An der Schwelle zur Unterwelt ist es gefährlich. Das weiß auch Professor Hardy Pfanz. Der Vulkanbiologe der Universität Duisburg-Essen (UDE) erforscht seit Jahren das Tor zur Hölle. Diese Tempelgrotten waren schon in der Antike Kult: Denn während die Tiere bei den Opferritualen tot umfielen, blieben die Priester unversehrt. Waren es übernatürliche Kräfte? Mitnichten, konnte Pfanz mit türkischen und italienischen Kollegen am Heiligtum von Hierapolis (heutige Türkei) nachweisen. Es liegt am Kohlendioxid, das dort nachts und früh morgens besonders stark vorherrscht.

Der magische Ort, der nahe Pamukkale liegt, zog schon vor über 2000 Jahren Pilger an. Hardy Pfanz hatte bei antiken Geschichtsschreibern wie Strabon, Cassius Dio und Plinius vom Tor zur Hölle gelesen – und war elektrisiert. Sie berichteten genau, was bei den Zeremonien geschah: Im Vorhof des Pluto-Tempels, einer unterirdischen Grotte, sammelte sich ein unsichtbarer, giftiger Dunst, der Tiere sofort tötete und den Priestern nichts anhatte.

Es muss der tödliche Atem des Höllenhunds Kerberos sein, der für den Gott Pluto den Eingang zur Unterwelt bewacht – davon waren die Menschen damals überzeugt. Sie konnten von ihren höher gelegenen Sitzreihen über der Arena das mystische Spektakel ungefährdet beobachten. „Gleichzeitig waren sie beeindruckt von der übernatürlichen Kraft der Priester. Man kann sich gut vorstellen, wie Religion entsteht“, sagt Hardy Pfanz.

Der Professor, der den weltweit einzigen Lehrstuhl für Vulkan-Biologie hat, weiß durch seine weltweiten Studien an CO2-Gas-Seen, was es mit dem ‚Todeshauch’ auf sich hat: „Hierapolis liegt wie viele andere Heiligtümer und Orakelstätten über tektonischen Störungen; viele Pluto-Tempel sind über Grotten errichtet – auch die beiden Heiligtümer in Hierapolis. In diese Grotten strömt geogenes Kohlendioxid; dabei bildet sich je nach Uhrzeit, ein bis zu anderthalb Meter hoher, unsichtbarer Gas-See, der tödlich ist. Wir haben nachgewiesen, dass die CO2-Konzentration in den Höhlen zeitweise extrem hoch war, nämlich zwischen 60 und 80 Prozent. Da erstickt man sofort; schon bei fünf bis acht Prozent wird einem schwindelig.“

Bei ihren umfangreichen Messungen fand das Team außerdem heraus: Es hängt vom Tageslicht ab, wie konzentriert der Gas-See ist. „Früh morgens ist die Konzentration stark und wird dann durch die Infrarotstrahlen der Sonne zerstört; geht die Sonne unter, steigt das Kohlendioxid wieder. Weil CO2 schwerer ist als Luft, sind die Werte am Boden besonders hoch.“

Die Priester waren clever, findet Pfanz. „Sie wussten, wann der tödliche Atem des Kerberos wirkte und bis zu welcher Höhe ein Aufenthalt völlig ungefährlich war. Morgens waren das etwa 40 cm über dem Boden. Wollten sie ihre übernatürlichen Kräfte demonstrierten, stellten sie sich auf Steine um die Opfertiere. Diese standen jedoch mitten im CO2-Dunst, ihnen wurde schwindelig, die Köpfe sanken zu Boden, wo sie die tödliche Dosis einatmeten. Die Priester hingegen konnten auf ihrer Position etwa 20 bis 40 Minuten aushalten.“

Die Ergebnisse wurden gerade in der Fachzeitschrift „Archaeological and Anthropological Sciences“ veröffentlicht.

Quelle:
Ulrike Bohnsack
Ressort Presse – Stabsstelle des Rektorats
Universität Duisburg-Essen

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ForscherInnen von über 80 verschiedenen Institutionen unter der Federführung von Ian Mathieson (University of Pennsylvania), David Reich (Harvard Medical School) und Ron Pinhasi von der Universität Wien haben in einer neuen Studie die Genomgeschichte in Südosteuropa untersucht. Diese Region ist bisher kaum erforscht, was die Erbinformation von menschlichen Skeletten betrifft. Sie fanden heraus, wie es um die gegenseitige Beeinflussung und Vermischung der ansässigen Bevölkerung mit den neu eintreffenden Völkern aus Anatolien bestellt ist. Die Untersuchung erscheint aktuell in Nature.

Vor ungefähr 8500 Jahren breitete sich die Landwirtschaft begleitet von einer Völkerbewegung aus Anatolien vom Südosten ausgehend nach Europa aus. Ein internationales Forschungsteam analysierte nun 225 Genomdaten von historischen Völkern, die vor oder nach diesem Wandel gelebt hatten.
Die Einflüsse und Vermischung dieser beiden Bevölkerungsgruppen gestalteten sich komplex. „An einigen Orten vermischten sich die Jäger und Sammler sehr rasch mit den einwandernden Bauern“, erklärt Erstautor Iain Mathieson, Genetiker an der University of Pennsylvania, „dennoch blieben die beiden Bevölkerungsgruppen größtenteils isoliert, zumindest für die ersten paar hundert Jahre. Die Jäger und Sammler hatten dort seit tausenden Jahren gelebt und die Ankunft all dieser neuen Menschen, mit ihrer gänzlich anderen Lebensweise und anderem Aussehen, musste für sie ziemlich schockierend gewesen sein“.

„Zweitausend Jahre später waren sie bereits gut durchmischt“, ergänzt David Reich von der Harvard Medical School, der für die Leitung der Studie mitverantwortlich war: „Einige Populationen sind bis zu einem Viertel ihrer Abstammung Jäger und Sammler“. In anderen Gegenden Europas war die Vermischung durch ein Geschlecht geprägt, denn der Großteil der Jäger- und Sammlervorfahren waren Männer. Allerdings entspricht das nicht den Ergebnissen im Südosten. „So ist ersichtlich, dass sich die Beeinflussung der beiden Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Gegenden unterschiedlich gestaltete, etwas, das wir im Zusammenhang mit archäologischen Zeugnissen zu verstehen versuchen“, ergänzt Mathieson.

„Durch die neuen Genomdaten können wir uns ein deutlicheres Bild vom Anfang des Übergangs zur Landwirtschaft in Südosteuropa machen. Anscheinend kam es gleich bei der Ankunft der Bauern zum Kontakt zwischen den landwirtschaftlich tätigen Gruppen und den Jägern und Sammlern in der Region. Da es keine Hinweise auf Gewalt oder Kriegsführung gibt, nehmen wir an, dass der Kontakt zwischen Individuen dieser beiden Gesellschaftsformen friedlich verlaufen ist“, meint Ron Pinhasi, Anthropologe an der Universität Wien.

„Diese Ergebnisse beleuchten die Beziehung zwischen Migrationswellen, genetischer Vermischung sowie Subsistenzwirtschaft in dieser Schlüsselregion und zeigen, dass sich Individuen selbst bei den frühen europäischen Bauern in ihrer Abstammung unterschieden und damit das dynamische Mosaik der Kreuzungen von Jägern und Sammlern widerspiegeln“, so Ron Pinhasi, der für die Leitung der Studie mitverantwortlich war. So ergibt sich ein umfassendes Bild von Schlüsselperioden der Vergangenheit.

Weitere Infos zu der Studie gibt es hier.

Quelle:
Stephan Brodicky
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

Fingerspuren auf Öllampen und Terrakotten zeigten Forschern nun erstmals, wie Töpfer in einer spätantiken Keramikwerkstatt vor rund 1700 Jahren gearbeitet haben.

Prof. Dr. Achim Lichtenberger von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster untersuchte dazu gemeinsam mit der forensischen Anthropologin Prof. Kimberlee S. Moran von der Rutgers University-Camden (USA) Fingerabdrücke auf tönernen Werkstoffabfällen. Die Studie ist in dem Fachmagazin „Antiquity“ erschienen.

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Auf der Innenseite der tönernen Öllampen sind die Fingerabdrücke deutlich zu erkennen.
(Foto: Kimberlee S. Moran)

Die Töpfer pressten für die Fertigung der keramischen Produkte Ton in Formen, wobei immer wieder plastische Fingerabdrücke im Ton erhalten blieben. Achim Lichtenberger und seine Kollegin erkannten identische Abdrücke auf unterschiedlichen Objekten und fanden so heraus, dass eine Person sowohl Öllampen als auch figürliche Terrakottastatuetten fertigte – bisher ließ sich das in dieser Eindeutigkeit nicht nachweisen. Die Fingerspuren waren zudem oft an einer spezifischen Stelle der Lampe oder der Terrakotte zu finden und veranschaulichen so die Handbewegungen des Handwerkers. „Er verteilte Ton offensichtlich immer auf dieselbe Weise in die Form. Man erkennt daran, dass der Handwerker sehr routiniert arbeitete“, erklärt Achim Lichtenberger. Einer der Arbeiter entwickelte offensichtlich sogar einen neuen Öllampen-Typus mit einem charakteristischen Dekor, indem er zwei bestehende Typen vereinte. „Dieser Typus ist sehr selten. Es gibt nur ein bekanntes Exemplar dieser Art“, sagt der münstersche Archäologe. „Die Arbeit zeigt den Versuch, Formen weiterzuentwickeln – und das endete manchmal auch in einer Sackgasse.“

Die beiden Wissenschaftler widmeten sich rund 700 Objekten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zwei Zisternen gefunden worden waren. Das Material stammte aus einer Werkstatt, die vermutlich um 300 nach Christus in Betrieb war. Das Besondere an der Studie war zum einen die einzigartige Chance, Gegenstände zu untersuchen, die in einem engen Zeitraum von einer überschaubaren Zahl von Arbeitern gefertigt wurden. Zum anderen ermöglichte die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Forensik eine umfangreiche Untersuchung. Während Achim Lichtenberger die Fragmente klassifizierte und interpretierte, analysierte und fotografierte seine Kollegin aus der Forensik die Objekte mit Streiflicht und bestimmte das charakteristische Profil der Fingerabdrücke, die während des Brennens auf der Tonoberfläche konserviert worden waren.

In einer zweiten Untersuchungsstufe soll ab Frühjahr eine Spezial-Software zum Einsatz kommen, um die Fingerspuren zusätzlich EDV-gestützt zu analysieren.

Weitere Infos zu den Fingerabdrücken auf spätrömischer Keramik gibt es hier.

Quelle:
Jana Schiller
Presse- und Informationsstelle
Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Seit 2006 erforscht das Deutsche Archäologische Institut eine neu entdeckte Kulturlandschaft aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. im Hochgebirge des Nordkaukasus. Mehr als 200 Siedlungsplätze und 60 weitere Fundstellen konnten mittels moderner Fernerkundungsmethoden lokalisiert und deren spektakuläre Steinarchitektur untersucht werden. 

In der der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. kommt es in vielen Regionen Eurasiens nach einer langen Periode weitgehend mobiler Lebensweisen zu einer Reorganisation permanent sesshafter Gesellschaften. Zeichen dieses Wandels sind Siedlungen mit komplexer Steinarchitektur, deren spektakulärsten Beispiele seit 2006 zur Entdeckung einer neuen Kulturlandschaft und einer neuen bronzezeitlichen Kultur im Nordkaukasus geführt haben.

Die nun vorliegende Monographie „Landschaftsarchäologie im Nordkaukasus“ stellt die Entdeckungsgeschichte und die ersten Schritte der Erforschung dieser Kulturlandschaft im Hochgebirge vor. Mit einem hochmodernen, multidisziplinären Forschungsansatz wurden nicht nur mehr als 260 Fundplätze entdeckt und prospektiert. Durch eine systematische Integration von Fernerkundungsdaten, geophysikalischer und geoarchäologischer Prospektion sowie Ausgrabungen konnten die Aktivitätsmuster ganzer Siedlungen rekonstruiert werden. Mit einem innovativen Methodenspektrum ließ sich ein hoch effizientes soziales und ökonomisches System rekonstruieren, das vom 17. bis 10. Jahrhundert v. Chr. in einem heute unwirtlichen Teil des kaukasischen Hochgebirges eine bis heute unerreichte Siedlungsdichte möglich machte.

Der Band umfasst Beiträge zur Entdeckung, Fernerkundung und Prospektion der Siedlungslandschaft, zu den Ausgrabungen an repräsentativen Fundplätzen und deren archäologischer wie archäozoologischer Auswertung. Ein umfangreiches Kapitel widmet sich den geoarchäologischen Untersuchungen. Hier werden unter anderem neue mikrobakteriologische Analysemethoden zum Nachweis von Vieh vorgestellt. Eine typo-chronologische Klassifikation der Siedlung erlaubt im Zusammenspiel mit den ökonomischen Analysen über ein skaliertes Analyseverfahren von einzelnen Siedlungen über Siedlungskammern bis hin zur Gesamtregion die Rekonstruktion eines alpinen Wirtschaftssystems, das wir heute als Almwirtschaft kennen. Es ist das älteste bislang belegte System dieser Art in Eurasien. Am Schluss steht die Einbindung in analoge Entwicklungen in Kaukasien und den südlich angrenzenden Bergländern, genauso aber auch in den eurasischen Steppenraum und die Schwarzmeerregion.

Mehr Informationen zur Publikation „Landschaftsarchäologie im Nordkaukasus. Studien zu einer neu entdeckten bronzezeitlichen Kulturlandschaft im Hochgebirge des Nordkaukasus“ gibt es hier.

Quelle:
Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut

Mehr als 1000 Siegel geben neue Einblicke in die griechisch-römische Götterwelt.

Altertumswissenschaftler des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster haben in der Südosttürkei einen großen Fund an Siegelabdrücken gemacht. „Die einzigartige Artefaktgruppe aus mehr als 1000 Stücken, die aus dem städtischen Archiv der antiken Stadt Doliche stammen, gibt viele Einblicke in die griechisch-römische Götterwelt – von Zeus über Hera bis zu Iuppiter Dolichenus, der von diesem Ort aus zu einem der wichtigsten römischen Gottheiten wurde“, erläutert Altertumswissenschaftler und Grabungsleiter Prof. Dr. Engelbert Winter vom Exzellenzcluster zum Ende der Grabungssaison. „Dass die Verwaltung hunderte Dokumente mit den Götterbildern besiegelte, zeigt, wie stark die religiösen Vorstellungen den Alltag prägten. Der Kult um Iuppiter Dolichenus fand nicht nur im nahe gelegenen Zentralheiligtum statt, sondern prägte auch das Stadtleben“, so Prof Winter. „Deutlich wird außerdem, wie stark Iuppiter Dolichenus, der ursprünglich an diesem Ort verehrt wurde, im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus mit dem ganzen römischen Reich verbunden war: Viele der Bilder zeigen den Gott im Handschlag mit verschiedenen römischen Kaisern.“

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Siegelabdrücke aus dem Archiv von Doliche (Foto: Forschungsstelle Asia Minor)

Das Grabungsteam erforscht das Heiligtum des Soldatengottes Iuppiter Dolichenus seit 17 Jahren. In diesem Jahr konzentrierte es sich auf das Stadtgebiet. „In einem Gebäudekomplex konnten wir unter einem um 400 nach Christus zu datierendem Mosaik einen noch älteren Mosaikboden von ebenfalls sehr hoher Qualität freilegen“, so Prof. Winter. „Nach jetzigem Stand deutet viel auf eine spätantike Kirche hin. Das könnte sich als ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Geschichte des frühen Christentums in der Region erweisen.“ Die Grabungen in dem dreischiffigen Gebäudekomplex hatten 2015 begonnen. Inzwischen sind 150 Quadratmeter des großen, von Säulen umstandenen Mittelschiffs freigelegt worden.

Zum großen Fund der Siegelabdrücke führte Grabungsleiter Winter aus: „Viele Siegel lassen sich aufgrund ihrer Größe, des häufigen Auftretens und in einigen Fällen auch aufgrund von Inschriften den administrativen oder offiziellen Siegeln der Stadt zurechnen. Neben den Abbildungen der ‚Stadtgöttin‘ Tyche verdienen vor allem die Darstellungen des Augustus und der Dea Roma Beachtung, weisen diese doch auf die wichtige Rolle des römischen Kaisers und der personifizierten Göttin des römischen Staates für die an der östlichen Grenze des Imperium Romanum liegende Stadt Doliche. Zentrales Motiv ist aber der wichtigste Gott der Stadt, Iuppiter Dolichenus. Sein Kult breitete sich im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus in weite Teile der Mittelmeerwelt hinein bis nach Britannien aus“, erläutert Prof. Winter. Daher verwundere es nicht, wenn Hunderte von Dokumenten mit Bildern besiegelt wurden, die den Handschlag zwischen Gott und Kaiser zeigen. „Damit wurde die tiefe Verbundenheit des Gottes mit dem römischen Staat zum Ausdruck gebracht.“
Die Bilder liefern zugleich Erkenntnisse über den Kult selbst. So fanden sich neben Abdrücken von Büsten des Iuppiter und seiner Gemahlin Iuno Darstellungen der göttlichen Zwillinge Kastor und Pollux, den Söhnen des Zeus. „Die Söhne des Zeus, auch Dioskuren oder Castores Dolicheni genannt, werden häufig als Begleiter des Iuppiter dargestellt und spielen daher eine wichtige Rolle im Kultgeschehen“, erläutert Prof. Winter.

Die Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster gräbt unter der Leitung von Prof. Winter vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ seit 2001 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Hauptheiligtum des Iuppiter Dolichenus. Die internationale Gruppe aus Archäologen, Historikern, Architekten, Restauratoren, Archäozoologen, Geoinformatikern und Grabungshelfern legte jedes Jahr Funde aus allen Epochen der 2000-jährigen Geschichte des Kultplatzes frei, etwa die mächtigen Fundamente des ersten eisenzeitlichen Heiligtums, zahlreiche monumentale Architekturfragmente des römischen Haupttempels, aber auch weitläufige Ruinen einer bedeutenden byzantinischen Klosteranlage, die nach dem Untergang des antiken Heiligtums durch Anhänger des christlichen Glaubens an diesem Ort erbaut wurde. Um heute das Grabungsareal nahe der antiken Stadt Doliche einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird an einem Archäologischen Park gearbeitet. Eng mit der Grabung vernetzt ist Prof. Winters Forschungsprojekt am Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Es trägt den Titel „Sichtbarkeit, Selbstdarstellung und Rezeption syrischer Kulte im Westen des Imperium Romanum“.

Weitere Infos zu den Siegeln gibt es hier.

Quelle:

Viola van Melis
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Im Jahre 2012 wurden mehrere Elfenbeinfragmente entdeckt, die erst kürzlich von als Bruchstücke einer sogenannten „Venus“-Figur aus Elfenbein erkannt wurden. Sie stellen die ältesten Funde dieser Art außerhalb Süddeutschlands dar.

Im Rahmen eines internationalen Kooperationsprojektes führt das Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS in Neuwied, eine Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz (RGZM), in enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte seit 2009 Ausgrabungen auf dem früh-jungpaläolithischen Fundplatz Breitenbach bei Zeitz im Burgenlandkreis durch. Der ausgedehnte Freilandsiedlungsplatz auf einem Sporn über dem Flüsschen Aga ist seit den 1920er Jahren bekannt und stellt eine der nördlichsten Stationen des sog. Aurignacien (ca. 40.000 – 33.500 vor heute), der frühesten Phase des dem Homo sapiens zugeordneten Jungpaläolithikums in Europa, dar.

Der rund 34.000 Jahre alte Fundplatz Breitenbach erbrachte bereits in der Vergangenheit spektakuläre Ergebnisse. So konnten dort vor fünf Jahren winzige Perlen aus der ältesten Elfenbeinwerkstätte der Welt mit klar voneinander abgegrenzten Arbeitsbereichen nachgewiesen werden. Verarbeitet wurde in dieser Werkstatt nicht nur „frisches“, sondern auch sehr viel älteres Mammutelfenbein, das offensichtlich vor deutlich mehr als 200.000 Jahren in Breitenbach angespült und abgelagert worden war.

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Projektion der Breitenbacher Elfenbeinfragmente auf die Oberschenkel und Brustpartie der »Venus vom Hohle Fels« und einer Venusfigur aus Elfenbein von der Fundstelle Kostenki 1
Fotos „Venus vom Hohle Fels“, Breitenbacher Elfenbeinfragmente (links und rechts): J. Lipták (München); Foto Venus Kostenki 1 (Mitte): MAE (Kunstkamera) RAS, St. Petersburg, Russia, MAE #4464-1

Ebenfalls bereits im Jahre 2012 wurden mehrere Elfenbeinfragmente entdeckt, die erst kürzlich von Grabungsleiter Dr. Olaf Jöris und seinem Team als Bruchstücke einer sog. „Venus“-Figur aus Elfenbein erkannt wurden. Dabei handelt es sich um eine altsteinzeitliche, also paläolithische, Frauenstatuette. Drei kleine, nur zwischen 1,4 cm und 1,8 cm große, auf den ersten Blick sehr unscheinbare, jedoch sorgfältig oberflächig bearbeitete und polierte Elfenbeinfragmente aus Breitenbach lassen sich mühelos in vollständig erhaltene Figuren einpassen, wie sie etwa aus dem „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb bekannt sind.

Im Aurignacien waren plastisch gearbeitete Statuetten bislang nur aus Höhlen der Schwäbischen Alb bekannt, die nicht zuletzt deshalb in diesem Jahr in das UNESCO-Welterbe der Menschheit aufgenommen wurden. Erst mit dem nachfolgenden „Gravettien“ (ca. 33.500 – 23.500 vor heute) finden sich figürliche Plastiken dann im gesamten eurasischen Raum. Die Funde von Breitenbach zeigen, dass figürlich gearbeitete Plastiken im Aurignacien Teil einer Tradition sind, die in Mitteleuropa entstand und nicht allein auf den süddeutschen Raum begrenzt war. Daneben zeigen sie, dass sich diese Idee erst mit dem Übergang vom Aurignacien zum „Gravettien“ ausbreitete. Breitenbach steht damit an der Wende eines überregionalen kulturellen Umbruchs, der sich wohl als ein Wandel der damaligen Weltanschauungen und des sozialen Miteinanders verstehen lässt.

Freilandfundstellen aus dieser frühen Phase des Jungpaläolithikums sind relativ selten erhalten. Die meisten Funde dieser Zeit stammen daher aus Höhlen, die jedoch durch spätere Nutzung vielfach überprägt sind. Im ausgehenden Aurignacien lag Breitenbach wegen der eiszeitlichen Vergletscherung am nördlichsten Rand der bewohnten Welt.

Vor etwas mehr als 40.000 Jahren besiedelte der moderne Mensch, Homo sapiens, erstmals Europa. Er traf dort auf Populationen von Neandertalern, die er nach und nach verdrängte, wenngleich es auch einen begrenzten genetischen Austausch zwischen beiden gab. Mit dem Auftreten des modernen Menschen lassen sich in Europa erstmalig Schmuck und Kunst nachweisen.

Die Funde von Breitenbach werden in der Sonderausstellung „Klimagewalten – 
Treibende Kraft der Evolution“ (Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, 30.11.2017 – 21.05.2018) erstmalig gezeigt.

Mehr Infos zu der Elfenbeinplastik gibt es hier.

Quelle:

Alfred Reichenberger
Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte

Die Gerda Henkel Stiftung hat im Förderschwerpunkt »Patrimonies« dem Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts und der HimalAsia-Stiftung ein dreijähriges Kooperationsprojekt zur Baudokumentation und Instandsetzung von drei Palästen des ehemaligen Königreiches Mustang in Nepal bewilligt.

Im Himalaya im ehemaligen Königreich Mustang, das bis vor kurzem kaum touristisch erschlossen war, haben sich fünf Paläste der einstigen Könige von Mustang erhalten, die ein wichtiges und bedeutendes kulturelles Erbe dieser tibetisch beeinflussten Region darstellen. Die Palastanlagen weisen aufgrund von Vernachlässigung und vor allem der Folgen der schweren Erdbeben 2015 erhebliche Schäden auf und müssen dringend gesichert und instand gesetzt werden.

Dhagmar. Palastanlage

Dhagmar. Palastanlage. Autor: U. Wulf-Rheidt

Geplant sind eine erstmalige bauforscherische Dokumentation der Paläste unter Leitung von Ulrike Wulf-Rheidt vom Architekturreferat der Zentrale des DAI sowie eine Instandsetzung von drei besonders gefährdeten Palästen, dem Palast in Gemi, Dhagmar und Thingkar, unter Leitung von Susanne von der Heide von der HimalAsia-Stiftung in Kathmandu/Nepal. Die Arbeiten finden in enger Abstimmung mit dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes statt.
Ziel des Projektes ist es vor allem, in Nepal Kompetenz sowohl in der Baudokumentation als auch der sensiblen, dem kulturellen Erbe angemessenen Instandsetzung gefährdeter Bausubtanz mit traditionellen Baumethoden zu entwickeln und aufzubauen. Ergebnis soll ebenso eine erstmalige Erforschung der Entwicklung dieser Palastanlagen sein. Sie soll ferner eine dendrochronologische Untersuchungen durch das Referat Naturwissenschaften der Zentrale des DAI umfassen, um zu einer bislang fehlenden verlässlichen Datierung der Anlagen und ihrer Umbauten zu gelangen.

Thingkar, Sommerpalast. Blick in den Haupthof

Thingkar, Sommerpalast. Blick in den Haupthof. Autor: U. Wulf-Rheidt

Mustang war bis 1950 ein unabhängiges Königreich, das im Jahr 1440 durch seinen ersten Herrscher König Amepal (1388-1440) etabliert wurde. Durch Sprache und Kultur war das Königreich zu allen Zeiten eng an Tibet gebunden. Entlang des Flusses Kali Gandaki führte die alte Salzstraße West-Nepals über Mustang nach Tibet. Nach der Besetzung Tibets durch China und dem Zusammenbruch der Handelsrouten büßte das Land seine Unabhängigkeit ein und ist seitdem als nördlicher Teil des Distriktes Mustang in die Verwaltungsstruktur Nepals eingegliedert. Die Monarchie lebte aber bis Sommer 2008 als Königreich von Lo fort und der Nachfolger des letzten Königs Jigmed Palbar Bista, der Raja oder Gyalpo von Mustang, genießt heute noch in der Region hohes Ansehen.
Da das Königreich bis 1992 kaum bzw. nur sehr schwer zugänglich war und der touristische Zustrom immer noch stark reguliert wird, haben sich hier auf einer Höhe von 2500 bis 5000 m ü. NN die mittelalterliche Kultur und Bautradition ohne größeren modernen Einfluss sehr gut erhalten. Daher hat die UNESCO-Nepal-Kommission die Region Nord-Mustang als buddhistisch geprägte Kulturlandschaft von besonderer Bedeutung zur Aufnahme in die Welterbeliste vorgeschlagen. Schon im Jahr 2008 ist die Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Mustang, Lo Manthang,  auf die sogenannte tentative UNESCO-Welterbeliste Liste eingeschrieben worden.

Für die Architektur der Region stellen neben den Tempeln und Klöstern vor allem die Paläste (Darbar) der Könige von Mustang eine wichtige Baugruppe dar. Sie spiegeln, wie die Klosteranlagen, die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit der Region im 15. und 16. Jahrhundert wider. Die Palastanlagen stellen eindrucksvolle Beispiele für die Bauweise im 15. Jahrhundert in Mustang dar und sind darüber hinaus Symbole für die tibetisch geprägte Kultur der Lopa, der einheimischen Bevölkerung.
Sie sind alle in der für die Region typischen rammed earth technique, einer Lehmbauweise, errichtet. Trotz ihrer bauhistorischen und kunsthistorischen Bedeutung sind alle Paläste unzureichend dokumentiert und erforscht.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

 

Restauratoren der TH Köln untersuchen gemeinsam mit Naturwissenschaftlern der Technischen Universität Berlin und Archäologen der Humboldt-Universität zu Berlin antike Wandmalereien in der jordanischen Felsenstadt Petra – Hauptstadt des untergegangenen Reiches der Nabatäer und heutiges UNESCO-Weltkulturerbe.

Touristen aus aller Welt werden von den in die Felswände geschlagenen, rund 2300 Jahre alten Tempeln und Palästen mit ihren detailreichen, farbenfrohen und teilweise vergoldeten Wandmalereien angezogen. Da diese von Wind, Regen, starken Temperaturschwankungen und hoher Luftfeuchtigkeit bedroht sind, sollen jetzt Konservierungskonzepte entwickelt und erprobt werden. „Die Nabatäer haben kaum Schrifterzeugnisse hinterlassen. Darum sind ihre Wandmalereien von ungemeiner historischer Bedeutung zum Verständnis dieser Kultur. Nur wenige ihrer Malereien sind bislang erfasst und konserviert worden. In vielen Fällen leistet unser Projekt daher Pionierarbeit“, erläutert Prof. Adrian Heritage vom Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) der TH Köln. In einem ersten Schritt lernten die Forscherinnen und Forscher die Gegebenheiten und Ansprechpartner vor Ort kennen und erfassten mögliche Konservierungsobjekte in ausgewählten Höhlen.

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Außenansicht auf Little Petra. (Copyright: Sarah Hutt/TH Köln)

Um die Verwitterungs- und Veränderungsprozesse besser zu verstehen, denen die Malereien ausgesetzt sind, hat Sarah Hutt, Diplom-Restauratorin am CICS, an drei Objekten Messgeräte installiert. Diese dokumentieren den Salzgehalt und Feuchtigkeit in der Luft. „Durch das Klimamonitoring erhalten wir Anhaltspunkte, welche Konservierungsmethoden für die verschiedenen Malereien angemessen sind“, so Hutt. Bei kommenden Reisen werden zudem mit zerstörungsfreien Methoden die Malschichten, Bindemittel, Farbpigmente sowie Maltechniken analysiert. So sammeln die Restauratorinnen und Restauratoren weitere Hinweise zur zielführenden Bearbeitung.

Die ausgewählten Restaurierungs- und Konservierungsmethoden sollen anschließend an drei Objekten beispielhaft angewendet werden. „Es gibt mehrere tausend Höhlen in Petra, viele davon unerschlossen. Daher kann unser Projekt nur ein erster Schritt sein, der von lokalen Fachkräften weitergeführt wird“, so Heritage. In enger Zusammenarbeit mit den Behörden sollen daher einheimische Restauratoren geschult werden.

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Wandmalereien im Goldschmiedetal „Wadi Syagh“. (Copyright: Sarah Hutt/TH Köln)

Das Forschungsprojekt wird über drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Neben Prof. Heritage vom CICS der TH Köln sind Prof. Dr. Birgit Kanngießer vom Institut für Optik und Atomare Physik der Technischen Universität Berlin und Professor Dr. Stephan G. Schmid vom Institut für Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin beteiligt. In Jordanien arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Department of Antiquities of Jordan, dem Petra Archaeological Park (PAP) und der University Hashemite zusammen.

Mehr Infos zu den Konservierungskonzepten für die Wandmalereien in der Felsenstadt Petra gibt es hier.

Quelle:

Petra Schmidt-Bentum
Referat für Kommunikation und Marketing, Team Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Technische Hochschule Köln

93 Texttafeln in assyrischer Sprache aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. warten auf Entzifferung.

In der Region Kurdistan im Norden des Irak haben Archäologen des Instituts für die Kulturen des Alten Orients der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Peter Pfälzner bei ihren Ausgrabungen in der alten Stadt Bassetki überraschende Entdeckungen gemacht: Sie stießen unter anderem auf ein Keilschriftarchiv mit 93 Tontafeln, das sie in die Zeit um 1250 v. Chr. datieren, die Periode des mittelassyrischen Reiches. Was auf den Texttafeln festgehalten ist, bleibt vorerst ein Geheimnis. Sie müssen entziffert werden, was nach Einschätzung der Forscher aufwendig und langwierig werden könnte.

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Bassetki (Irak-Kurdistan) 2017: Blick in das Keramikgefäß mit den assyrischen Keilschrifttafeln.
Foto: Peter Pfälzner, Universität Tübingen

Die bronzezeitliche Stadtanlage von Bassetki wurde erst 2013 bei Geländeforschungen im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereiches „RessourcenKulturen“ (SFB 1070) entdeckt. Die Tübinger Archäologen konnten ihre Arbeiten in diesem Jahr auch im September und Oktober ungestört fortsetzen, trotz der Turbulenzen um das kurdische Unabhängigkeitsreferendum und der heftigen Reaktionen der umliegenden Regierungen. In den vergangenen Monaten legten die Forscher Siedlungsschichten aus der Frühen, Mittleren und Späten Bronzezeit sowie der nachfolgenden Assyrischen Periode frei. „Die Funde belegen, dass dieses frühe städtische Zentrum in Nordmesopotamien jahrhundertelang, von ca. 3000 bis 600 v. Chr., nahezu ununterbrochen besiedelt war. Dies weist auf eine herausgehobene Bedeutung Bassetkis an wichtigen alten Handelsrouten hin“, sagt Peter Pfälzner.

Schicht aus der Zeit des wenig erforschten Mittani-Reiches

Erstmals kam an diesem Ort nun auch eine Schicht aus der Zeit des noch wenig erforschten Mittani-Reichs (ca. 1550 – 1300 v. Chr.) zu Tage. Zwei in dieser Schicht gefundene mittanische Keilschrifttafeln berichten von intensiven Handelsaktivitäten der Bewohner der Stadt um die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., die wohl durch ihre Lage an den Handelswegen von Mesopotamien nach Anatolien und Syrien florierte.

In der darauffolgenden Periode des mittelassyrischen Reiches erlebte die Stadt eine neue Blüte. Die Forscher aus Tübingen, die in Kooperation mit Dr. Hasan Qasim von der Antikendirektion der Region Dohuk arbeiten, entdeckten ein Keilschriftarchiv mit 93 Tontafeln aus dieser Zeit, das um 1250 v. Chr. zu datieren ist. Alleine 60 dieser beschriebenen Tontafeln waren in einem Keramikgefäß nie-dergelegt, welches wohl zur Archivierung der Texte diente. Das Gefäß fanden die Ausgräber in einem zerstörten Raum eines mittelassyrischen Gebäudes; dort war es zusammen mit zwei weiteren Gefäßen mit einem dicken Lehmmantel umhüllt worden. „Das Gefäß wurde möglicherweise auf diese Weise versteckt, unmittelbar nachdem das umgebende Gebäude zerstört worden war. Vielleicht sollten die enthaltenen Informationen geschützt und für die Nachwelt aufbewahrt werden“, erläutert Peter Pfälzner. Es ist allerdings noch nicht klar, ob es sich um wirtschaftliche Aufzeichnungen, juristische oder religiöse handelte. „Ein kleines Fragment einer Tontafel hat unsere Philologin Dr. Betina Faist bereits entziffert. Dort wird ein Tempel der Göttin Gula erwähnt, sodass möglicherweise ein religiöser Kontext in Betracht zu ziehen ist“, sagt der Wissenschaftler.

Die Entzifferung: Eine große Herausforderung

Vor Ort haben die Wissenschaftler die Tontafeln mit modernen computergestützten Fotografie-Methoden aufgenommen, aus denen Texturbilder mit veränderbarer Lichtquelle entstehen. Die aufwendige Arbeit des Lesens und Übersetzens der 93 Keilschrifttafeln in assyrischer Sprache beginnt allerdings erst jetzt in Deutschland, nach Rückkehr des Teams aus dem Irak. Da viele der Tontafeln ungebrannt und stark abgerieben sind, stellt die Entzifferung eine große Herausforderung dar und wird lange Zeit in Anspruch nehmen. Peter Pfälzner hofft, dass sich aus den Texten zahlreiche neue Kenntnisse über die Geschichte, Gesellschaft und Kultur dieser bisher kaum erforschten Region Nordmesopotamiens im zweiten Jahrtausend v. Chr. ablesen lassen werden.

Mehr Infos zu der Entdeckung der Keilschriften gib es hier.

Quelle:
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

In diesen Tagen startet ein von der Europäischen Union (EU) im Rahmen des Erasmus+ Programms mit rund 370.000 Euro gefördertes Kooperationsprojekt in der Archäologie.

Unter der Leitung des Instituts für Klassische Altertumskunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bringen die Universitäten in Kiel, Aarhus, Bergen, Paris, Birmingham und die Offene Universität der Niederlande gemeinsam die strategische Partnerschaft “Ancient Cities. Creating a Digital Learning Environment on Cultural Heritage“ (deutsch: „Städte des Altertums – Schaffung einer digitalen Lernumgebung zum kulturelle Erbe“) auf den Weg. Ziel des europaweiten Kooperationsprojekts ist es, am Beispiel der antiken Stadt kulturelles Erbe digital zu erschließen. Während der dreijährigen Laufzeit soll in dem internationalen Lehrprojekt ein innovatives, paneuropäisches digitales Lernmodul entwickelt werden: Zusammen mit Studierenden der Archäologie erstellen Forscherinnen und Forscher an den verschiedenen Hochschulstandorten einen sogenannten Massive Open Online Course (MOOC), also ein filmbasiertes und interaktives Lernformat, an dem Interessierte standortunabhängig über das Internet teilnehmen können. So wollen die Projektteilnehmenden anhand der Forschung zu verschiedenen antiken Stätten zentrale Inhalte der Klassischen Archäologie in einem zeitgemäßen Lehrformat aufbereiten. Vergangene Woche kamen die Projektverantwortlichen zu einem dreitägigen Auftakttreffen des europäischen Kooperationsprojekts an der Universität Kiel zusammen.

„Wir freuen uns, mit dieser strategischen Partnerschaft ein zukunftsweisendes und in der Archäologie einzigartiges Projekt gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern in Angriff nehmen zu können. Wir hoffen, damit die Didaktik der Altertumskunde ins 21. Jahrhundert zu überführen und die junge Generation für die Faszination der Antike zu gewinnen“, betont Stefan Feuser, Projektkoordinator und Professor auf Zeit für Klassische Archäologie an der CAU. Bereits im Laufe des kommenden Jahres werden erste digitale Lerninhalte entstehen, die die beteiligten Institutionen in das Curriculum ihrer jeweiligen Archäologie- und Altertumskunde-Studiengänge integrieren wollen. Neben dem sogenannten MOOC ist ein gemeinsamer projektbegleitender Internetauftritt geplant. Die sukzessiv entstehenden Lernmedien stehen zunächst den Studierenden der kooperierenden Universitäten zur Verfügung und werden in einem nächsten Schritt auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit erfüllen die Projektverantwortlichen unter dem Schlagwort „Open Science“ die Anforderungen an allgemein zugängliche und transparente Wissenschaft.

Mit diesem europaweit einzigartigen Projekt wollen die Partnerinstitutionen nicht nur ihr Fach in zeitgemäßer Form präsentieren, sondern vor allem ihre künftigen Absolventinnen und Absolventen in besonderer Weise für die moderne Arbeitswelt in Wissenschaft und Praxis qualifizieren. „Unsere Studierenden können in vielfältiger Weise vom Ancient-Cities-Projekt profitieren – sie erwerben neben dem archäologischen Fachwissen Qualifikationen in der Medienproduktion, verbessern ihre Sprachkenntnisse und lernen die internationale akademische Zusammenarbeit kennen. Wir hoffen, so den Grundstein für anschließende europaweite Forschungskooperationen in der klassischen Archäologie zu legen“, gibt sich Dr. Michael Blömer, Assistenzprofessor an der Universität Aarhus, optimistisch.

Über das EU-Förderprogramm:
Erasmus+ ist das Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union. In ihm werden die bisherigen EU-Programme für lebenslanges Lernen, Jugend und Sport sowie die europäischen Kooperationsprogramme im Hochschulbereich zusammengefasst. Erasmus+ ist mit einem Budget in Höhe von rund 14,8 Mrd. Euro ausgestattet. Mehr als vier Millionen Menschen werden bis 2020 von den EU-Mitteln profitieren. Das auf sieben Jahre ausgelegte Programm soll Kompetenzen und Beschäftigungsfähigkeit verbessern und die Modernisierung der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung und der Kinder- und Jugendhilfe voranbringen.

Weitere Infos zu dem Kooperationsprojekt gibt es hier.

Quelle:
Dr. Boris Pawlowski
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel