Archive für den Monat: Oktober, 2013

Paläoanthropologen der Universität Zürich haben im georgischen Dmanisi den intakten Schädel eines Frühmenschen gefunden. Dieser Fund zwingt die Paläoanthropologie zum Umdenken: Die menschliche Artenvielfalt vor zwei Millionen Jahren war viel kleiner als bisher angenommen. Dafür war die Vielfalt beim «Homo erectus», der ersten globalen Menschenart, so gross wie beim heutigen Menschen.

Es ist der bis jetzt am besten erhaltene Fossilfund aus der Frühzeit unserer Gattung. Pikant ist, dass er über eine Kombination von Merkmalen verfügt, die bis jetzt unbekannt war: Der Schädel, den Anthropologen der Universität Zürich in einer vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Zusammenarbeit mit georgischen Kollegen in Dmanisi gefunden haben, hat das grösste Gesicht, die massivsten Kiefer und Zähne und das kleinste Gehirn innerhalb der Dmanisi-Gruppe.
Es ist der fünfte Schädelfund aus Dmanisi. Bis dahin fand man in Dmanisi vier ebenfalls gut erhaltene Frühmenschenschädel sowie einige Skelettteile. Alle Funde zusammen zeigen, dass bereits vor 1.85 Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung «Homo» sich aus Afrika über Eurasien auszubreiten begannen.

Vielfalt innerhalb der Art anstatt Artenvielfalt

Weil der Schädel vollständig erhalten ist, lassen sich verschiedene Fragen klären, die bis jetzt ein weites Feld für Spekulationen boten. Es geht dabei um nichts weniger als den evolutionären Beginn der Gattung «Homo» in Afrika vor etwa zwei Millionen Jahren zu Beginn der Eiszeit, auch Pleistozän genannt. Gab es damals in Afrika mehrere spezialisierte «Homo»-Arten, von denen zumindest eine sich auch ausserhalb Afrikas behaupten konnte? Oder gab es nur eine einzige Art, die sich in den verschiedensten Ökosystemen zurechtfand? Obwohl die frühmenschlichen Funde aus Afrika eine grosse Formenvielfalt aufweisen, liess sich diese Frage bis anhin nicht entscheiden. Ein Grund liegt in den verfügbaren Fundstücken, wie Christoph Zollikofer, Anthropologe der Universität Zürich erläutert: «Es handelt sich um meist fragmentarische Einzelfunde, die über weite räumliche Distanzen verstreut sind, und die zudem aus einer Zeitspanne von mindestens 500’000 Jahren stammen. Somit ist letztlich nicht klar ist, ob es sich bei den afrikanischen Fossilien um Artenvielfalt handelt, oder um Vielfalt innerhalb einer Art».

So viele Arten wie Forscher

Auf einen weiteren Grund weist Marcia Ponce de León, auch sie ist Anthropologin an der Universität Zürich, hin: Paläoanthropologen gingen oft stillschweigend davon aus, dass das Fossil, das sie gerade gefunden hatten, repräsentativ sei für die Art, das heisst, dass es diese gut charakterisiere. Dies sei statistisch zwar nicht sehr wahrscheinlich, dennoch gäbe es Forschende, die bis zu fünf gleichzeitig existierende frühe Arten der Gattung «Homo» in Afrika postulierten, wie etwa «Homo habilis», «Homo rudolfensis», «Homo ergaster», «Homo erectus», u.a.m. Ponce de León bringt das Problem auf den Punkt: «Zur Zeit gibt es eben so viele Unterteilungen in Arten, wie es Wissenschaftler gibt, die sich mit diesem Problem beschäftigen».

Dank Perspektivenwechsel Entwicklung des «Homo erectus» über eine Million Jahre verfolgen

Dmanisi bietet nun den Schlüssel zur Lösung. Laut Zollikofer ist der fünfte Schädel deshalb so wichtig, weil er in sich Merkmale vereint, die bisher als Argument gebraucht wurden, um verschiedene afrikanischen «Arten» zu charakterisieren – mit anderen Worten: «Wären Hirn- und Gesichtsschädel des Dmanisi-Exemplars als Einzelteile gefunden worden, wären sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zwei verschiedenen Arten zugeordnet worden». Ponce de León fügt an: «Entscheidend ist auch, dass wir in Dmanisi fünf gut erhaltene Individuen haben, von denen wir wissen, dass sie am selben Ort und zur selben Zeit gelebt haben». Diese einzigartige Fundsituation macht es möglich, die Formenvielfalt in Dmanisi mit der Formenvielfalt innerhalb moderner Populationen des Menschen und des Schimpansen zu vergleichen. Zollikofer fasst das Resultat der statistischen Analysen zusammen: «Bei den Dmanisi-Funden handelt es sich erstens um die Population einer einzigen fossilen Menschenart. Zweitens unterscheiden sich die fünf Dmanisi-Individuen tatsächlich stark voneinander, aber auch nicht mehr als fünf be¬liebige Menschen oder fünf beliebige Schimpansen aus einer modernen Population».
Vielfalt innerhalb einer Art ist also die Regel, nicht die Ausnahme. Die aktuellen Resultate werden von einer weiteren, vor Kurzem in der Zeitschrift PNAS publizierten Studie gestützt: In dieser zeigen Ponce de León und Zollikofer mit Kollegen, dass bei den Dmanisi-Hominiden wesentliche Unterschiede der Gesichtsform auf den individuell unterschiedlichen Abnützungsgrad ihrer Gebisse zurückzuführen sind.

Damit ist ein Perspektivenwechsel angezeigt: Bei den afrikanischen Fossilien aus der Zeit vor etwa 1.8 Millionen Jahren handelt es sich wohl um Vertreter ein und derselben Art, die am besten als «Homo erectus» bezeichnet wird. «Homo erectus» ist demnach vor etwa zwei Millionen Jahren in Afrika entstanden und hat sich bald danach über Eurasien – dort unter anderem auch via Dmanisi – bis nach China und Java ausgebreitet, wo er ab etwa 1.2 Millionen Jahren nachgewiesen ist. Ein Vergleich der Formenvielfalt in Afrika, Eurasien und Ostasien lässt Rückschlüsse auf die Populationsbiologie dieser ersten globalen Menschenart zu.

«Homo erectus» ist also der erste «Global Player» der menschlichen Evolution. Seine Neudefinition bietet jetzt Anlass, die Entwicklung dieser fossilen Menschenart über einen Zeitraum von einer Million Jahren zu verfolgen.

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Quelle:

Beat Müller
Kommunikation
Universität Zürich

Steinzeitliche Parallelgesellschaften bis vor 5.000 Jahren / Wildbeuter-Gene auch bei heutigen Europäern zu finden

Einheimische Jäger und Sammler sowie eingewanderte Ackerbauern lebten mehr als 2.000 Jahre lang gleichzeitig in Mitteleuropa, bis die Jäger- und Sammlergemeinschaften verschwanden oder sich der bäuerlichen Lebensweise anschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) erstellt und im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wurde. Das Team um Univ.-Prof. Dr. Joachim Burger hat dazu Knochenfunde aus der Blätterhöhle in Hagen untersucht, wo sowohl Wildbeuter als auch Bauern bestattet wurden. „Gemeinhin wird angenommen, dass die mitteleuropäischen Jäger und Sammler recht bald nach der Ankunft der Ackerbauern verschwunden seien. Tatsächlich behielten die Nachfahren der mittelsteinzeitlichen Menschen ihre Lebensweise als Jäger und Sammler noch mindestens 2.000 Jahre lang bei und lebten parallel zu den eingewanderten Bauern“, erklärt die Erstautorin der Studie, Dr. Ruth Bollongino. „Der Lebensstil der Jäger und Sammler ist in Mitteleuropa also erst nach 5.000 Jahren vor heute ausgestorben.“

Zum Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn der heutigen Warmzeit vor etwa 10.000 Jahren lebten in Europa die Nachfahren der ersten anatomisch modernen Menschen. Sie ernährten sich von der Jagd und dem Sammeln wilder Gräser, Früchte und Knollen. Erste Anzeichen einer bäuerlichen, sesshaften Lebensweise in Mitteleuropa sind etwa 7.500 Jahre alt. Das Team um den Mainzer Anthropologen Joachim Burger hat in den letzten Jahren mit populationsgenetischen Studien anhand alter DNA aus Skeletten nachgewiesen, dass die ersten Ackerbauern Mitteleuropas nicht die Nachfahren der Jäger und Sammler, sondern Einwanderer waren.

Wie sich in der Folge das Verhältnis zwischen bäuerlichen Immigranten und lokalen Wildbeutern gestaltete, war bislang kaum erforscht. Die Mainzer Anthropologen haben nun festgestellt, dass sich die Wildbeuter in unmittelbarer Nähe zu Ackerbauern aufhielten, über Jahrtausende Kontakt mit ihnen hatten und in der gleichen Höhle ihre Toten bestatteten. Der Kontakt blieb nicht folgenlos, denn Jäger-Sammler-Frauen heirateten bisweilen in die Bauerngesellschaften ein, während sich keine genetischen Linien der Bauernfrauen bei den Jäger-Sammlern finden. „Dieses Heiratsmuster ist aus vielen ethnographischen Studien bekannt. Bauernfrauen empfinden die Einheirat in Wildbeutergruppen als sozialen Abstieg, wohl auch weil die Geburtenrate bei Bauern höher ist“, fügt Joachim Burger hinzu.

Sein Team für Palaeogenetik ist eines der weltweit führenden auf dem Gebiet. Es hat für die jetzt veröffentlichte Studie die DNA aus Knochen der Blätterhöhle in Westfalen untersucht. Die Höhle wird von dem Berliner Archäologen Jörg Orschiedt ausgegraben und ist eine der seltenen Belege der Anwesenheit von Wildbeutern über einen Zeitraum von 5.000 Jahren.

Lange konnten sich die Mainzer Forscher keinen Reim auf die genetischen Befunde machen. „Erst durch die Isotopenanalysen unserer kanadischen Kollegen fügte sich das Puzzle zusammen“, so Bollongino. Demgemäß lebten die Jäger-Sammler mit einer sehr spezialisierten, unter anderem auf Fisch basierenden Ernährung bis vor etwa 5.000 Jahren in Mittel- und Nordeuropa fort.

Auch der Frage, welchen Einfluss beide Gruppen auf den Genpool der heutigen Europäer hatten, ging das Team nach. Adam Powell, Mathematiker und Spezialist für demographische Modellierungen am Institut für Anthropologie der JGU, erklärt hierzu: „Während weder Jäger-Sammler noch Ackerbauern als alleinige Vorfahren heutiger Europäer anzusehen sind, sind es die Mischpopulationen aus beiden, die potenziell die direkten Vorfahren heutiger Mitteleuropäer darstellen.“

Der Lebensstil des Jagens und Sammelns stirbt in Mitteleuropa also erst nach 5.000 Jahren vor heute aus. Ackerbau und Viehzucht dominieren als Wirtschaftsweise die nächsten Jahrtausende. Einige der vor- und frühgeschichtlichen Bauern haben jedoch Wildbeuter als Vorfahren und so finden sich Jäger-Sammler-Gene auch in heutigen Mitteleuropäern.

Veröffentlichung:
Ruth Bollongino et al., 2000 Years of Parallel Societies in Stone Age Central Europe, Science, 11 October 2013

 

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Quelle:
Petra Giegerich
Kommunikation und Presse
Johannes Gutenberg-Universität Mainz