Archive für den Monat: Juli, 2012

Mein zweiter Besuch in Wien: Eine organisatorische Herausforderung. Viel Recherche und noch mehr Emails gingen dieser Reise voraus. Da mag sich mancher fragen: Ob die nicht weiß, wie einfach es ist, in Wien unterwegs zu sein? Wenn man genug vom Stephansdom gesehen hat, fährt man mit dem Fiaker weiter zur Hofburg. Wenn man lang genug im Sisi Museum war, spaziert man zum Cafe Demel und trinkt eine Melange. Dem stimme ich zu: Wien ist ein touristisch bestens erschlossenes Gebiet.Warum also eine Reise planen, wenn die Dame in der nächsten Touristeninformation zehn Orte auf einmal vorschlagen kann, die es sich zu besichtigen lohnt? All das hätte mir aber nicht weitergeholfen. Für die Räume, die ich sehen wollte, gibt es keine Informationsbroschüren. Meine Reiseziele lagen fernab von Fiakern und Marilleneis. Ich wollte in die Unterwelt Wiens.

Meine Reise hätte niemals funktioniert, wenn ich nicht mit den Unterwelten-Experten von Wien Kontakt aufgenommen hätte. Sie allein wissen, wo die Eingänge in das unterirdische Reich liegen und wie sich verschlossene Türen zur Unterwelt öffnen lassen.

Die Geschichte der Kellerräume beginnt im Mittelalter: Damals hoben die Wiener hier unten Nahrungsmittel und Wein auf. Während der Türkenbelagerung im 16. Jahrhundert dienten die unterirdischen Räume als Munitionslager und Schutzräume. Im zweiten Weltkrieg schließlich wurden die Keller zu Luftschutzkellern umgebaut und mit Gängen untereinander verbunden. Während dieser Zeit bildeten die verbundenen Keller der Innenstadt ein wahres Labyrinth, in dem man stundenlang laufen konnte.

Auf meiner Reise begleitete mich zunächst Gabriele Lukacs. Sie führte mich hinab in die mehrstöckigen Keller Wiens. Einer der tiefsten Keller liegt in einem Eckhaus Kramergasse 11 / Ertlgasse 4. Innerhalb der vier Stockwerke bekam ich nicht nur römische Torreste der römischen Porta Dextra zu sehen, sondern auch einen mittelalterlichen Brunnen. Hier, wie auch in einigen anderen Kellern, die Frau Lukacs mir zeigte, überraschten mich vor allem die vielen Gänge, die von den Kellern abzweigen und einst zu anderen Kellern hinführten. Die meisten sind mittlerweile entweder direkt im Kellerraum selbst oder schon nach wenigen Metern zugemauert.

Keller in Wien

Gespannt wartete ich am folgenden Tag auf den Unterwelt-Experten und Fotografen Robert Bouchal. Ich wusste nicht, wo es hingehen würde. Er schrieb mir nur zuvor, dass ich mich sportlich kleiden sollte – ich könnte nämlich schmutzig werden. Das klang abenteuerlich! Und so war es dann auch.
Erst stiegen wir in einen ehemaligen Luftschutzkeller. Mir fielen breite weiße Streifen auf Augenhöhe an den Wänden auf. Wenn man die Streifen mit der Taschenlampe beleuchtet, erstrahlen sie auch jetzt noch in Neon-grün und weisen in der Dunkelheit den Weg zu den einzelnen Räumen. Auf dem Boden lagen achtlos verstreut altmodische Reisekoffer und Truhen. Ich glaubte, in einer Zeitkapsel zu stehen. Herr Bouchal zeigte auf einen Stapel gelbliches Papier mit vielen Kreisen darauf und dem Wort „Reichsarbeitsdienst“. Die Ringscheiben aus der NS-Zeit lagen hier einfach so zwischen Kohlehaufen und Schutt. Seit fast 70 Jahren. Unfassbar.

Ringscheibe aus dem Zweiten Weltkrieg

Im völligen Gegensatz zu dieser Besichtigung stand unser nächstes Reiseziel: Die Seegrotte Hinterbrühl, ein ehemaliges Gipsbergwerk. Im Jahr 1912 brach Wasser in das Gipsbergwerk ein und es bildete sich ein riesiger See. Während des Zweiten Weltkrieges legten die deutschen Heinkel-Werke alles trocken und errichteten in den ausgedehnten Gängen der Seegrotte eine Flugzeugfabrik. Nach dem Krieg wurde die Grotte wieder langsam mit Wasser gefüllt. Heute lockt der 6.200 m² große unterirdische See täglich Menschenmassen an. So fühlte ich mich wenigstens einmal an diesem Wochenende wie ein normaler Tourist, als wir vor dem Eingang anstanden – umrahmt von kitschigen Schlüsselanhängern und Postkarten. Das Warten lohnte sich. Durch einen schmalen Gang liefen wir hinab zum See, vorbei an Resten alter Flugzeugmodelle und Grubenlampen. Am See angekommen, fuhren wir in einem Boot durch die Grotte mit ihrem klaren, grün-blauen Wasser.

In der Seegrotte

Zuletzt zeigte mir Herr Bouchal eine seiner aktuellen Forschungsstätten – einen ehemaligen Luftschutzstollen, der Höhepunkt meiner gesamten Reise. Mit Helmen ausgerüstet stiegen wir über eine schmale Leiter einige Meter hinauf in einen Felsen. An den Seiten des Stollens liegen noch heute zusammengefallene Holzbänke, an der Decke hängen die Halterungen für das einstige Luftrohr. Neben Essensbüchsen fand das Forschungsteam hier auch Kinderschuhe, und zwei Eimer, die als Aborte dienten.
Immer wieder musste ich mich ducken, um nicht an die kantige Decke zu stoßen. Die niedrige Höhe des Stollens und die Enge gaben mir bald ein beklemmendes Gefühl. Wie mag es erst für die Menschen gewesen sein, die vor Jahrzehnten in diesem Raum nebeneinander saßen, um sich vor den Luftangriffen zu schützen?

Ehemaliger Luftschutzstollen

An meinem letzten Tag in Wien traf ich Dr. Marcello La Speranza. Der Historiker hat sich auf die Neuzeitliche Archäologie spezialisiert. Und so traf ich mich mit ihm an einem verregneten Vormittag vor dem Erinnerungsbunker im Arne-Carlsson-Park. Viele Jahre lang schimmelte und rostete der Bunker vor sich hin, bis die Stadt Wien endlich notwendige Sanierungsarbeiten finanzierte. Trotzdem tropft das Wasser auch jetzt noch in manchen Räumen von der Decke. Schüler realisierten in den Räumen des Tiefbunkers eine thematisch passende Ausstellung. Dr. La Speranza richtete einige der Räume mit originalen Gegenständen aus der Zeit des Krieges ein.

Tiefbunker im Arne-Carlsson-Park

Später besuchten wir noch den Flakturm im Esterházy-Park. Heute schwimmen hier Haie neben Quallen und Schildkröten, Ameisen krabbeln durch Röhren, Nashornvögel fliegen vorbei an kleinen Äffchen – und das auf mehreren Stockwerken verteilt! Der Turm wurde zum Zoo ausgebaut, zum sogenannten „Haus des Meeres“. Ganz oben, im 10. Stockwerk, konnte Dr. La Speranza einen nachgestellten „Kommandoraum“ einrichten. Die vielfältige Nachnutzung der Bauten des Zweiten Weltkrieges, die Verbindung einer neuen mit einer alten Welt, wie es vor allem im Haus des Meeres geschieht, hält Dr. La Speranza für sehr wichtig. Das Gebäude wird dadurch sozusagen „entgiftet“. An diesem Tag wie auch auf der gesamten Reise erfuhr ich vor allem eines: Um aus Geschichte zu lernen, darf man sie nicht ausblenden. Man muss Geschichte aktiv aufarbeiten und sich an sie erinnern. Dazu gehören eben auch jene Denkmäler, die sich bis heute verborgen unter der Oberfläche erhalten haben.

Wer sich für die Unterwelt Wiens interessiert, dem empfehle ich vor allem zwei Bücher:

Robert Bouchal, Marcello La Speranza: Wien – Die letzten Spuren des Krieges: Relikte & Entdeckungen. Pichler Verlag 2012
Marcello La Speranza und Robert Bouchal ist ein sehr informatives Buch zu den Ruinen, Luftschutzkellern, Stollen- und Bunkeranlagen in Wien während des Zweiten Weltkrieges gelungen. Sie stellen nicht nur die Orte vor, sondern betten diese auch in die jeweiligen geschichtlichen Ereignisse ein. Sehr gute Fotos und Pläne vermitteln dem Leser von diesen schwer zugänglichen Orten einen hervorragenden Eindruck.

Robert Bouchal, Gabriele Lukacs: Geheimnisvolle Unterwelt von Wien: Keller – Labyrinthe – Fremde Welten. Pichler Verlag 2011.
Gabriele Lukacs und Robert Bouchal stellen unbekannte Keller, Gänge und Tunnel unter Wien vor, dabei u. a. unter der Hofburg und den Klosteranlagen. Einige Rätsel um Geheimgänge, Grüfte, Katakomben bleiben ungeklärt – und genau das macht dieses Thema so spannend. Obwohl man meinen würde, dass hier unten – in der Dunkelheit – gute Fotos besonders schwer zu machen sind, überzeugen die auffallend schönen Illustrationen des Buches.

Homepages der Unterwelt-Experten Wiens:

Robert Bouchal

Gabriele Lukacs

Dr. Marcello La Speranza

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Munitionsgürteln, Taschenlampen, Pfeifen – und Gebeine: Die Relikte der 21 Soldaten im Kilianstollen im Südelsass sind geborgen und werden derzeit für Ausstellungen konserviert…

Zum ganzen Artikel der Badischen Zeitung geht es hier.

In Tikal haben Archäologen eine komplexe Anlage ausgegraben, mit der die Bewohner der alten Maya-Stadt ganzjährig Regenwasser verteilen konnten. Das 1700 Jahre alte System zur Wasserversorgung zeugt von enormer Ingenieurskunst…

 

 

Zum ganzen Artikel auf süddeutsche.de geht es hier.

Ein internationales Forscherteam mit Berner Beteiligung hat in Israel einzigartige Funde in einer Synagoge aus byzantinischer Zeit gemacht. Die Funde belegen die Wichtigkeit von Synagogen als Zentren des damaligen religiösen und sozialen Lebens.

In Horvat Kur, einem galiläischen Dorf in der Nähe des Sees Gennesaret in Israel, entdeckte ein internationales Team von Spezialisten und Studierenden 2010 eine antike Synagoge. Sie stammt aus dem 4. bis 5. Jahrhundert nach Christus. Nun vermeldet das Grabungs-Team, welchem auch Berner Forschende und Studierende angehören, einen neuen Erfolg: Erstmals wurden diverse Funde in einer einzigartigen Konstellation entdeckt – zum Beispiel Haushaltskeramik aus spätrömischer und frühbyzantinischer Zeit (4./5. Jh. n. Chr.).
Der bedeutendste Fund ist gemäss dem internationalen Grabungsteam ein Basaltstein, welcher einer früheren Phase in der Baugeschichte der Synagoge angehörte. Der Stein hat die Form eines niedrigen Tisches und ist mit figurativen und geometrischen Mustern verziert. Seine Funktion ist unklar: Diente er als Lesepult für die geöffnete Schriftrolle, vor welcher der Vorleser kniete, oder war er Unterlage für ein hölzernes Pult, hinter dem der Vorleser stand und rezitierte? Der Stein könnte noch eine ganz andere Rolle gespielt haben in der synagogalen Praxis. Die genaue Analyse der Verzierung soll darüber nähere Aufschlüsse geben.
Im Synagogen-Innenraum wurde zudem ein Steinsitz freigelegt. Der Sitz war in einer Bank entlang der Südmauer der Synagoge eingebaut und über zwei Stufen zugänglich. «Dieser Sitz wurde vermutlich vom Leiter der Gemeinschaft anlässlich von Versammlungen genutzt. Es ist der erste solche Sitz, der je in Israel in situ, das heisst in Originalposition, gefunden worden ist», sagt Stefan Münger vom Berner Institut für Judaistik und Co-Direktor des Ausgrabungsprojekts.
Ebenfalls an der – nach Jerusalem gerichteten – Südmauer fanden die Archäologinnen und Archäologen die Reste eines ehemals reich verzierten Podiums (einer sogenannten «Bemah»), auf welchem ursprünglich der Thoraschrein gestanden hatte. Zu den Dekorationselementen gehören unter anderem die Reste eines Löwenreliefs und einer Rosette aus Kalkstein.
«All diese Funde zeigen die Bedeutung der Synagoge als Zentrum des religiösen und sozialen Lebens», sagt Münger, «denn kein anderes Gebäude in der umliegenden Siedlung weist auch nur annähernd ähnliche Struktur- oder Dekorationsmerkmale auf.»
In einer versiegelten Zisterne nahe der Synagoge wurde ausserdem eine grosse Anzahl an intakten Gefässen der spätrömischen beziehungsweise frühbyzantinischen Zeit (4./5. Jh. n. Chr.) gefunden. Darunter befinden sich viele Gefässtypen, die bisher noch nie komplett gefunden worden sind.
All diese neuen Entdeckungen werden laut den Forschenden erheblich zum Verständnis der Kulturgeschichte des galiläischen Synagogenbaus während der byzantinischen Zeit beitragen und neue Perspektiven für die Synagogenfoschung allgemein eröffnen. Die neuen Funde werden im November anlässlich eines Kolloquiums in Deutschland vorgestellt und eine Ausstellung im «Israel Museum» in Jerusalem ist derzeit in Vorbereitung.
Die Ausgrabungen auf Horvat Kur sind Teil des «Kinneret Regional Project» und werden von einem gemeinsamen Forschungsteam der Universitäten Bern, Helsinki, Leiden und des Wofford College (USA) durchgeführt. Forschende und Studierende dieser Universitäten sowie Studierende und Experten aus Belgien, Deutschland, Grossbritannien, Israel sowie Rumänien nahmen an der diesjährigen Ausgrabung teil.
Quelle:
lic. phil. Nathalie Matter
Abteilung Kommunikation
Universität Bern

Mamor, Stein, Gold: Warum sich die türkische Regierung in Restitutionsfragen zunehmend unnachgiebig zeigt…

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