Forschungsteam der Universität Tübingen entdeckt seltenen Nachweis der frühen Weinherstellung an der Ausgrabungsstätte Tell el-Burak im Libanon

Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)
Die Weinpresse in Tell el-Burak (Foto: Ausgrabungsprojekt Tell el-Burak)

Wein hatte im Mittelmeergebiet schon in der Eisenzeit eine große Bedeutung. Insbesondere durch die Phönizier, die Bewohner der östlichen Mittelmeerküste, wurde das Getränk beliebt und über ihre Handelswege verbreitet. Nun wurde bei Ausgrabungen im phönizischen Tell el-Burak die erste eisenzeitliche Weinpresse auf dem Gebiet des heutigen Libanon entdeckt – bislang waren keine Anlagen zur Herstellung von Wein in dieser Region bekannt. Den Aufbau der Presse aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und die verwendeten Baumaterialien haben Dr. Adriano Orsingher und Professor Jens Kamlah vom Biblisch-Archäologischen Institut sowie Dr. Silvia Amicone und Dr. Christoph Berthold vom Competence Center Archaeometry Baden-Württemberg (CCA-BW) der Universität Tübingen gemeinsam mit Professorin Hélène Sader von der American University in Beirut näher untersucht. Sie fanden heraus, dass die Phönizier beim Bau der Weinpresse einen Putz verwendeten, der aus Kalk und gemahlenen recycelten Tonscherben gemischt wurde. Diese Technik zur Herstellung eines Estrichmörtels wurde später von den Römern weiterentwickelt. Die Studie wird in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht.

Die Stätte Tell el-Burak wird seit 2001 als libanesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt archäologisch ausgegraben. Dort konnten die Überreste einer kleinen phönizischen Siedlung aus dem späten achten bis in die Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. freigelegt werden. Wahrscheinlich wurde die Siedlung zur Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten von der nahe gelegenen Stadt Sidon aus gegründet. Tell el-Burak war südwestlich und südöstlich von einer 2,5 Meter breiten Terrassenmauer eingegrenzt. „Südlich einer dieser Mauern haben wir eine gut erhaltene Weinpresse entdeckt. Sie war am Hang des Hügels angelegt worden“, berichten die Autoren.

Wasserresistentes und widerstandsfähiges Material

Analysen des Tübinger CCA-BW im Rahmen des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (1070) lieferten nun neue Daten zur Zusammensetzung und Technologie der eisenzeitlichen Kalkputzherstellung, aus dem auch die Weinpresse besteht. „Einen qualitativ guten Kalkputz herzustellen war aufwendig“, sagen die Autoren. „Die Phönizier haben die Technik weiterentwickelt, indem sie recycelte Keramikscherben verwendeten. Damit ließ sich besser und zugleich stabiler bauen.“ Im südlichen Phönizien habe sich eine lokale und innovative Tradition der Putzherstellung entwickelt. „Der Putz war wasserresistent und widerstandsfähig. Die Römer haben diese Technologie für den Gebäudebau übernommen.“ Das Forschungsteam will die Bauweise der Weinpresse auch mit zwei weiteren Anlagen in Tell el-Burak vergleichen, die aber auch anderen Zwecken gedient haben könnten.

Rekonstruktion der Weinpresse (Zeichnung: O. Bruderer,
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Ausgrabungsprojekts Tell el-Burak)



Frühere Forschungen in Tell el-Burak hatten ergeben, dass in der Umgebung des Orts großflächig Trauben angebaut wurden. „Wir gehen davon aus, dass dort für einige Jahrhunderte in großem Stil Wein hergestellt wurde. Für die Phönizier hatte er große Bedeutung, sie nutzten Wein auch in religiösen Zeremonien“, sagen die Autoren. Der frühere Fund einer großen Zahl von Amphoren, die häufig als Transportgefäße genutzt wurden, weise darauf hin, dass die Phönizier den Wein auch handelten. „Die Stadt Sidon lag an Meereshandelsrouten des östlichen Mittelmeergebiets. Phönizier spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Weins im Mittelmeergebiet, ihre Tradition des Weinkonsums gaben sie bis nach Europa und Nordafrika weiter.“ Bisher habe es kaum Nachweise für die Weinherstellung in Phönizien gegeben, so Orsingher. „Die neue Entdeckung liefert zahlreiche Hinweise, wie die Weinpioniere das Getränk herstellten.“

Mehr Infos zu der Entdeckung der Weinpresse gibt es hier.

Quelle:

Antje Karbe

Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Die COVID-19-Pandemie in den letzten Monaten hat gezeigt, dass es verschiedene Strategien gibt, wie Gesellschaften mit Krisen umgehen. Im Titelthema des aktuellen Hefts von „Archäologie Weltweit“ beleuchten Forscherinnen und Forscher des DAIs, wie frühere Gemeinschaften Krisen begegnet sind und Herausforderungen bewältigt haben. In der Rubrik Fokus berichten die verschiedenen Standorte des DAIs, wie dort die Corona-Krise der letzten Monate erlebt wurde. Und Landschaft nimmt Sie/Euch mit in die Gärten der Vergangenheit: Orte der Sehnsucht und der Erholung.

Die neue Ausgabe des Magazins kann hier runtergeladen werden.

Quelle:

Nicole Kehrer , Pressestelle, Deutsches Archäologisches Institut, Berlin


Bezugnehmend auf den Artikel von Rupert Gebhard und Rüdiger Krause (siehe hierzu Beitrag Himmelsscheibe von Nebra – Debatte Teil 1) in der Zeitschrift »Archäologische Informationen« hat das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt eine Pressemitteilung mit folgenden Worten veröffentlicht:

„Die Kollegen ignorieren nicht nur die Fülle an publizierten Forschungsergebnissen der letzten Jahre, sie führen dafür verschiedene Argumente ins Feld, die indes leicht zu widerlegen sind.
Als Grundlage für diese These werden von Gebhard und Krause mehrere
Hauptpunkte ins Feld geführt. Insbesondere sei die Zusammengehörigkeit der Himmelsscheibe mit den übrigen Funden des Ensembles, deren bronzezeitliches Alter nicht in Frage gestellt wird, nicht gesichert. Als Behauptung wird aufgestellt, dass die Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe nicht mit denen der übrigen Funde übereinstimmen würden und auch die geochemischen Analysen der Metalle die Zusammengehörigkeit der Funde nicht unterstützen sollen.
Beides ist nachweislich falsch. Nach einem von den beiden Autoren nicht
zitierten Aufsatz von Dr. Jörg Adam (damals Landeskriminalamt
Brandenburg), der für das Landgericht Halle als Sachverständiger die
Untersuchungen der Erdanhaftungen durchführte, »[ist] insgesamt … somit
eine Herkunft sowohl der Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe (Sp 1) als auch am Schwert (Sp 2) von deren vermutlichem Fundort (Entnahmestelle des VM 1) als sehr wahrscheinlich anzusehen… Eine Sonderstellung nehmen die Erdreste am Beil (Sp 3) ein. Ein großer Teil der ermittelten Eigenschaften und Merkmale lassen ebenfalls eine Herkunft dieser Erdanhaftungen vom Mittelberg als möglich erscheinen«. Da sich der Untersuchungsauftrag des Gerichtes damals auf diese drei Gegenstände beschränkte, wurden die übrigen Beifunde vom Sachverständigen seinerzeit nicht untersucht und sind daher auch nicht als Argument gegen eine Zusammengehörigkeit aller Funde brauchbar. Insofern ist die Forderung der beiden Autoren, der Meißel müsse als nicht zugehörig ausgesondert werden, nicht nachvollziehbar. Ebenso führt die Behauptung, die geochemische Untersuchung der Metalle spräche gegen eine Zusammengehörigkeit der Funde in die Irre. Schon 2008 und 2010 haben Prof. Dr. Ernst Pernicka und Kollegen dargelegt, »dass das
Kupfer aller Teile des Hortes aus derselben Lagerstätte stammt.« Als
Lagerstätte hingegen ist seit langem der Mitterberg im Salzburger Land
nachgewiesen, dessen Kupferproduktion zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. geendet hat. Zusätzlich stellt Pernicka fest: »Analysen von keltischen [eisenzeitlichen] Kupferlegierungen zeigen ganz andere Zusammensetzungen sowohl der Hauptbestandteile als auch der Spurenelemente und Bleiisotopenverhältnisse«. Damit scheidet auch aus metallurgischer Sicht eine Datierung der Himmelsscheibe in die Eisenzeit klar aus. Ein letztes von Gebhard und Krause bemühtes Argument ist der Hinweis, die Himmelsscheibe von Nebra im damaligen Symbolgut würde als »ein vollkommener Fremdkörper« erscheinen. Dies ist zwar richtig, trifft aber auf jeden einzigartigen Fund zu. Die Himmelsscheibe von Nebra wäre in jeder vorgeschichtlichen Periode ein Fremdkörper.“

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Dr. Alfred Reichenberger
Stellvertretender Landesarchäologe und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt


Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universität Frankfurt und der Ludwig-Maximilians-Universität München analysierten nun erneut verschiedenste Daten zur Rekonstruktion von Fundort und Begleitumständen der Funde. Im Ergebnis muss die Scheibe in die Eisenzeit datiert werden und ist damit rund 1000 Jahre jünger ist als bisher angenommen. Damit sind alle bisherigen astronomischen Interpretationen hinfällig.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde Deutschlands und zählt seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie wurde 1999 bei Raubgrabungen gefunden, nach Angaben der Raubgräber zusammen mit bronzezeitlichen Schwertern, Beilen und Armschmuck. Dieser Fundzusammenhang war für die wissenschaftliche Datierung wichtig, denn die Scheibe selber konnte weder naturwissenschaftlich noch archäologisch durch Vergleiche mit anderen Objekten datiert werden. In langjährigen Untersuchungen versuchten daher mehrere Forschergruppen, sowohl die Zuweisung des angeblichen Fundortes als auch die Zusammengehörigkeit der Objekte unabhängig von den vagen Angaben der Raubgräber zu verifizieren.

Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt, haben jetzt Fundumstände und Forschungsergebnisse zur Himmelsscheibe von Nebra umfassend analysiert. Ihre Ergebnisse: Bei der Stelle, die bisher als Fundort galt und die in einer Nachgrabung untersucht wurde, handele es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um die Fundstelle der Raubgräber. Es gebe zudem keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die bronzezeitlichen Schwerter und Beile sowie der Armschmuck ein zusammengehöriges Ensemble bilden. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass sich nicht um eine der typischen Deponierungen der Bronzezeit handelt und die Scheibe sich nicht zusammen mit den anderen Objekten in originaler Lage im Grabungsloch befunden habe.

Damit, so die Archäologen, müsse die Scheibe als Einzelfund untersucht und bewertet werden.
Stilistisch und kulturell lässt sich die Himmelsscheibe nicht in die frühbronzezeitliche Motivwelt des beginnenden zweiten Jahrtausends vor Christus einfügen. Deutlichere Bezüge lassen sich hingegen zur Motivwelt der Eisenzeit des ersten Jahrtausends vor Christus herstellen. Auf einer divergierenden Datenlage und auf Grundlage dieser neuen Einschätzung, so Gebhard und Krause, müssen alle bisherigen, teilweise weitreichenden kulturgeschichtlichen Schlussfolgerungen neu und ergebnisoffen diskutiert werden und die Scheibe in anderen Zusammenhängen als bisher interpretiert und bewertet werden. Grundlage hierzu müsse die Vorlage aller bisher nicht veröffentlichten Daten und Fakten sein.

Weitere Infos hierzu gibt es hier.

Markus Bernards Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Klimaveränderungen kurz vor ihrem Verschwinden lösten bei den späten Neandertalern in Europa eine komplexe Verhaltensänderung aus: Sie entwickelten ihre Werkzeuge weiter. 

Neandertaler lebten in einem Zeitraum von etwa 400.000 bis 40.000 Jahren in weiten Teilen Europas und des Nahen Ostens bis an den Rand Sibiriens. Werkzeuge stellten sie aus Holz und glasartigen Gesteinsmaterialien her, die sie zum Teil auch zu kombinierten, etwa um einen Speer mit einer scharfen und zugleich harten Spitze aus Stein zu versehen. Ab etwa 100.000 Jahren vor der heutigen Zeit war ihr Universalwerkzeug zum Schneiden und Schaben ein Messer aus Stein, bei dem der Griff bereits durch eine stumpfe Kante am Stück selber angelegt war. Solche sogenannten „Keilmesser“ gab es in verschiedenen Formen – und die Frage ist: Warum stellten Neandertaler ihre Messer auf so unterschiedliche Weise her? Benutzten sie die Messer für verschiedene Tätigkeiten oder stammen die Messer von verschiedenen Untergruppen der Neandertaler? Diese Thematik stand im Mittelpunkt des internationalen Forschungsprojekts.

Keilmesser als Antwort

„Keilmesser sind eine Reaktion auf die hochmobile Lebensweise während der ersten Hälfte der letzten Eiszeit. Sie ermöglichten durch Nachschärfen eine lange Nutzung und waren gleichzeitig ein Universalwerkzeug – fast wie ein Schweizer Survivalmesser“, sagt Prof. Dr. Thorsten Uthmeier vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der FAU. „Dabei wird aber oft vergessen, dass es nicht nur Keilmesser gab. Messer mit Rücken aus der Zeit der Neandertaler weisen eine überraschend große Variabilität auf“, ergänzt sein italienischer Kollege Dr. Davide Delpiano von der Sezione di Scienze Preistoriche e Antropologiche an der UNIFE. „Unsere Forschungen nutzen die Möglichkeiten der digitalen Analyse von 3D-Modellen, um auf statistischem Weg Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Messerformen herauszuarbeiten.“ Die beiden Wissenschaftler untersuchten Artefakte aus einer der wichtigsten Neandertaler-Fundstellen in Mittel-Europa, der Sesselfelsgrotte in Niederbayern. In der Grotte wurden bei Ausgrabungen durch den Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der FAU über 100.000 Artefakte und unzählige Jagdbeutereste des Neandertalers gefunden – sogar die Überreste einer Neandertaler-Bestattung konnten geborgen werden. Die wichtigsten messerartigen Werkzeuge analysierten die Forscher nun mit 3D-Scans, die in Kooperation mit Prof. Dr. Marc Stamminger und Dr. Frank Bauer vom Lehrstuhl für Informatik 9 (Graphische Datenverarbeitung) am Department Informatik der FAU angefertigt wurden. Sie ermöglichen eine millimetergenaue Aufzeichnung der Werkzeugform und -eigenschaften.

„Das technische Repertoire bei der Herstellung der Keilmesser ist nicht nur ein direkter Beweis für die hohen planerischen Fähigkeiten unserer ausgestorbenen Verwandten, sondern zugleich eine strategische Reaktion auf die Einschränkungen, die ihnen durch die Widrigkeiten der Natur auferlegt wurden“, sagt Uthmeier, FAU-Professor für Ältere Urgeschichte und Ökologie prähistorischer Jäger und Sammler.

Anderes Klima, andere Werkzeuge

Was Uthmeier als „Widrigkeiten der Natur“ bezeichnet, sind Klimaveränderungen nach dem Ende der letzten Warmzeit vor mehr als 100.000 Jahren. Besonders gravierende Kaltphasen während der darauffolgenden Weichsel-Kaltzeit begannen vor mehr als 60.000 Jahren und führten zu einer Verknappung der natürlichen Ressourcen. Um zu überleben, mussten die Neandertaler mobiler sein als zuvor – und ihre Werkzeuge anpassen.

Wahrscheinlich ahmten die Neandertaler die Funktionalität von unifazialen – also einseitig gestalteten – Messern mit Rücken nach und entwickelten auf dieser Grundlage die auf beiden Seiten behauenen, bifazial geformten Keilmesser. „Das zeigt sich insbesondere an Übereinstimmungen an der Schneide, die in beiden Fällen aus einer flachen Unterseite und einer konvexen Oberseite besteht und vor allem für Schneidaktivitäten mit Längsbewegung geeignet war – daher ist die Bezeichnung als Messer durchaus richtig “, sagt Davide Delpiano von der UNIFE.

Beide Messerarten – die älteren einfachen und die neu hinzukommenden, deutlich komplexeren Keilmesser – haben offensichtlich die gleiche Funktionalität. Der wichtigste Unterscheid zwischen den beiden untersuchten Werkzeugtypen ist die höhere Lebensdauer von Bifazial-Werkzeugen. Keilmesser repräsentieren daher ein Hightech-Konzept für ein langlebiges, multifunktionales Werkzeug, das ohne weitere Zusatzausstattung wie etwa einem Griff aus Holz benutzt werden konnte.

„Studien anderer Forschungsgruppen scheinen unsere Interpretation zu unterstützen“, sagt Uthmeier. „An einem Mangel an Innovationsfähigkeit oder planerischen Denkens, wie manchmal behauptet, kann das Verschwinden der Neandertaler jedenfalls nicht gelegen haben.“

Mehr Informationen zu den Forschungsergebnissen gibt es hier.

Quelle
Dr. Susanne Langer
Kommunikation und Presse
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Deutsch-ägyptisches Team untersucht Grabanlage mit modernsten Methoden und stößt immer wieder auf Überraschungen

Wissenschaftler der Universität Tübingen sind im ägyptischen Sakkara einem 2600 Jahre alten Kult um die Schlangengöttin Niut-schies auf der Spur – mit modernsten chemischen und digitalen Methoden. Bereits seit 2016 erforscht das deutsch-ägyptische Team die ausgedehnte unterirdische Grabanlage rund 20 Kilometer südlich von Kairo. Sarkophage aus sechs Grabkammern seien inzwischen geöffnet, zahlreiche Mumien und Objekte untersucht, sagt Grabungsleiter Dr. Ramadan Badry Hussein. Gemeinsam mit dem ägyptischen Antikenministerium präsentierte er der Öffentlichkeit die jüngsten Ergebnisse.

3D model of workshop and shaft with underground cemetery_Ep104_KingdomOfTheMummies_025

Dr. Ramadan Hussein und sein Team verwenden die neuesten Laserscanner- und Photogrammetrieverfahren, um jeden Zentimeter des Grabkomplexes zu kartieren und aufzuzeichnen. (National Geographic/Schattenindustrie)

Wie schon 2018 berichtet, war das Team der Universität Tübingen in Sakkara auf eine gut erhaltene Mumifizierungswerkstatt mit einer Grabanlage aus der 26. Dynastie (ca. 664-525 v.Chr.) gestoßen. Die Grabanlage besteht aus mehreren Grabkammern, die in die Seitenwände eines tiefen Schachtes geschlagen wurden. In 30 Meter Tiefe fanden die Wissenschaftler insgesamt sechs unberührte Grabkammern mit 17 Mumien vor. Nach einem Jahr Ausgrabungsarbeiten und Dokumentation gehen sie davon aus, dass es sich um einen unterirdischen Friedhof für Priester und Priesterinnen handelt: Durch Texte auf Sarkophagen und Särgen habe man die meist weiblichen Mumien als Priester(innen) einer geheimnisvollen Schlangengöttin namens Niut-schies (wörtlich übersetzt: „Die Stätte ihres Sees“) identifiziert, berichtet Hussein. Es gebe Hinweise darauf, dass Niut-schies während der 26. Dynastie eine prominente Göttin wurde, ihr war ein großer Tempel in Memphis, der Verwaltungshauptstadt des alten Ägypten geweiht.

Reiche Grabbeigaben für Priester der Schlangengöttin

Offensichtlich hatten die wirtschaftlichen Einnahmen dieses Tempels den Priesterinnen und Priestern einen hohen sozialen und ökonomischen Status verschafft. Mindestens zwei Generationen von ihnen wurden im gleichen Grabkomplex beigesetzt. Sie erhielten wertvolle Grabbeigaben wie Sarkophage, Holzsärge, sogenannte Kanopen-Krüge aus Alabaster, Statuetten und eine vergoldete Silbermaske.

Die sechste Grabkammer war erst im Jahr 2019 hinter einer unscheinbaren Steinmauer entdeckt worden. Dort war unter anderem eine Frau namens Didibastet beerdigt, die offensichtlich eine herausragende Stellung einnahm: Bei ihr fanden die Wissenschaftler erstmals in einem ägyptischen Grab insgesamt sechs Kanopenkrüge. Üblicherweise bewahrten die alten Ägypter bei der Mumifizierung Lunge, Magen/Milz, Darm und Leber einbalsamiert in vier eigenen Krügen auf, die in der Grabkammer unter dem Schutz der „vier Söhne des Horus“ aufgestellt wurden. Wie die Durchleuchtung der zusätzlichen Krüge per Computertomographie (CT) ergab, enthalten diese ebenfalls menschliches Gewebe. Ein Radiologe arbeitet an der Identifizierung der Organe. Demnach wäre bei Didibastet eine spezielle Form der Mumifizierung angewandt worden, bei der sechs Organe ihres Körpers erhalten blieben.

Didibastet burial chamber with shawabtis_Loc9_P2

3D-Photogrammetrie-Modell der sechsten Grabkammer, in der Didibastet beerdigt wurde – die Priesterin hatte offensichtlich eine besonders privilegierte Stellung. (Saqqara Saite Tombs Project, Matthias Lang/Philippe Kluge)

Eine Besonderheit sind auch die Herkunft einer Priesterin und eines Priesters aus der gleichen Grabkammer: Sie waren möglicherweise Einwanderer, denn ihre Namen, Ayput und Tjanimit, waren in der libyschen Gemeinschaft verbreitet, die sich ab der 22. Dynastie (ca. 943-716 v. Chr.) in Ägypten niederließ. Das alte Ägypten gilt als multikulturelle Gesellschaft, die Einwanderer aus verschiedenen Teilen der antiken Welt aufnahm, darunter Griechen, Libyer und Phönizier.

Maske aus reinem Silber

An weiteren Funden wurden inzwischen detaillierte Analysen durchgeführt, so auch an der vergoldeten Silbermaske, die das Team ebenfalls 2018 präsentiert hatten. Sie bedeckte das Gesicht der Mumie einer Priesterin und gilt als Sensation: Von ihrer Art sind weltweit insgesamt nur drei erhaltene Masken bekannt, die letzte wurde 1939 in Ägypten gefunden. „Durch Röntgenfluoreszenz konnten wir feststellen, dass hier außerordentlich wertvolles Material verwendet wurde“, sagt Hussein. Das Silber weise eine Reinheit von 99,07 Prozent auf, das sei sogar mehr als die üblichen 92,5 Prozent bei einem Sterling Silber.

Gilded Silver Mask_Ep104_KingdomOfTheMummies_027

Die mit Gold überzogene Silbermaske weist nach Untersuchungen einen Reinheitsgehalt des Silbers von mehr als 99 Prozent auf. (Saqqara Saite Tombs Project, Ramadan Hussein)

Die in Schalen und Töpfen der Mumifizierungswerkstatt konservierten Fette, Öle und Harze werden derzeit von Archäologen und Chemikern der Universität Tübingen, der Ludwigs-Maximilians-Universität München sowie des ägyptischen Nationalen Forschungszentrums in Kairo analysiert. Die Erkenntnisse zeigen, welche Substanzen im alten Ägypten zur Mumifizierung verwendet wurden, darunter Bitumen, Pistazienharz, Bienenwachs und Tierfett. „Diese Funde aus Sakkara ermöglichen einen einmaligen Einblick in die Balsamierungspraktiken der alten Ägypter“, sagt Professor Philipp Stockhammer, Projektpartner an der LMU München. Die Erkenntnisse seien auch für die moderne Anatomie und deren Konservierungspraktiken von Interesse.
Zudem erfassen die Wissenschaftler seit einigen Jahren die gesamte unterirdische Grabanlage mit einer Kombination aus Laserscanning und bildbasierten 3D-Verfahren: So konnte eine hochpräzise 3D-Dokumentation erstellt werden, mit der die räumlichen Zusammenhänge sichtbar wurden.

Ausgrabungen gehen weiter

Die Funde aus Sakkara werden die Forscher noch eine Weile beschäftigen: Aus den Gräbern wurden insgesamt 54 Mumien und Skelette, fünf große Sarkophage, ein Dutzend Kanopenkrüge aus Kalzit (ägyptischer Alabaster) und tausende von Shawabtis-Figuren geborgen. Ab Winter 2020 wollen die Wissenschaftler wieder vor Ort weiterarbeiten. Über die bisherigen Grabungen der Universität Tübingen in Sakkara startet der amerikanische Sender National Geographic ab 12. Mai eine vier-teilige Dokumentation, die ab dem 28. Juni auch in Deutschland ausgestrahlt werden soll.

Weitere Infos der archäologischen Untersuchung gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Bei jüngsten Ausgrabungen im heutigen Kirchengelände des Fundplatzes Yeha wurden die Reste eines weiteren 2700 Jahre alten Heiligtums freigelegt.

Der Große Tempel von Yeha im modernen Klosterareal

Das moderne Klosterareal mit dem antiken Großen Tempel (re.), Foto: Deutsches Archäologisches Institut

Der Fundort Yeha liegt im nördlichen Hochland Äthiopiens in der Provinz Tigray und bildete in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. das politische und religiöse Zentrum einer der bedeutendsten komplexen Gesellschaften südlich der Sahelzone. Die Entstehung dieser Kultur hängt unmittelbar mit der Migration sabäischer Bevölkerungsgruppen aus dem heutigen Jemen zum nördlichen Horn von Afrika zusammen. Ein äthiopisch-deutsches Kooperationsprojekt untersucht die kulturellen Kontakte zwischen den eingewanderten Sabäern und der ansässigen Bevölkerung. Im Vordergrund steht die Erforschung des Prozesses der Interaktion dieser beiden Kulturen. So fallen neben indigenen Merkmalen insbesondere die südarabischen Einflüsse auf, die sich in der Kunst, der Repräsentationsarchitektur aber auch in Schrift, Sprache, Religion und der gesellschaftlicher Organisation widerspiegeln.

Die monumentalen öffentlichen Bauwerke konzentrieren sich in der unbefestigten Siedlung Yeha auf das heutige Kirchengelände und seine unmittelbare Umgebung. Neben dem „Großen Tempel“, einem in den letzten Jahren erforschten und restaurierten Heiligtum des höchsten sabäischen Gottes Almaqah, zählen zu diesen Monumentalbauten weiterhin ein etwa 60 m x 60 m großer mehrgeschossiger Palast sowie mehrere bisher nur in Ansätzen untersuchte Repräsentationsbauten. Mit den jüngsten Ausgrabungen kann nun ein weiterer Tempel mit 1,40 m starken Außenmauern sowie einer Pfeilerhalle im Inneren des Gebäudes rekonstruiert werden, auch wenn bislang nur wenige Reste freigelegt wurden.
Typisch für eine südarabische Bauweise sind die gestufte Anordnung der Quaderlagen der Außenmauer sowie der mörtel- und dübellose Versatz der Steine. Identisch mit der südarabischen Steinmetztechnik ist zudem die Gestaltung der Quadersichtflächen mit geglättetem Rand und aufgerauter Mittelfläche. Anhand dieser Details lässt sich das Gebäude in das 7. Jahrhundert v. Chr. datierten und entstand damit etwa zeitgleich mit dem Großen Tempel. Pfeilerhallen, die die mehrschiffigen Innenräume der Tempel gliedern, sind für südarabische Sakralbauten im heutigen Jemen bekannt. Mit den sabäischen Einwanderern fand dieser Bautyp Eingang in die architektonische Gestaltung der Heiligtümer von Yeha.

Blick in die Grabung im November 2019

Blick in die Grabung im November 2019, Foto: Irmgard Wagner, Deutsches Archäologisches Institut

Mit dem neuen Sakralbau wird die herausragende religiöse Bedeutung unterstrichen, die der Fundplatz Yeha in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. in dieser Region besaß. Die Arbeiten in Yeha werden von der Orient-Abteilung des DAI gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Langfristvorhaben gefördert.

Weitere Infos zu dem Tempelberg von Yeha gibt es hier.

Quelle:

Deutsches Archäologisches Institut
Pressestelle
Berlin

Ein ägyptisch-deutsches Grabungsteam hat in Kairo bei durch Bauvorhaben bedingten Notgrabungen eine Reihe von erstaunlichen Funden gemacht, die zurück bis in die früheste Geschichte der Tempelstadt Heliopolis reichen.

Zu den entdeckten Objekten aus unterschiedlichen Jahrtausenden gehören Feuerungsanlagen einer Brauerei, ein steingepflasterter Weg, ein Relief mit einer Darstellung von Ramses II. und Fragmente lebensgroßer Skulpturen. Die Grabungen standen unter der Leitung von Dr. Dietrich Raue von der Universität Leipzig und Dr. Aiman Ashmawy vom Ägyptischen Antikenministerium.

In der nun dreizehnten gemeinschaftlichen Grabungskampagne erreichte der Verbund aus Wissenschaftlern des Ägyptischen Antikenministeriums und der Universität Leipzig, unterstützt durch Mitarbeiter der Hochschule Mainz, jetzt die bislang ältesten Schichten dieses bedeutenden Kultzentrums. Sie gehören einer Zeit an, in der der nördliche und südlich Landesteil sukzessive zusammenwuchsen, der Norden jedoch noch gut 400 Jahre vor den Königen der sogenannten 1. Dynastie eine deutlich andere materielle Kultur aufwies.

Zusammen mit zahlreichen Funden, die in einer Tiefe von bis zu zwei Metern unter dem Grundwasserspiegel geborgen werden konnten, fand das Team Ausschnitte von Häusern des mittleren 4. Jahrtausends v. Chr. Als besonderer Befund können die Feuerungsanlagen einer Brauerei gewertet werden. Ein Bauprojekt im Kairoer Stadtteil Matariya machte diese erste Notgrabung notwendig, bei der nun diese erstaunlichen Funde zutage gefördert wurden.

newsimage322289

Die Basis einer Statue des Enkels Ramses‘ II., Sethos II.
Foto: Universität Leipzig

„In den darüber liegenden Schichten des 2. Jahrtausends vor Christus fanden sich, nicht weniger überraschend, Belege für Brunnenbauten des Übergangs von der 20. zur 21. Dynastie, also der Zeit um 1100/1050 vor Christus“, berichtet Dr. Dietrich Raue. „In den Haldenschichten wurden Fragmente von Rosengranitsäulen, Königssphingen und Keramikformen zur Herstellung von Fayenceamuletten entdeckt.“

Eine zweite Notgrabung erbrachte ebenfalls unverhoffte Erkenntnisse: So konnte ein steingepflasterter Weg der 3. Zwischenzeit (frühes 1. Jahrtausend v. Chr.) aufgedeckt werden. Aufsehenerregende Funde stammen dabei aus zwei Gruben der griechisch-römischen Zeit. Darin kamen zum einen ein hervorragend erhaltenes Relief mit einer Darstellung von Ramses II. vor dem Sonnengott Ra-Harachte zum Vorschein als auch eine Sammlung von Fragmenten lebensgroßer Skulpturen.

Neben der Basis einer Statue des Enkels Ramses‘ II., Sethos II. (1204 – 1198 v. Chr.), aus braunem Quarzit ist eine weibliche Figur aus Rosengranit besonders bemerkenswert. Sie trägt auf der Rückseite die Titulatur von Ramses II. (1279 – 1213 v. Chr.). „Es handelt sich entweder um die Darstellung einer Königin dieses Herrschers oder um eine Göttin aus dessen Regierungszeit“, sagt Raue.

Dr. Aiman Ashmawy vom Ägyptischen Antikenministerium, der Co-Direktor der Grabungskampagne, erläutert hierzu, „dass die Funde möglicherweise mit den Abtransporten der römischen Kaiserzeit in Verbindung stehen“. Schließlich seien im späten 1. Jhd. v. Chr. – frühen 1. Jhd. n. Chr. zahlreiche Obelisken und andere Denkmäler nach Alexandria verschleppt worden. Die berühmtesten heliopolitanischen Denkmäler, die in dieser Zeit aus dem Tempel transportiert wurden, sind eine Reihe von Obelisken, die heute in Rom zu besichtigen sind.

Die Ausgrabungen fanden laut Dr. Dietrich Raue, Kustos des Ägyptischen Museums – Georg Steindorff – der Universität Leipzig, mit der Beteiligung eines internationalen Wissenschaftlerteams des ägyptischen Antikenministeriums und auch von den Universitäten Lüttich, Venedig und der American University Cairo statt. Zuletzt hatten die Wissenschaftler im Mai für Aufsehen gesorgt, als sie unter anderem erstmals auf gewaltige Binnenmauern aus Lehmziegeln von fünf bis sieben Metern Stärke gestoßen waren.

Die Arbeiten wurden durch die Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung, der Berthold Leibinger Stiftung, der Europäischen Stiftung für Bildung und Kultur der Rahn-Dittrich-Gruppe und des Forums für Ägyptologie an der Universität Zürich ermöglicht.

Weitere Infos zum Heliopolis Projekt gibt es hier.

Quelle:
Dipl.-Journ. Carsten Heckmann
Stabsstelle Universitätskommunikation/Medienredaktion
Universität Leipzig

15.000 Jahre alte Frauenfigur im Ostalbkreis geborgen ‒ Tübinger Archäologen präsentieren Fund aus Waldstetten

Archäologen der Universität Tübingen haben ein Fundstück aus der Gemeinde Waldstetten als 15000 Jahre altes Kunstwerk aus der Eiszeit identifiziert. Die Frauenfigur vom Typ Gönnersdorf zeigt gleichzeitig einen stark vereinfachten Frauenkörper und einen Phallus. Figuren dieser Art sind bereits aus Fundstätten in Europa bekannt, erstmals wurde nun ein Exemplar im Ostalbkreis gefunden. In einer Pressekonferenz präsentierten am Mittwoch Professor Harald Floss (Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen) und sein Team den Fund gemeinsam mit Vertretern der Gemeinde Waldstetten und des „Arbeitskreis Steinzeit Schwäbisch Gmünd“.

newsimage320466

Die Frauenfigur vom Typ Gönnersdorf (Foto: Simon Fröhle)

Geborgen wurde die Figur durch den Amateurarchäologen Adolf Regen. Insgesamt hatte er an die Wissenschaftler ca. 2000 Funde übergeben, von denen ein Teil aus dem Magdalénien stammt, einer Kulturstufe zum Ende der Altsteinzeit (ca. 18000-12000 v. Chr.) und vom Ende der letzten Eiszeit. Die Figur ist knapp sechs Zentimeter groß und besteht aus einem Quarzitgeröll, das so auf der Fundstelle nicht vorkommt. Der Form nach entspricht sie den so genannten Frauenfiguren vom Typ Gönnersdorf, die nach einer Fundstelle am Mittelrhein benannt wurden und stark stilisiert sind: Von der natürlichen Form des Gerölls inspiriert, machen hier nur wenige eingravierte Linien aus einem typisch geformten Stein ein Kunstwerk. Die Darstellung reicht von anatomisch annähernd vollständigen Darstellungen bis hin zu Figuren, die nur aus Rumpf und Gesäß bestehen.

So zeigt der Fund aus Waldstetten nur einen Oberkörper ohne Kopf, einen dominanten Mittelteil mit Gesäß und einen verkürzten Unterkörper im Profil. Mit einer umlaufenden Gravierung im oberen Bereich folgt er zudem einer Tradition der zweigeschlechtlichen Darstellung, die aus der europäischen Eiszeitkunst bekannt ist ‒ die Figur kann gleichzeitig als männliches Geschlechtsteil interpretiert werden.

„Diese Art der Abstrahierung zeichnet die Kunst am Ende der Eiszeit aus. Unser Typ Frauenfigur hat wenig mit den üppigen so genannten Venusfiguren aus der früheren Epoche des Gravettien gemein“, sagte Archäologe Harald Floss. Frauenfiguren des Typs Gönnersdorf folgten in ihrer geografischen Verbreitung der des Magdalénien und fänden sich von den Pyrenäen bis nach Osteuropa. In Süddeutschland kenne man sie zum Beispiel vom Petersfels bei Engen im Hegau. „Die Figur von Waldstetten ist als ein solches Kunstwerk einzuordnen. Dafür sprechen die absolut typische Form, die Lage in einer Konzentration von magdalénienzeitlichen Funden und mehrere umlaufende Gravierungen, die von Menschen angebracht wurden.“

Harald Floss leitet ein archäologisches Großprojekt zur Erforschung des Freilandpaläolithikums in Baden-Württemberg, das vom Landesamt für Denkmalpflege, der baden-württembergischen Förderstiftung Archäologie und dem Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg gefördert wird. Eine Schwerpunktregion ist der Ostalbkreis, der in der Altsteinzeitforschung bislang wenig im Mittelpunkt stand. Durch eine Kooperation mit dem „Arbeitskreis Eiszeit in Schwäbisch Gmünd“ waren Floss und sein Team auf die Fundstelle in Waldstetten aufmerksam geworden. Die Frauenfigur ist erst der zweite Fund eines Eiszeitkunstwerkes im Ostalbkreis, nach der Skulptur einer Dasselfliegenlarve aus Gagat von der Kleinen Scheuer im Rosenstein (Stadt Heubach). Die Waldstettener Funde werden derzeit von den Doktoranden Simon Fröhle und Stefan Wettengl an der Universität Tübingen untersucht. Eine Intensivierung der Forschungen in der Region ist geplant.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

ForscherInnen untersuchen Individuen, die zur Zeit der Völkerwanderung lebten.

Unter der Leitung von Ron Pinhasi von der Universität Wien sowie Mario Novak vom Institute for Anthropological Research in Zagreb untersuchte ein WissenschafterInnenteam die Ernährungsgewohnheiten, das Geschlecht und die Genverwandtschaften dreier Jugendlicher, die zur Zeit der Völkerwanderung im 5. Jahrhundert lebten und bei einer Ausgrabung in Osijek im Osten Kroatiens entdeckt wurden. Zu dieser Zeit war diese Region Europas von unterschiedlichen Nomadenvölkern, wie von den Hunnen bzw. Germanen, den Gepiden und den Ostgoten, besiedelt.

„Aufgrund der ungewöhnlichen Grabstätten und der Tatsache, dass zwei der untersuchten Individuen andere Formen von künstlicher Schädeldeformation aufwiesen, war die Untersuchung dieser Personen äußerst faszinierend für uns“, sagt Daniel Fernandes, Postdoc am Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien.

newsimage318169

Der langgezogene Schädel bei der Ausgrabung
© D. Los/Kaducej Ltd

„Die künstliche Schädeldeformation bezeichnet die absichtliche Verformung des Schädels im Kindesalter und zielt darauf ab, durch den Einsatz von Brettern, Bandagen oder speziellen Kopfbedeckungen eine gewünschte Schädelform zu erzielen“, so Kendra Sirak, Wissenschaftlerin an der Harvard Medical School. Dieses weit verbreitete kulturelle Phänomen wurde bei verschiedenen uralten Bevölkerungsgruppen weltweit dokumentiert und zielte darauf ab, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder die persönliche Identität sichtbar zu machen, also sich z.B. klar von anderen Volksgruppen abzugrenzen oder den eigenen Status, Adel oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse oder Gruppe zu zeigen.

„Während alle Skelette der drei Jugendlichen Anzeichen auf schwere Unterernährung aufweisen, war für uns verblüffend, dass ihre genetische Abstammung derart unterschiedlich ist“, so Mario Novak, Bioarchäologe am Institute for Anthropological Research in Zagreb.

„Die DNA-Analysen haben ergeben, dass der Jugendliche ohne künstliche Schädeldeformation eine überwiegend westeuropäische Abstammung, der Jugendliche mit der langgezogenen Schädelform eine ostasiatische Abstammung und der dritte Jugendliche eine nahöstliche Abstammung aufweist“, erklärt Ron Pinhasi, Leiter des DNA-Labors an der Universität Wien.

Der Jugendliche mit ostasiatischer Abstammung ist zudem das erste in Europa gefundene Individuum aus der Zeit der Völkerwanderung, dessen Abstammung größtenteils auf Ostasien zurückgeht.

„Diese Ergebnisse legen nahe, dass die künstliche Schädeldeformation möglicherweise dazu diente, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten kulturellen Gruppe sichtbar zu machen, und dass diese Gruppen zur Zeit der Völkerwanderung in der Pannonischen Tiefebene miteinander in regem Kontakt standen“, schließt Novak.

Zu der Studie in „PLOS ONE“ geht es hier.

Quelle:

Alexandra Frey
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien