Es sind Spuren vergangener Kulturen, um die sich geheimnisvolle Mythen ranken: Wer erschuf die Nazca-Linien? Wo liegt Atlantis? Und was hat es mit der Himmelsscheibe von Nebra auf sich? Dazu mehr in der Doku „Die sieben größten Rätsel der Menschheit“ auf ZDF Info

Jedes Wort, das wir lesen und schreiben, geht darauf zurück: auf das Alphabet. Jetzt haben Archäolog/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei Ausgrabungen in Israel ein wichtiges Beispiel für die Buchstabenfolge aus der Bronzezeit gefunden: Eine beschriftete Keramikscherbe, die das fehlende Bindeglied – den Missing Link – in der Geschichte der Entstehung und Verbreitung des Alphabets zu füllen scheint.

Seine Erfindung kam einer Revolution innerhalb der Entwicklung der Schrift gleich. Denn: Mit der Entstehung des Alphabets erwuchs ein System, das – mit Blick auf die ägyptischen Hieroglyphen – mit vergleichsweise wenigen Zeichen die Fülle eines sprachlichen Wortschatzes wiedergeben konnte. Bisher fehlten allerdings Belege für die Zeit seiner Entstehung und Verbreitung. Bei Ausgrabungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Israel wurde jetzt eine beschriftete Keramikscherbe als frühes Beispiel für das Alphabet aus der Zeit um 1450 v. Chr. entdeckt. Die Ergebnisse wurden in der britischen Fachzeitschrift Antiquity publiziert, die in Partnerschaft mit Cambridge University Press herausgegeben wird.

„Diese Keramikscherbe ist eines der frühesten Beispiele für alphabetische Schrift, die in Israel gefunden wurde“, sagt Felix Höflmayer vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, der das Forschungsprojekt an der archäologischen Ausgrabungsstätte von Tel Lachisch in Israel leitet. Dank präziser C14-Daten konnte die Scherbe auf 1450 v. Chr. datiert werden. „Allein ihr Vorhandensein bringt uns dazu, die Entstehung und Verbreitung des frühen Alphabets im Nahen Osten neu zu überdenken“, so der Forscher.

Ausbreitung in der Levante


Die Anfänge unseres Alphabets sind auf der ägyptischen Halbinsel Sinai zu finden. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass das Alphabet um 1800 v. Chr. im Umfeld von westasiatischen Arbeitern erfunden wurde, die an ägyptischen Bergbauexpeditionen beteiligt waren. Später verbreitete sich die frühe Buchstabenreihe in die Levante, in das Gebiet östlich des Mittelmeers zwischen der heutigen Türkei im Norden und Ägypten im Südwesten, und entwickelte sich schließlich zum griechischen und lateinischen Alphabet.

„Üblicherweise wurde die Verbreitung des frühen Alphabets in der südlichen Levante als Nebenprodukt der ägyptischen Vorherrschaft auf das 14. oder 13. Jahrhundert v. Chr. datiert“, erklärt der ÖAW-Archäologe. Die jetzt entdeckte Scherbe widerlegt diese These. Höflmayer: „Unser Zufallsfund zeigt, dass die Verbreitung des Alphabets deutlich früher anzusetzen ist. Und dass die Ausbreitung des Alphabets aus dem Kontext der ägyptischen Vorherrschaft gelöst werden muss. Denn: diese hat sich erst später entwickelt.“

Wichtige Periode in der Geschichte des frühen Alphabets

Das Keramikfragment selbst ist knapp vier Zentimeter groß und scheint ein Randfragment einer importierten zypriotischen Schale gewesen zu sein. Die Innenseite ist mit dunkler Tinte beschriftet, wobei eine Handvoll diagonal geschriebener Buchstaben erhalten ist. Auch wenn die Bedeutung der Inschrift unbekannt ist, so hat sie doch einen großen Einfluss auf unser Verständnis der Geschichte des Alphabets.

„Ungefähr gleichzeitig mit dieser alphabetischen Schrift haben wir in Tel Lachisch auch Belege für hieratische Schrift, also kursiv geschriebene ägyptische Hieroglyphen, entdeckt. Hier haben de facto beide Schriftsysteme gleichzeitig existiert“, sagt Höflmayer. Das unterstreicht auch die Bedeutung des Fundortes: Tel Lachisch war in der Bronzezeit eine bedeutende Stadt, die auch in altägyptischen Dokumenten aus dieser Zeit erwähnt wurde. „An keinem anderen Ort in der Südlevante hat man so viele Belege für frühalphabetische Schriftlichkeit gefunden, wie in Tel Lachisch“, so der Forscher.

Die österreichischen Ausgrabungen in Tel Lachisch werden im Rahmen des vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanzierten und von der ÖAW betreuten Projekts „Tracing Transformations“ durchgeführt. Erforscht wird die Geschichte und Chronologie der späten Mittel- und frühen Spätbronzezeit in der südlichen Levante. Das Team um Felix Höflmayer hofft nun auf weitere Ausgrabungen an der Fundstelle, um weitere Lücken zu schließen und mehr über diese wichtige Periode der Geschichte des frühen Alphabets zu erfahren.

Quelle:

Sven Hartwig Öffentlichkeit und Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften

Seltene Krankheiten, im internationalen Fachjargon „Rare Diseases“, sind heutzutage ein spezieller Bereich in medizinisch-pharmazeutischer Forschung und Behandlung. „Selten“ bedeutet, dass nicht mehr als fünf von 10.000 Personen an dieser Krankheit leiden. Zu den weiteren Merkmalen zählt, dass Betroffene meist stark eingeschränkt sind, körperlich sowie im gesellschaftlichen Leben, und hoher sozialer und medizinischer Versorgung bedürfen.

Doch was wissen wir über Seltene Krankheiten in der Vergangenheit, sogenannte „Ancient Rare Diseases“ – und vor allem, wie können wir sie definieren und diagnostizieren? Dieser Frage ist die Physische Anthropologin und Archäologin Dr. Katharina Fuchs vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nachgegangen. Anhand der Krankheitsgeschichte eines männlichen Individuums aus der Nordkaukasischen Bronzezeit (circa 2200 bis 1650 vor Christus) kam sie zu dem Schluss, dass die heute verwendeten Kriterien nicht ohne weiteres auf die Vergangenheit übertragbar sind. Die kürzlich im International Journal of Paleopathology veröffentlichte Studie zeigt, dass nicht nur die Diagnostik Seltener Krankheiten und die Berechnung von Inzidenzen und Prävalenzen, also der Häufigkeit, die Forschenden vor Herausforderungen stellt. Auch das individuelle Leid und der Grad an sozialer Integration und Unterstützung sind kaum zu rekonstruieren.

Am Skelett des Mannes aus dem Kaukasus, das Fuchs im Rahmen der Studie untersuchte, kann die Anthropologin vieles erkennen: Seit seiner Jugend litt er an einer seltenen Hüfterkrankung, dem Legg-Calvé-Perthes Syndrom, und hinkte deshalb über ein nach innen verdrehtes Bein. Zudem überlebte er im Erwachsenenalter schwere Frakturen an Schädel und Oberschenkel. Die Abnutzung seiner Zähne zeigt, dass er in bestimmte Arbeitsprozesse integriert war und sie als Werkzeug nutzte. Aus seinen Grabbeigaben lässt sich schließen, dass er keine besonders hohe soziale Stellung innehatte.

„Zusammengenommen zeigt dies, dass dieser Mann wichtig für die Gesellschaft war. Die Frakturen, die er überlebt hat, erforderten hohen Pflegeaufwand. Wahrscheinlich hat er seine Verletzungen überlebt, weil seine Mitmenschen sich um ihn gekümmert haben. Und das gibt uns eine Idee davon, wie die Menschen im Nordkaukasus vor 4.000 Jahren miteinander umgegangen sind. Wie sie mit jemandem umgegangen sind, der fast sein ganzes Leben lang körperlich eingeschränkt war“, erläutert Fuchs. Solche Überlegungen gehen zwar über das Thema der „Ancient Rare Diseases“ hinaus, verdeutlichen jedoch die soziale Dimension ihrer Erforschung.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass das Kriterium der „Seltenheit“ in Bezug auf „Ancient Rare Diseases“ nicht durch starre Grenzwerte definiert sein kann. Dass eine Krankheit heutzutage selten ist, bedeutet nicht unbedingt, dass sie es auch in der Vergangenheit war. Je nach den Ursachen für das Entstehen einer Krankheit, der Ätiologie, unterliegen Auftreten, Verschwinden und, besonders interessant, die Veränderung von einem seltenen zu einem verbreiteten Krankheitsbild, sozialen und humanökologischen Dynamiken. Das ist eine Erkenntnis der modernen Medizin, die Lebensweise und externe Einflüsse als wichtige Komponenten identifiziert.

Die Erforschung seltener Krankheiten der Vergangenheit ist also auch für unser heutiges Verständnis von Krankheit bedeutsam. Und eine der Co-Autorinnen der Studie, Dr. Julia Gresky vom Deutschen Archäologischen Institut, betont: „Die Forschungen in der Arbeitsgruppe für ‚Ancient Rare Diseases‘ haben seit ihrer Gründung 2019 auch die Aufgabe, Menschen zu erreichen, die heute betroffen sind. Wir hoffen dazu beitragen zu können, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass die Menschheit schon immer mit seltenen Krankheiten konfrontiert war – aber auch, dass das Leiden daran nicht soziale Isolation bedeuten muss“.

Die Studie wurde vom Exzellenzcluster ROOTS und vom Sonderforschungsbereich TransformationsDimensionen der CAU finanziell unterstützt. Beide Projekte widmen sich der Erforschung von Mensch-Umweltbeziehungen in vergangenen Zeiten.

Quelle:

Claudia Eulitz 
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Ninja, Assassinen und Berserker – den berühmtesten Kriegern der Geschichte eilt der Ruf voraus, stark und geschickt im Kampf, aber auch blutrünstig und gnadenlos zu sein. Aber stimmt das auch? Die Dokumentation stellt die größten, gefürchtetsten und brutalsten Krieger aller Zeiten vor – darunter auch die Gladiatoren, zu denen ich interviewt wurde. Hier geht es zur Sendung.

Mehrere tausend Jahre alte Keilschrifttafeln aus Babylon stehen im Zentrum eines neuen Forschungsprojekts an der Universität Würzburg. Dass einige von ihnen ein unfreiwilliges Bad im Euphrat nehmen mussten, erschwert die Arbeit.

Diese Keilschrifttafeln haben wahrlich eine abenteuerliche Reise hinter sich: Geschrieben in Babylon, manche von ihnen vor fast 4.000 Jahren, gingen sie mit dessen Untergang ebenfalls verloren. Erst bei Ausgrabungen deutscher Archäologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie wiederentdeckt. Als der Erste Weltkrieg die Grabungsarbeiten unterbrach und britische Truppen gefährlich nahe rückten, befüllten die Deutschen große Kisten mit den zerbrechlichen Tontafeln, um sie so schnell wie möglich per Schiff und Bagdadbahn ins damalige Konstantinopel zu verbringen. Die Hektik des Abtransports war jedoch so groß, dass manche Kisten an der Verladestation vergessen wurden, andere – was viel schlimmer war – ins Wasser des Euphrat fielen, und deshalb viele der Jahrtausende alten Tafeln Schaden nahmen.

Die Babylon-Sammlung aus Istanbul

Seitdem lagern diese Keilschriftdokumente in der sogenannten Babylon-Sammlung des Istanbuler Archäologischen Museums. Diese umfasst mehr als 200 Keilschriftmanuskripte aus alt-, mittel- und neubabylonischer Zeit sowie rund 40 Keilschriftdokumente aus Assyrien, die fälschlicherweise als babylonisch deklariert worden waren. Darüber hinaus besitzt das Museum eine Handvoll weiterer Keilschriftdokumente aus Babylon – teilweise in Form von kleinen Fragmenten, teilweise als große Stücke. Wissenschaftlich bearbeitet und publiziert ist davon nur eine kleine Auswahl. Doch das wird sich in den kommenden drei Jahren ändern.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Würzburg und Marburg werden in dem Projekt „Die Keilschrifttexte in der Babylon-Sammlung der Archäologischen Museen Istanbul“ diese Tafeln sowohl in Buchform als auch als digitale Editionen veröffentlichen. Verantwortlich dafür ist Professor Daniel Schwemer, Inhaber des Lehrstuhls für Altorientalistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert das Projekt in den kommenden drei Jahren mit rund 200.000 Euro.

Ein Kompendium der Divination

„Die Texte stammen aus einer Zeitspanne, die sich vom frühen 2. Jahrtausend vor Christi Geburt bis zur Zeitenwende erstreckt“, erklärt Daniel Schwemer. So groß der Zeitraum ihrer Entstehung, so bunt gemischt sind auch die Gattungen, denen sich diese Texte zuordnen lassen. Da finden sich Rechtsurkunden über Grundstückskäufe und über Darlehen sowie Verwaltungstexte, die auflisten, wie viele Tonnen Getreide täglich im Hafen von Babylon angeliefert wurden. Dazu gehören Königsinschriften aus der Zeit Nebukadnezars und Hymnen aus dem Tempelkult. Und da können Altorientalisten eine Art „Lehrbuch zur Vorhersage zukünftiger Ereignisse aus den Innereien von Opferschafen“ entziffern – von einem „Kompendium der Divination“ spricht Schwemer.

Die komplizierte Ausgrabungsgeschichte ist schuld daran, dass sich Keilschriftfragmente aus Babylon heute im Wesentlichen an drei Orten befinden: in Berlin, in Bagdad und in Istanbul. Wie gut diese Texte wissenschaftlich erschlossen sind, variiert stark von Standort zu Standort. Während die Sammlung in Bagdad gar nicht erschlossen ist, sind die Fundstücke in Berlin immerhin zu einem kleinen Teil publiziert. Mit der Publikation der Sammlung aus Istanbul könnten Schwemer und seine Kollegen somit ein Referenzwerk schaffen.

Vom Abzeichnen zur digitalen Edition

Anders als die abenteuerliche Ausgrabungsgeschichte vermuten lässt, sieht die Herangehensweise der Altorientalisten dabei gar nicht nach Abenteuer aus. Schon jetzt sind die Istanbuler Fundstücke fotografisch gut dokumentiert. Diese Fotos werden Schwemer und Greta Van Buylaere akribisch in Augenschein nehmen und in einer starken Vergrößerung fein säuberlich abzeichnen. Anschließend werden sie ihre Kopien bei Forschungsaufenthalten in der Türkei mit den Originaltafeln in den Archäologischen Museen von Istanbul „detektivisch vergleichen“, wie Daniel Schwemer sagt. Weitere Arbeitsschritte sind die Übertragung der Texte, die auf Babylonisch (Akkadisch) oder Sumerisch verfasst sind, in eine lateinische Umschrift, dann geht es an die Übersetzung und die Veröffentlichung – sowohl in Buchform als auch als digitale Edition. Das Online-Korpus wird die Texte nicht nur Wissenschaftlern in der ganzen Welt einschließlich des Nahen Ostens zur Verfügung stellen, sondern auch erweiterte Suchmöglichkeiten sowohl innerhalb der Texte als auch innerhalb der Übersetzungen bieten.

Keilschrift auf Tontafeln, die eine Zeit lang im Wasser gelegen waren: Für den Laien sieht das im besten Fall nach Spuren aus, die eine Rolle Maschendraht im Lehm hinterlassen hat. In solchen Fällen tun sich auch Keilschriftexperten bisweilen schwer. Kein Wunder, dass Schwemer und Van Buylaere davon sprechen, dass sie beim Abzeichnen der Texte das festhalten, „was wir gesehen oder zu sehen geglaubt haben“. Dass andere Wissenschaftler zu anderen Zeiten die Zeichen möglicherweise anders interpretieren, stört die beiden deshalb nicht. Schließlich sei es gut möglich, dass sich in ein paar Jahren ein neuer Kontext ergibt, beispielsweise, wenn zu einem Fragment die benachbarten Teile entdeckt werden, die sich deutlich besser lesen lassen.

Künstliche Intelligenz scheitert an schlecht erhaltenen Tafeln

Tonscherben abfotografieren, manuell mit Tinte und auf Papier abzeichnen und dann transkribieren: Sind das nicht längst veraltete Methoden, die dank moderner Technik obsolet sein könnten? Nein, sagt Daniel Schwemer. Gerade, wenn diese Tafeln so schlecht erhalten sind, scheitere ein automatischer Scan- und Leseprozess. „Dafür benötigt man Menschen mit Erfahrung im Lesen von Keilschrifttexten – und mit der entsprechenden Phantasie.“ Auch wenn er nicht ausschließen will, dass Künstliche Intelligenz diesen Prozess in der Zukunft übernehmen könnte.

Daniel Schwemer ist zuversichtlich, dass das Projekt in drei Jahren zu einem erfolgreichen Abschluss kommen wird – „dank der umfangreichen Vorarbeiten, der guten Vernetzung und der existierenden Diversifikation von Kompetenz“, wie er sagt. Von Vorteil sei in diesem Jahr natürlich auch die Tatsache gewesen, dass es von allen Tafeln bereits gute Fotos gibt. So konnten Schwemer und Van Buylaere mit der Arbeit beginnen, obwohl die Corona-Pandemie Reisen in die Türkei unmöglich gemacht hatte.

Quelle:

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon

Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)
Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)

Wein hatte im Mittelmeergebiet schon in der Eisenzeit eine große Bedeutung. Insbesondere durch die Phönizier, die Bewohner der östlichen Mittelmeerküste, wurde das Getränk beliebt und über ihre Handelswege verbreitet. Nun wurde bei Ausgrabungen im phönizischen Tell el-Burak die erste eisenzeitliche Weinpresse auf dem Gebiet des heutigen Libanon entdeckt – bislang waren keine Anlagen zur Herstellung von Wein in dieser Region bekannt. Den Aufbau der Presse aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und die verwendeten Baumaterialien haben Dr. Adriano Orsingher und Professor Jens Kamlah vom Biblisch-Archäologischen Institut sowie Dr. Silvia Amicone und Dr. Christoph Berthold vom Competence Center Archaeometry Baden-Württemberg (CCA-BW) der Universität Tübingen gemeinsam mit Professorin Hélène Sader von der American University in Beirut näher untersucht. Sie fanden heraus, dass die Phönizier beim Bau der Weinpresse einen Putz verwendeten, der aus Kalk und gemahlenen recycelten Tonscherben gemischt wurde. Diese Technik zur Herstellung eines Estrichmörtels wurde später von den Römern weiterentwickelt. Die Studie wird in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht.

Die Stätte Tell el-Burak wird seit 2001 als libanesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt archäologisch ausgegraben. Dort konnten die Überreste einer kleinen phönizischen Siedlung aus dem späten achten bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. freigelegt werden. Wahrscheinlich wurde die Siedlung zur Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten von der nahe gelegenen Stadt Sidon aus gegründet. Tell el-Burak war südwestlich und südöstlich von einer 2,5 Meter breiten Terrassenmauer eingegrenzt. „Südlich einer dieser Mauern haben wir eine gut erhaltene Weinpresse entdeckt. Sie war am Hang des Hügels angelegt worden“, berichten die Autoren.

Wasserresistentes und widerstandsfähiges Material

Analysen des Tübinger CCA-BW im Rahmen des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (1070) lieferten nun neue Daten zur Zusammensetzung und Technologie der eisenzeitlichen Kalkputzherstellung, aus dem auch die Weinpresse besteht. „Einen qualitativ guten Kalkputz herzustellen war aufwendig“, sagen die Autoren. „Die Phönizier haben die Technik weiterentwickelt, indem sie recycelte Keramikscherben verwendeten. Damit ließ sich besser und zugleich stabiler bauen.“ Im südlichen Phönizien habe sich eine lokale und innovative Tradition der Putzherstellung entwickelt. „Der Putz war wasserresistent und widerstandsfähig. Die Römer haben diese Technologie für den Gebäudebau übernommen.“ Das Forschungsteam will die Bauweise der Weinpresse auch mit zwei weiteren Anlagen in Tell el-Burak vergleichen, die aber auch anderen Zwecken gedient haben könnten.

Rekonstruktion der Weinpresse (Zeichnung: O. Bruderer,
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Ausgrabungsprojekts Tell el-Burak)



Frühere Forschungen in Tell el-Burak hatten ergeben, dass in der Umgebung des Orts großflächig Trauben angebaut wurden. „Wir gehen davon aus, dass dort für einige Jahrhunderte in großem Stil Wein hergestellt wurde. Für die Phönizier hatte er große Bedeutung, sie nutzten Wein auch in religiösen Zeremonien“, sagen die Autoren. Der frühere Fund einer großen Zahl von Amphoren, die häufig als Transportgefäße genutzt wurden, weise darauf hin, dass die Phönizier den Wein auch handelten. „Die Stadt Sidon lag an Meereshandelsrouten des östlichen Mittelmeergebiets. Phönizier spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Weins im Mittelmeergebiet, ihre Tradition des Weinkonsums gaben sie bis nach Europa und Nordafrika weiter.“ Bisher habe es kaum Nachweise für die Weinherstellung in Phönizien gegeben, so Orsingher. „Die neue Entdeckung liefert zahlreiche Hinweise, wie die Weinpioniere das Getränk herstellten.“

Mehr Infos zu der Entdeckung der Weinpresse gibt es hier.

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Die COVID-19-Pandemie in den letzten Monaten hat gezeigt, dass es verschiedene Strategien gibt, wie Gesellschaften mit Krisen umgehen. Im Titelthema des aktuellen Hefts von „Archäologie Weltweit“ beleuchten Forscherinnen und Forscher des DAIs, wie frühere Gemeinschaften Krisen begegnet sind und Herausforderungen bewältigt haben. In der Rubrik Fokus berichten die verschiedenen Standorte des DAIs, wie dort die Corona-Krise der letzten Monate erlebt wurde. Und Landschaft nimmt Sie/Euch mit in die Gärten der Vergangenheit: Orte der Sehnsucht und der Erholung.

Die neue Ausgabe des Magazins kann hier runtergeladen werden.

Quelle:

Nicole Kehrer , Pressestelle, Deutsches Archäologisches Institut, Berlin



			

Bezugnehmend auf den Artikel von Rupert Gebhard und Rüdiger Krause (siehe hierzu Beitrag Himmelsscheibe von Nebra – Debatte Teil 1) in der Zeitschrift »Archäologische Informationen« hat das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt eine Pressemitteilung mit folgenden Worten veröffentlicht:

„Die Kollegen ignorieren nicht nur die Fülle an publizierten Forschungsergebnissen der letzten Jahre, sie führen dafür verschiedene Argumente ins Feld, die indes leicht zu widerlegen sind.
Als Grundlage für diese These werden von Gebhard und Krause mehrere
Hauptpunkte ins Feld geführt. Insbesondere sei die Zusammengehörigkeit der Himmelsscheibe mit den übrigen Funden des Ensembles, deren bronzezeitliches Alter nicht in Frage gestellt wird, nicht gesichert. Als Behauptung wird aufgestellt, dass die Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe nicht mit denen der übrigen Funde übereinstimmen würden und auch die geochemischen Analysen der Metalle die Zusammengehörigkeit der Funde nicht unterstützen sollen.
Beides ist nachweislich falsch. Nach einem von den beiden Autoren nicht
zitierten Aufsatz von Dr. Jörg Adam (damals Landeskriminalamt
Brandenburg), der für das Landgericht Halle als Sachverständiger die
Untersuchungen der Erdanhaftungen durchführte, »[ist] insgesamt … somit
eine Herkunft sowohl der Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe (Sp 1) als auch am Schwert (Sp 2) von deren vermutlichem Fundort (Entnahmestelle des VM 1) als sehr wahrscheinlich anzusehen… Eine Sonderstellung nehmen die Erdreste am Beil (Sp 3) ein. Ein großer Teil der ermittelten Eigenschaften und Merkmale lassen ebenfalls eine Herkunft dieser Erdanhaftungen vom Mittelberg als möglich erscheinen«. Da sich der Untersuchungsauftrag des Gerichtes damals auf diese drei Gegenstände beschränkte, wurden die übrigen Beifunde vom Sachverständigen seinerzeit nicht untersucht und sind daher auch nicht als Argument gegen eine Zusammengehörigkeit aller Funde brauchbar. Insofern ist die Forderung der beiden Autoren, der Meißel müsse als nicht zugehörig ausgesondert werden, nicht nachvollziehbar. Ebenso führt die Behauptung, die geochemische Untersuchung der Metalle spräche gegen eine Zusammengehörigkeit der Funde in die Irre. Schon 2008 und 2010 haben Prof. Dr. Ernst Pernicka und Kollegen dargelegt, »dass das
Kupfer aller Teile des Hortes aus derselben Lagerstätte stammt.« Als
Lagerstätte hingegen ist seit langem der Mitterberg im Salzburger Land
nachgewiesen, dessen Kupferproduktion zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. geendet hat. Zusätzlich stellt Pernicka fest: »Analysen von keltischen [eisenzeitlichen] Kupferlegierungen zeigen ganz andere Zusammensetzungen sowohl der Hauptbestandteile als auch der Spurenelemente und Bleiisotopenverhältnisse«. Damit scheidet auch aus metallurgischer Sicht eine Datierung der Himmelsscheibe in die Eisenzeit klar aus. Ein letztes von Gebhard und Krause bemühtes Argument ist der Hinweis, die Himmelsscheibe von Nebra im damaligen Symbolgut würde als »ein vollkommener Fremdkörper« erscheinen. Dies ist zwar richtig, trifft aber auf jeden einzigartigen Fund zu. Die Himmelsscheibe von Nebra wäre in jeder vorgeschichtlichen Periode ein Fremdkörper.“

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Dr. Alfred Reichenberger
Stellvertretender Landesarchäologe und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt


Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universität Frankfurt und der Ludwig-Maximilians-Universität München analysierten nun erneut verschiedenste Daten zur Rekonstruktion von Fundort und Begleitumständen der Funde. Im Ergebnis muss die Scheibe in die Eisenzeit datiert werden und ist damit rund 1000 Jahre jünger ist als bisher angenommen. Damit sind alle bisherigen astronomischen Interpretationen hinfällig.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde Deutschlands und zählt seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie wurde 1999 bei Raubgrabungen gefunden, nach Angaben der Raubgräber zusammen mit bronzezeitlichen Schwertern, Beilen und Armschmuck. Dieser Fundzusammenhang war für die wissenschaftliche Datierung wichtig, denn die Scheibe selber konnte weder naturwissenschaftlich noch archäologisch durch Vergleiche mit anderen Objekten datiert werden. In langjährigen Untersuchungen versuchten daher mehrere Forschergruppen, sowohl die Zuweisung des angeblichen Fundortes als auch die Zusammengehörigkeit der Objekte unabhängig von den vagen Angaben der Raubgräber zu verifizieren.

Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt, haben jetzt Fundumstände und Forschungsergebnisse zur Himmelsscheibe von Nebra umfassend analysiert. Ihre Ergebnisse: Bei der Stelle, die bisher als Fundort galt und die in einer Nachgrabung untersucht wurde, handele es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um die Fundstelle der Raubgräber. Es gebe zudem keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die bronzezeitlichen Schwerter und Beile sowie der Armschmuck ein zusammengehöriges Ensemble bilden. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass sich nicht um eine der typischen Deponierungen der Bronzezeit handelt und die Scheibe sich nicht zusammen mit den anderen Objekten in originaler Lage im Grabungsloch befunden habe.

Damit, so die Archäologen, müsse die Scheibe als Einzelfund untersucht und bewertet werden.
Stilistisch und kulturell lässt sich die Himmelsscheibe nicht in die frühbronzezeitliche Motivwelt des beginnenden zweiten Jahrtausends vor Christus einfügen. Deutlichere Bezüge lassen sich hingegen zur Motivwelt der Eisenzeit des ersten Jahrtausends vor Christus herstellen. Auf einer divergierenden Datenlage und auf Grundlage dieser neuen Einschätzung, so Gebhard und Krause, müssen alle bisherigen, teilweise weitreichenden kulturgeschichtlichen Schlussfolgerungen neu und ergebnisoffen diskutiert werden und die Scheibe in anderen Zusammenhängen als bisher interpretiert und bewertet werden. Grundlage hierzu müsse die Vorlage aller bisher nicht veröffentlichten Daten und Fakten sein.

Weitere Infos hierzu gibt es hier.

Markus Bernards Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelten ihre Werkzeuge weiter. 

Neandertaler lebten in einem Zeitraum von etwa 400.000 bis 40.000 Jahren in weiten Teilen Europas und des Nahen Ostens bis an den Rand Sibiriens. Werkzeuge stellten sie aus Holz und glasartigen Gesteinsmaterialien her, die sie zum Teil auch zu kombinierten, etwa um einen Speer mit einer scharfen und zugleich harten Spitze aus Stein zu versehen. Ab etwa 100.000 Jahren vor der heutigen Zeit war ihr Universalwerkzeug zum Schneiden und Schaben ein Messer aus Stein, bei dem der Griff bereits durch eine stumpfe Kante am Stück selber angelegt war. Solche sogenannten „Keilmesser“ gab es in verschiedenen Formen – und die Frage ist: Warum stellten Neandertaler ihre Messer auf so unterschiedliche Weise her? Benutzten sie die Messer für verschiedene Tätigkeiten oder stammen die Messer von verschiedenen Untergruppen der Neandertaler? Diese Thematik stand im Mittelpunkt des internationalen Forschungsprojekts.

Keilmesser als Antwort

„Keilmesser sind eine Reaktion auf die hochmobile Lebensweise während der ersten Hälfte der letzten Eiszeit. Sie ermöglichten durch Nachschärfen eine lange Nutzung und waren gleichzeitig ein Universalwerkzeug – fast wie ein Schweizer Survivalmesser“, sagt Prof. Dr. Thorsten Uthmeier vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der FAU. „Dabei wird aber oft vergessen, dass es nicht nur Keilmesser gab. Messer mit Rücken aus der Zeit der Neandertaler weisen eine überraschend große Variabilität auf“, ergänzt sein italienischer Kollege Dr. Davide Delpiano von der Sezione di Scienze Preistoriche e Antropologiche an der UNIFE. „Unsere Forschungen nutzen die Möglichkeiten der digitalen Analyse von 3D-Modellen, um auf statistischem Weg Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Messerformen herauszuarbeiten.“ Die beiden Wissenschaftler untersuchten Artefakte aus einer der wichtigsten Neandertaler-Fundstellen in Mittel-Europa, der Sesselfelsgrotte in Niederbayern. In der Grotte wurden bei Ausgrabungen durch den Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der FAU über 100.000 Artefakte und unzählige Jagdbeutereste des Neandertalers gefunden – sogar die Überreste einer Neandertaler-Bestattung konnten geborgen werden. Die wichtigsten messerartigen Werkzeuge analysierten die Forscher nun mit 3D-Scans, die in Kooperation mit Prof. Dr. Marc Stamminger und Dr. Frank Bauer vom Lehrstuhl für Informatik 9 (Graphische Datenverarbeitung) am Department Informatik der FAU angefertigt wurden. Sie ermöglichen eine millimetergenaue Aufzeichnung der Werkzeugform und -eigenschaften.

„Das technische Repertoire bei der Herstellung der Keilmesser ist nicht nur ein direkter Beweis für die hohen planerischen Fähigkeiten unserer ausgestorbenen Verwandten, sondern zugleich eine strategische Reaktion auf die Einschränkungen, die ihnen durch die Widrigkeiten der Natur auferlegt wurden“, sagt Uthmeier, FAU-Professor für Ältere Urgeschichte und Ökologie prähistorischer Jäger und Sammler.

Anderes Klima, andere Werkzeuge

Was Uthmeier als „Widrigkeiten der Natur“ bezeichnet, sind Klimaveränderungen nach dem Ende der letzten Warmzeit vor mehr als 100.000 Jahren. Besonders gravierende Kaltphasen während der darauffolgenden Weichsel-Kaltzeit begannen vor mehr als 60.000 Jahren und führten zu einer Verknappung der natürlichen Ressourcen. Um zu überleben, mussten die Neandertaler mobiler sein als zuvor – und ihre Werkzeuge anpassen.

Wahrscheinlich ahmten die Neandertaler die Funktionalität von unifazialen – also einseitig gestalteten – Messern mit Rücken nach und entwickelten auf dieser Grundlage die auf beiden Seiten behauenen, bifazial geformten Keilmesser. „Das zeigt sich insbesondere an Übereinstimmungen an der Schneide, die in beiden Fällen aus einer flachen Unterseite und einer konvexen Oberseite besteht und vor allem für Schneidaktivitäten mit Längsbewegung geeignet war – daher ist die Bezeichnung als Messer durchaus richtig “, sagt Davide Delpiano von der UNIFE.

Beide Messerarten – die älteren einfachen und die neu hinzukommenden, deutlich komplexeren Keilmesser – haben offensichtlich die gleiche Funktionalität. Der wichtigste Unterscheid zwischen den beiden untersuchten Werkzeugtypen ist die höhere Lebensdauer von Bifazial-Werkzeugen. Keilmesser repräsentieren daher ein Hightech-Konzept für ein langlebiges, multifunktionales Werkzeug, das ohne weitere Zusatzausstattung wie etwa einem Griff aus Holz benutzt werden konnte.

„Studien anderer Forschungsgruppen scheinen unsere Interpretation zu unterstützen“, sagt Uthmeier. „An einem Mangel an Innovationsfähigkeit oder planerischen Denkens, wie manchmal behauptet, kann das Verschwinden der Neandertaler jedenfalls nicht gelegen haben.“

Mehr Informationen zu den Forschungsergebnissen gibt es hier.

Quelle
Dr. Susanne Langer
Kommunikation und Presse
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg