Archive für den Monat: Februar, 2015

Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universität Oslo und der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL konnten erstmals zeigen, dass klimatisch gesteuerte Pestausbrüche in Asien während mehrerer Jahrhunderte wiederholt die südeuropäischen Hafenstädte erreichten. Diese Erkenntnis widerlegt die bisherige Annahme, der „Schwarze Tod“ sei 1347 AD auf eine einmalige Einführung des Bakteriums Yersinia pestis 1347 AD von Asien nach Europa zurückzuführen. Ihre Ergebnisse wurden diese Woche in Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States publiziert.

Bis heute konzentrierte sich die Wissenschaft auf die Suche nach natürlichen Langzeit-Reservoiren von Yersinia pestis in Europe. Zudem hat man auch nach Klimafaktoren gesucht, welche möglicherweise zum „Schwarzen Tod“ in der Mitte des 14. Jhd. beigetragen haben. Forscher der Universität Oslo und der WSL fanden nun neue Hinweise, dass eine einmalige Einwanderung des Bakteriums aus den Asiatischen Pestherden in die mediterranen Hafenstädte Europas unwahrscheinlich war.

Anstatt eines singulären Ereignisses, das die europäische Bevölkerung binnen weniger Jahre nach 1347 AD um geschätzte 40-60% dezimierte, gehen die Forscher nun davon aus, dass die Populationsdichte zentralasiatischer Nagetiere stark schwankte und der Auslöser für das wiederholte Auftreten der Pest im mittelalterlichen Europa war. Während mehr als vier Jahrhunderten haben zahlreiche Epidemien nicht nur die sozioökonomische Entwicklung, sondern auch die Kultur, Kunst und Religion des gesamten Kontinents massgeblich beeinflusst. Der Vergleich des umfangreichsten digitalen Inventars historischer Pestausbrüche (7711 Fälle) mit 15 Klimarekonstruktionen, basierend auf jährlich aufgelösten und absolut datierten Jahrringen, zeigte, dass Pestausbrüche in Asien mehrfach bis nach Europa gelangten.

Die Wissenschaftler konnten statistische Zusammenhänge zwischen hochaufgelösten Klimarekonstruktionen und der Populationsdichte sowie der Häufigkeit von Pestepidemien innerhalb des wichtigsten Pest-Wirtes, der Wüstenrennmaus (Rhombomys opimus), nachweisen. Die neuen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass sich das Bakterium Yersinia pestis nach extrem niederschlagsreichen Jahren im natürlichen Verbreitungsgebiet Zentralasiens, zum Beispiel in Kasachstan, über die pan-eurasischen Handelswege der Seidenstrasse ausbreiten konnte; mit einer Verzögerung von 10-15 Jahren erreichte der Erreger Europa.

Gemeinsam gelang es den Schweizer und Norwegischen Kollegen, die bisherige Sichtweise von einer einmaligen Herkunft der Pest auf sich wiederholende, klimagesteuerte Ausbrüche in den natürlichen Herden Asiens zu richten. Ihre Resultate zweifeln die vorherrschende, jedoch nur wenig begründete Meinung an, Yersinia pestis habe ein permanentes, natürliches Reservoir in wild lebenden Tieren Europas gehabt, beispielsweise in der Hausrattenpopulation. Aufgrund der neuen Forschungsergebnisse gehen sie davon aus, dass sich neue Stämme mehrfach in Asien ausbreiteten und immer wieder den Weg nach Europa fanden.

Eine endgültige Bestätigung dieser Hypothese hängt jedoch von der Verfügbarkeit genetischer Proben historischer Pestopfer ab. Diese müssten im Idealfall sowohl aus unterschiedlichen Zeitepochen als auch aus mehreren Regionen in Eurasien stammen. Aufgrund der aktuellen Entwicklung der aDNA Forschung ist davon auszugehen, dass internationale Kooperationen über bestehende Disziplingrenzen hinweg voraussichtlich neue Erkenntnisse in eine faszinierende Thematik an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Umweltwissenschaften liefern werden.

 

Mehr Infos gibt es hier. 

 

Quelle:
Reinhard Lässig
Medienkontakt WSL Birmensdorf
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

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Für die Altorientalistik kommt es einer Revolution gleich: Durch hoch aufgelöste 3D-Scans antiker Keilschrifttafeln und mit neu entwickelten Computerprogrammen erweitert sich der Forschungshorizont. Wissenschaftler aus Würzburg, Dortmund und Mainz treiben das einzigartige Projekt voran.

In den drei Jahrtausenden vor Christi Geburt war im Vorderen Orient eine Hochkultur entwickelt, die viele Informationen über sich hinterlassen hat: auf Tontafeln, beschrieben in Keilschrift. Bei dieser Art des Schreibens wurden keilförmige Buchstaben mit Schreibgriffeln in feuchte Tonplatten gedrückt, die schließlich getrocknet wurden – fertig war ein lange haltbares Schriftstück.

Bis heute hat man über 500.000 solche Tafeln entdeckt. Sie bieten spannende Einblicke in die Welt des Alten Orients. Die Texte schildern die Herstellung von Heilmitteln gegen Krankheiten, den Verlauf von Kriegen, religiöse Rituale oder bürokratische Akte. Auf einer sehr gut erhaltenen königlichen Landschenkungsurkunde zum Beispiel ist genau aufgeschrieben, wer an der Schenkung beteiligt war und welche Personen als Zeugen dabei waren.

Altorientalisten können die Keilschrift zwar lesen, doch die Entzifferung ganzer Texte ist bisweilen mühselig oder sogar unmöglich. Das liegt daran, dass die Jahrtausende alten Tontafeln meist in kleine Teile zerbrochen und über Museen in der ganzen Welt verstreut sind. „Wir stehen im Prinzip vor Tausenden von durcheinander geworfenen Puzzlespielen, die wir erst sortieren und zusammensetzen müssen, bevor wir sie lesen können“, sagt Gerfrid Müller, Professor am Lehrstuhl für Altorientalistik der Universität Würzburg.

Antike Puzzleteile mit High-Tech ordnen

Die Rekonstruktion antiker Tontafeln als Puzzlespiel: Diese Arbeit wird sich künftig viel leichter und zuverlässiger erledigen lassen – dank eines Forschungsprojekts, das seit zwei Jahren sehr erfolgreich läuft. Altertumswissenschaftler und Informatiker entwickeln dabei Methoden, mit denen sich Tontafelfragmente und die Schrift darauf mit hoher Präzision analysieren lassen. Gefördert wird das Projekt „3D-Joins und Schriftmetrologie“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

„Revolutionär und weltweit einmalig“ sei das, was bisher erarbeitet wurde, sagt Projektleiter Müller: Zuerst erfassen die Wissenschaftler die Bruchstücke der Tontafeln mit hochauflösenden 3D-Scannern. Mit den Daten entwickeln Informatiker dann neue Methoden, um die Eigenheiten der Tafeln und der Schriften genau zu erfassen. Im letzten Schritt werden die Puzzleteile computergestützt aneinandergepasst: Am Bildschirm entstehen dann rekonstruierte 3D-Modelle von Tontafeln, an denen die Altorientalisten mit der Textarbeit beginnen können.

Schriftstile einzelner Schreiber im Blick

Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Analyse der Schriftstile. Geht das überhaupt? Schließlich kannte man im Alten Orient ja keine Handschrift wie im heutigen Sinne. Doch auch die antiken Schreiber zeigten einen jeweils ganz eigenen Stil, wenn sie mit ihren Griffeln die weiche Tonmasse bearbeiteten: Mancher zog den Griffel so schwungvoll aus dem Ton, dass dabei eine Art „Schnörkel“ entstand, ein anderer drückte die Buchstaben in jeweils ganz charakteristischen Abständen in die Tafel.

Solche Eigenheiten der Schreiber lassen sich an den hochaufgelösten 3D-Modellen genau analysieren. Mit dieser Methode können die Altorientalisten das Tontafel-Puzzle am Ende auch aufgrund von Schriftmerkmalen zusammenfügen. „Wir haben bereits festgestellt, dass eine bislang für korrekt gehaltene Tafelrekonstruktion nicht stimmen kann“, sagt Müller. Die bisherige Vorgehensweise beim Puzzeln – anhand von Gipsabgüssen, Fotografien und Textabschriften – war da einfach zu ungenau. Die neue Methodik ermöglicht jetzt ein einfacheres, schnelleres und zuverlässigeres Zusammensetzen der Tontafeln.

Tontafeln aus Hattuscha im Mittelpunkt

Für das Projekt haben sich die Forscher zunächst auf Keilschrifttexte aus der antiken Stadt Hattuscha in Ostanatolien konzentriert. Diese Texte werden seit 2001 von der UNESCO als Weltkulturerbe geführt; mit ihrer Aufarbeitung ist federführend die Forschungsstelle „Hethitische Forschungen“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz befasst.

Unter den 30.000 Textfragmenten aus Hattuscha ist eine Gruppe von 6.000 bis 9.000 Fragmenten für die Wissenschaftler besonders interessant. Darauf sind Festrituale beschrieben, und die Kultanweisungen wiederholen sich sehr häufig – das heißt, die Puzzleteile sehen sich alle sehr ähnlich. Mit den herkömmlichen Mitteln sind diese Tafeln darum außerordentlich schwer zu rekonstruieren. Mit der neuen Technik sollte das relativ einfach gelingen.

Scans aus Ankara, Berlin und Istanbul

Bislang haben Müller und sein Mitarbeiter Michele Cammarosano 1.800 Tafelfragmente aus dem Fund von Hattuscha eingescannt. Dr. Cammarosano war dafür unter anderem in Museen in Ankara, Berlin und Istanbul tätig. Seine Scan-Arbeit geht weiter, und auch die beteiligten Informatiker tüfteln an neuen Algorithmen. Unter anderem wollen sie erreichen, dass sich auch die Krümmung der Tafelfragmente für die Zuordnung im Puzzle ausnutzen lässt.

Keilschrift-Datenbank für die Forschung

Als mittelfristiges Ziel des Projekts nennt Gerfrid Müller eine Keilschriftdatenbank, die übers Internet öffentlich und für andere Forschungsgruppen zugänglich gemacht werden soll. Das könnte voraussichtlich 2016 der Fall sein. Die Altorientalisten der Welt können ab dann noch besser daran arbeiten, aus den Keilschrifttexten mehr über den Alten Orient zu erfahren.

Projektpartner aus Dortmund, Mainz und Würzburg

Bei diesem Projekt kooperiert der Würzburger Lehrstuhl für Altorientalistik (Projektleiter Gerfrid Müller und Michele Cammarosano) mit der Forschungsstelle „Hethitische Forschungen“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Gernot Wilhelm) sowie mit dem Lehrstuhl für Graphische Systeme (Informatik VII) der Technischen Universität Dortmund (Denis Fisseler und Frank Weichert).

 

Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier.

 

Quelle:
Robert Emmerich
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg