Mehrere tausend Jahre alte Keilschrifttafeln aus Babylon stehen im Zentrum eines neuen Forschungsprojekts an der Universität Würzburg. Dass einige von ihnen ein unfreiwilliges Bad im Euphrat nehmen mussten, erschwert die Arbeit.

Diese Keilschrifttafeln haben wahrlich eine abenteuerliche Reise hinter sich: Geschrieben in Babylon, manche von ihnen vor fast 4.000 Jahren, gingen sie mit dessen Untergang ebenfalls verloren. Erst bei Ausgrabungen deutscher Archäologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie wiederentdeckt. Als der Erste Weltkrieg die Grabungsarbeiten unterbrach und britische Truppen gefährlich nahe rückten, befüllten die Deutschen große Kisten mit den zerbrechlichen Tontafeln, um sie so schnell wie möglich per Schiff und Bagdadbahn ins damalige Konstantinopel zu verbringen. Die Hektik des Abtransports war jedoch so groß, dass manche Kisten an der Verladestation vergessen wurden, andere – was viel schlimmer war – ins Wasser des Euphrat fielen, und deshalb viele der Jahrtausende alten Tafeln Schaden nahmen.

Die Babylon-Sammlung aus Istanbul

Seitdem lagern diese Keilschriftdokumente in der sogenannten Babylon-Sammlung des Istanbuler Archäologischen Museums. Diese umfasst mehr als 200 Keilschriftmanuskripte aus alt-, mittel- und neubabylonischer Zeit sowie rund 40 Keilschriftdokumente aus Assyrien, die fälschlicherweise als babylonisch deklariert worden waren. Darüber hinaus besitzt das Museum eine Handvoll weiterer Keilschriftdokumente aus Babylon – teilweise in Form von kleinen Fragmenten, teilweise als große Stücke. Wissenschaftlich bearbeitet und publiziert ist davon nur eine kleine Auswahl. Doch das wird sich in den kommenden drei Jahren ändern.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Würzburg und Marburg werden in dem Projekt „Die Keilschrifttexte in der Babylon-Sammlung der Archäologischen Museen Istanbul“ diese Tafeln sowohl in Buchform als auch als digitale Editionen veröffentlichen. Verantwortlich dafür ist Professor Daniel Schwemer, Inhaber des Lehrstuhls für Altorientalistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert das Projekt in den kommenden drei Jahren mit rund 200.000 Euro.

Ein Kompendium der Divination

„Die Texte stammen aus einer Zeitspanne, die sich vom frühen 2. Jahrtausend vor Christi Geburt bis zur Zeitenwende erstreckt“, erklärt Daniel Schwemer. So groß der Zeitraum ihrer Entstehung, so bunt gemischt sind auch die Gattungen, denen sich diese Texte zuordnen lassen. Da finden sich Rechtsurkunden über Grundstückskäufe und über Darlehen sowie Verwaltungstexte, die auflisten, wie viele Tonnen Getreide täglich im Hafen von Babylon angeliefert wurden. Dazu gehören Königsinschriften aus der Zeit Nebukadnezars und Hymnen aus dem Tempelkult. Und da können Altorientalisten eine Art „Lehrbuch zur Vorhersage zukünftiger Ereignisse aus den Innereien von Opferschafen“ entziffern – von einem „Kompendium der Divination“ spricht Schwemer.

Die komplizierte Ausgrabungsgeschichte ist schuld daran, dass sich Keilschriftfragmente aus Babylon heute im Wesentlichen an drei Orten befinden: in Berlin, in Bagdad und in Istanbul. Wie gut diese Texte wissenschaftlich erschlossen sind, variiert stark von Standort zu Standort. Während die Sammlung in Bagdad gar nicht erschlossen ist, sind die Fundstücke in Berlin immerhin zu einem kleinen Teil publiziert. Mit der Publikation der Sammlung aus Istanbul könnten Schwemer und seine Kollegen somit ein Referenzwerk schaffen.

Vom Abzeichnen zur digitalen Edition

Anders als die abenteuerliche Ausgrabungsgeschichte vermuten lässt, sieht die Herangehensweise der Altorientalisten dabei gar nicht nach Abenteuer aus. Schon jetzt sind die Istanbuler Fundstücke fotografisch gut dokumentiert. Diese Fotos werden Schwemer und Greta Van Buylaere akribisch in Augenschein nehmen und in einer starken Vergrößerung fein säuberlich abzeichnen. Anschließend werden sie ihre Kopien bei Forschungsaufenthalten in der Türkei mit den Originaltafeln in den Archäologischen Museen von Istanbul „detektivisch vergleichen“, wie Daniel Schwemer sagt. Weitere Arbeitsschritte sind die Übertragung der Texte, die auf Babylonisch (Akkadisch) oder Sumerisch verfasst sind, in eine lateinische Umschrift, dann geht es an die Übersetzung und die Veröffentlichung – sowohl in Buchform als auch als digitale Edition. Das Online-Korpus wird die Texte nicht nur Wissenschaftlern in der ganzen Welt einschließlich des Nahen Ostens zur Verfügung stellen, sondern auch erweiterte Suchmöglichkeiten sowohl innerhalb der Texte als auch innerhalb der Übersetzungen bieten.

Keilschrift auf Tontafeln, die eine Zeit lang im Wasser gelegen waren: Für den Laien sieht das im besten Fall nach Spuren aus, die eine Rolle Maschendraht im Lehm hinterlassen hat. In solchen Fällen tun sich auch Keilschriftexperten bisweilen schwer. Kein Wunder, dass Schwemer und Van Buylaere davon sprechen, dass sie beim Abzeichnen der Texte das festhalten, „was wir gesehen oder zu sehen geglaubt haben“. Dass andere Wissenschaftler zu anderen Zeiten die Zeichen möglicherweise anders interpretieren, stört die beiden deshalb nicht. Schließlich sei es gut möglich, dass sich in ein paar Jahren ein neuer Kontext ergibt, beispielsweise, wenn zu einem Fragment die benachbarten Teile entdeckt werden, die sich deutlich besser lesen lassen.

Künstliche Intelligenz scheitert an schlecht erhaltenen Tafeln

Tonscherben abfotografieren, manuell mit Tinte und auf Papier abzeichnen und dann transkribieren: Sind das nicht längst veraltete Methoden, die dank moderner Technik obsolet sein könnten? Nein, sagt Daniel Schwemer. Gerade, wenn diese Tafeln so schlecht erhalten sind, scheitere ein automatischer Scan- und Leseprozess. „Dafür benötigt man Menschen mit Erfahrung im Lesen von Keilschrifttexten – und mit der entsprechenden Phantasie.“ Auch wenn er nicht ausschließen will, dass Künstliche Intelligenz diesen Prozess in der Zukunft übernehmen könnte.

Daniel Schwemer ist zuversichtlich, dass das Projekt in drei Jahren zu einem erfolgreichen Abschluss kommen wird – „dank der umfangreichen Vorarbeiten, der guten Vernetzung und der existierenden Diversifikation von Kompetenz“, wie er sagt. Von Vorteil sei in diesem Jahr natürlich auch die Tatsache gewesen, dass es von allen Tafeln bereits gute Fotos gibt. So konnten Schwemer und Van Buylaere mit der Arbeit beginnen, obwohl die Corona-Pandemie Reisen in die Türkei unmöglich gemacht hatte.

Quelle:

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon

Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)
Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)

Wein hatte im Mittelmeergebiet schon in der Eisenzeit eine große Bedeutung. Insbesondere durch die Phönizier, die Bewohner der östlichen Mittelmeerküste, wurde das Getränk beliebt und über ihre Handelswege verbreitet. Nun wurde bei Ausgrabungen im phönizischen Tell el-Burak die erste eisenzeitliche Weinpresse auf dem Gebiet des heutigen Libanon entdeckt – bislang waren keine Anlagen zur Herstellung von Wein in dieser Region bekannt. Den Aufbau der Presse aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und die verwendeten Baumaterialien haben Dr. Adriano Orsingher und Professor Jens Kamlah vom Biblisch-Archäologischen Institut sowie Dr. Silvia Amicone und Dr. Christoph Berthold vom Competence Center Archaeometry Baden-Württemberg (CCA-BW) der Universität Tübingen gemeinsam mit Professorin Hélène Sader von der American University in Beirut näher untersucht. Sie fanden heraus, dass die Phönizier beim Bau der Weinpresse einen Putz verwendeten, der aus Kalk und gemahlenen recycelten Tonscherben gemischt wurde. Diese Technik zur Herstellung eines Estrichmörtels wurde später von den Römern weiterentwickelt. Die Studie wird in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht.

Die Stätte Tell el-Burak wird seit 2001 als libanesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt archäologisch ausgegraben. Dort konnten die Überreste einer kleinen phönizischen Siedlung aus dem späten achten bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. freigelegt werden. Wahrscheinlich wurde die Siedlung zur Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten von der nahe gelegenen Stadt Sidon aus gegründet. Tell el-Burak war südwestlich und südöstlich von einer 2,5 Meter breiten Terrassenmauer eingegrenzt. „Südlich einer dieser Mauern haben wir eine gut erhaltene Weinpresse entdeckt. Sie war am Hang des Hügels angelegt worden“, berichten die Autoren.

Wasserresistentes und widerstandsfähiges Material

Analysen des Tübinger CCA-BW im Rahmen des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (1070) lieferten nun neue Daten zur Zusammensetzung und Technologie der eisenzeitlichen Kalkputzherstellung, aus dem auch die Weinpresse besteht. „Einen qualitativ guten Kalkputz herzustellen war aufwendig“, sagen die Autoren. „Die Phönizier haben die Technik weiterentwickelt, indem sie recycelte Keramikscherben verwendeten. Damit ließ sich besser und zugleich stabiler bauen.“ Im südlichen Phönizien habe sich eine lokale und innovative Tradition der Putzherstellung entwickelt. „Der Putz war wasserresistent und widerstandsfähig. Die Römer haben diese Technologie für den Gebäudebau übernommen.“ Das Forschungsteam will die Bauweise der Weinpresse auch mit zwei weiteren Anlagen in Tell el-Burak vergleichen, die aber auch anderen Zwecken gedient haben könnten.

Rekonstruktion der Weinpresse (Zeichnung: O. Bruderer,
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Ausgrabungsprojekts Tell el-Burak)



Frühere Forschungen in Tell el-Burak hatten ergeben, dass in der Umgebung des Orts großflächig Trauben angebaut wurden. „Wir gehen davon aus, dass dort für einige Jahrhunderte in großem Stil Wein hergestellt wurde. Für die Phönizier hatte er große Bedeutung, sie nutzten Wein auch in religiösen Zeremonien“, sagen die Autoren. Der frühere Fund einer großen Zahl von Amphoren, die häufig als Transportgefäße genutzt wurden, weise darauf hin, dass die Phönizier den Wein auch handelten. „Die Stadt Sidon lag an Meereshandelsrouten des östlichen Mittelmeergebiets. Phönizier spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Weins im Mittelmeergebiet, ihre Tradition des Weinkonsums gaben sie bis nach Europa und Nordafrika weiter.“ Bisher habe es kaum Nachweise für die Weinherstellung in Phönizien gegeben, so Orsingher. „Die neue Entdeckung liefert zahlreiche Hinweise, wie die Weinpioniere das Getränk herstellten.“

Mehr Infos zu der Entdeckung der Weinpresse gibt es hier.

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Die COVID-19-Pandemie in den letzten Monaten hat gezeigt, dass es verschiedene Strategien gibt, wie Gesellschaften mit Krisen umgehen. Im Titelthema des aktuellen Hefts von „Archäologie Weltweit“ beleuchten Forscherinnen und Forscher des DAIs, wie frühere Gemeinschaften Krisen begegnet sind und Herausforderungen bewältigt haben. In der Rubrik Fokus berichten die verschiedenen Standorte des DAIs, wie dort die Corona-Krise der letzten Monate erlebt wurde. Und Landschaft nimmt Sie/Euch mit in die Gärten der Vergangenheit: Orte der Sehnsucht und der Erholung.

Die neue Ausgabe des Magazins kann hier runtergeladen werden.

Quelle:

Nicole Kehrer , Pressestelle, Deutsches Archäologisches Institut, Berlin



			

Bezugnehmend auf den Artikel von Rupert Gebhard und Rüdiger Krause (siehe hierzu Beitrag Himmelsscheibe von Nebra – Debatte Teil 1) in der Zeitschrift »Archäologische Informationen« hat das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt eine Pressemitteilung mit folgenden Worten veröffentlicht:

„Die Kollegen ignorieren nicht nur die Fülle an publizierten Forschungsergebnissen der letzten Jahre, sie führen dafür verschiedene Argumente ins Feld, die indes leicht zu widerlegen sind.
Als Grundlage für diese These werden von Gebhard und Krause mehrere
Hauptpunkte ins Feld geführt. Insbesondere sei die Zusammengehörigkeit der Himmelsscheibe mit den übrigen Funden des Ensembles, deren bronzezeitliches Alter nicht in Frage gestellt wird, nicht gesichert. Als Behauptung wird aufgestellt, dass die Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe nicht mit denen der übrigen Funde übereinstimmen würden und auch die geochemischen Analysen der Metalle die Zusammengehörigkeit der Funde nicht unterstützen sollen.
Beides ist nachweislich falsch. Nach einem von den beiden Autoren nicht
zitierten Aufsatz von Dr. Jörg Adam (damals Landeskriminalamt
Brandenburg), der für das Landgericht Halle als Sachverständiger die
Untersuchungen der Erdanhaftungen durchführte, »[ist] insgesamt … somit
eine Herkunft sowohl der Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe (Sp 1) als auch am Schwert (Sp 2) von deren vermutlichem Fundort (Entnahmestelle des VM 1) als sehr wahrscheinlich anzusehen… Eine Sonderstellung nehmen die Erdreste am Beil (Sp 3) ein. Ein großer Teil der ermittelten Eigenschaften und Merkmale lassen ebenfalls eine Herkunft dieser Erdanhaftungen vom Mittelberg als möglich erscheinen«. Da sich der Untersuchungsauftrag des Gerichtes damals auf diese drei Gegenstände beschränkte, wurden die übrigen Beifunde vom Sachverständigen seinerzeit nicht untersucht und sind daher auch nicht als Argument gegen eine Zusammengehörigkeit aller Funde brauchbar. Insofern ist die Forderung der beiden Autoren, der Meißel müsse als nicht zugehörig ausgesondert werden, nicht nachvollziehbar. Ebenso führt die Behauptung, die geochemische Untersuchung der Metalle spräche gegen eine Zusammengehörigkeit der Funde in die Irre. Schon 2008 und 2010 haben Prof. Dr. Ernst Pernicka und Kollegen dargelegt, »dass das
Kupfer aller Teile des Hortes aus derselben Lagerstätte stammt.« Als
Lagerstätte hingegen ist seit langem der Mitterberg im Salzburger Land
nachgewiesen, dessen Kupferproduktion zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. geendet hat. Zusätzlich stellt Pernicka fest: »Analysen von keltischen [eisenzeitlichen] Kupferlegierungen zeigen ganz andere Zusammensetzungen sowohl der Hauptbestandteile als auch der Spurenelemente und Bleiisotopenverhältnisse«. Damit scheidet auch aus metallurgischer Sicht eine Datierung der Himmelsscheibe in die Eisenzeit klar aus. Ein letztes von Gebhard und Krause bemühtes Argument ist der Hinweis, die Himmelsscheibe von Nebra im damaligen Symbolgut würde als »ein vollkommener Fremdkörper« erscheinen. Dies ist zwar richtig, trifft aber auf jeden einzigartigen Fund zu. Die Himmelsscheibe von Nebra wäre in jeder vorgeschichtlichen Periode ein Fremdkörper.“

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Dr. Alfred Reichenberger
Stellvertretender Landesarchäologe und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt