Archive für den Monat: Januar, 2016

Neolithisches Großgrab in Spanien erstmals umfassend ausgewertet

Die Menschen der Jungsteinzeit vor rund 6000 Jahren waren im Leben und Tod eng miteinander verbunden. Darauf weist eine detaillierte anthropologische Studie eines Kollektivgrabs mit rund 50 Toten bei Burgos in Nordspanien hin, welche die Lebensweise des Orts erstmals mit modernen Methoden untersuchte. Die in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichten Forschungen wurden von Anthropologen der Universität Basel und Archäologen der Universität Valladolid geleitet.

Die Kollektivgräber der Jungsteinzeit waren meist Steinbauten, deren Inneres Raum für viele Verstorbene einer Gemeinschaft bot – so auch das Grosssteingrab in Alto de Reinoso bei Burgos. Nach der Datierung anhand von Radiokarbondaten wurde das Grab über rund drei bis vier Generationen zwischen 3700 und 3600 v. Chr. genutzt. Bei den Toten handelte es sich um mindestens 47 Individuen. «Während die untere Schicht relativ gut erhalten war, wurden in höheren Schichten zahlreiche Störungen beobachtet: so etwa zahlreiche fehlende Schädel, was mit einem ausgeprägten Ahnenkult zusammenhängen könnte», berichtet Prof. Manuel Rojo Guerra, Professor in Valladolid, Spanien.

Lebensweise erschlossen

Um die Lebensweise der neolithischen Gemeinschaft zu erschliessen, konnten die Archäologen individuelle Daten wie Alter, Geschlecht, Körperhöhe, Krankheiten, Stressmarker und Gewaltfolgen mit modernen Methoden erfassen. Diese Angaben wurden ergänzt durch Daten zu Ernährung, Herkunft und Mobilität sowie Verwandtschaftsverhältnissen. «Damit ist dies die erste Studie, die ein eingehendes Bild davon gibt, wie die Menschen dieser neolithischen Gemeinschaft in Leben und Tod miteinander verbunden waren», sagt Erstautor Prof. Kurt W. Alt, Gastprofessor an der Universität Basel.

Knapp die Hälfte der Toten im Grab waren Erwachsene, die andere Hälfte Kinder und Jugendliche. Die durchschnittliche Körperhöhe betrug 159 ± 2 cm für Männer und 150 ± 2 cm für Frauen. Die Erwachsenen zeigen Stressmarker und unterschiedliche Stadien von degenerativen Erkrankungen der Wirbelsäule und der Gelenke, verheilte Frakturen, Schädelverletzungen und Zahnerkrankungen wie Karies.

Einheitliche Gemeinschaft

Die molekulargenetischen Untersuchungen zeigen zudem verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Individuen der Gruppe vor allem in der mütterlichen Linie. Darüber hinaus ist für einige Fälle belegt, dass zwischen Toten, die nahe beieinander bestattet waren, eine engere genetische Verwandtschaft bestand. Ausser drei Individuen sind die Verstorbenen in der näheren Umgebung des Kollektivgrabs aufgewachsen. Die Rekonstruktion der Ernährung zeigten die einheitliche Struktur der bäuerlichen Gemeinschaft: Grundnahrungsmittel für alle waren Getreide (Weizen und Gerste) und tierische Proteine (besonders von Schaf, Ziege und Schwein).

Weitere Infos zu dem neolithischen Grab gibt es hier.

Quelle:
lic. phil. Christoph Dieffenbacher
Kommunikation & Marketing
Universität Basel

Die aktuellen Zerstörungen vieler Kulturstätten im Irak, in Syrien und im Jemen führen zum Verlust materieller Kultur – aber auch kultureller Identität.Verschiedene Institutionen versuchen, den verheerenden Folgen dieser Zerstörungen entgegenzuwirken. So baut derzeit die Gerda-Henkel-Stiftung gemeinsam mit dem Archäologen Thomas M. Weber-Karyotakis ein Kulturzentrum für syrische Flüchtlinge und die Bewohner des jordanischen Umlandes auf. Es soll ihnen helfen, die Geschichte und Tradition ihres Landes nicht zu vergessen.

Zum sehr lesenswerten Interview (geführt von der Welt am Sonntag) mit Herrn Weber-Karyotakis geht es hier.

Die Zerstörung der jahrtausendealten Kulturstätten im syrischen Aleppo und Palmyra sind aktuelle Beispiele dafür, dass Kriege nicht nur Menschenleben fordern, sondern auch den Verlust von materieller Kultur und kultureller Identität mit sich bringen. Auf dem Symposium „Dealing with Damage“ an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) diskutieren am 1. Februar 2016 Experten und Expertinnen den Umgang von Museen mit Verlusten von Kulturgut. 

Museen und Gedenkstätten stehen als kulturelle und soziale Institutionen in einer konkreten Verantwortung. Welche Möglichkeiten haben sie, Verluste wie die in Palmyra und Aleppo zu dokumentieren und aufzuarbeiten? Wie lassen sich diese Verluste auffangen oder gar kompensieren? Auf welchen Wegen können kulturell wertvolle Objekte gesichert beziehungsweise außer Landes gebracht werden? Und ist es überhaupt legitim, angesichts des Mordens an der syrischen Bevölkerung über Maßnahmen nachzudenken, die sich nicht zuerst und ausschließlich auf den Schutz der Menschen richten?

Während sich der erste Themenkomplex des Symposiums den Möglichkeiten der Sicherung und Dokumentation widmet, geht es im zweiten Teil um die Rolle und Bedeutung von Museen als Ausstellungsorte. Mit welchen Herausforderungen sind sie bei der Vermittlung von Zerstörung und Terror konfrontiert? Wo stoßen sie – auch an ethische – Grenzen der Darstellbarkeit?

Der Syrienexperte Prof. Dr. Kay Kohlmeyer berichtet über die Zerstörung von Kulturgut durch den Islamischen Staat in Aleppo. Issam Ballouz und Karin Pütt stellen das „Syrian Heritage Archive Project“ vor, bei dem Kulturgüter anhand von vorhandenen Daten erfasst und für die Nachwelt gesichert werden. Isber Sabrine fragt danach, welchen Beitrag die Zivilgesellschaft außerhalb eines Krisen- und Kriegsgebietes zum Erhalt von Kulturgütern leisten kann. Felicitas Heimann-Jelinek behandelt die Frage grenzüberschreitender Präsentationsformen. Per Video-Konferenzschaltung spricht Tom Hennes, Ausstellungsdesigner aus New York. Das Symposium endet mit einer Podiumsdiskussion, moderiert von Prof. Dr. Dr. Fless, der Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts.

Weitere Infos zu dem Symposium gibt es hier.

Quelle:
Gisela Hüttinger
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

 Beifußkraut und Möhrensamen statt Hopfen: Archäobotaniker der Universität Hohenheim analysiert prähistorische Brauereien – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Vor 2.500 Jahren braute man es schon: das keltische Bier. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts gab es unzählige Zubereitungsarten. Erst das Reinheitsgebot vom 23. April 1516 regelte das Bierbrauen in Deutschland. Trotzdem sei schon das Gerstengold der Kelten ein süffig-hochwertiges Gebräu besonderer Qualität gewesen, weiß Dr. Hans-Peter Stika, Archäobotaniker der Universität Hohenheim.

Die Spelzgerste machte den Geschmack des dunklen und rauchigen Bieres, und die obergärigen Hefen brachten zusammen mit Milchsäurebakterien einen säuerlich spritzigen Geschmack hinzu, der im Sommer bei heißen Temperaturen Abkühlung versprach. Abgemildert hat die Komposition eine leichte Karamell-Note im Abgang, verursacht durch Kochsteine. Gewürzt wurde mit Beifußkraut und Möhrensamen.

Geschmacklich unterscheidet sich das Kelten-Bier von den heute bekannten Biersorten. Doch schon die Kelten legten Wert auf eine hohe Qualität ihrer Produkte, schlussfolgert Dr. Stika.
Derzeit untersucht er in Berlin zwei Ausgrabungsstellen. Auf der Fischerinsel – heute besser bekannt unter dem Namen Museumsinsel – haben die Forscher größere Mengen an Gerstenmalz zusammen mit den Rohfrüchten Roggen und Hafer entdeckt. Dort wurde wohl ein Mischbier aus Gerste, Roggen und Hafen gebraut. Einen weiteren Malzfund von Spelzgerste und einen Hopfengarten untersuchen die Wissenschaftler in der Wüstung Diepensee unter dem neuen Flughafen BER. Alle Funde stammen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert und verweisen auf Malzherstellung im Zuge von Brauvorgängen.

Die Untersuchungen im mittelalterlichen Berlin laufen noch, Theorien werden geprüft, Bodenproben analysiert. Die Ausgrabung und Untersuchung einer frühkeltischen Ausgrabungsstätte in Hochdorf hingegen ist bereits abgeschlossen – und liefert erstaunliche Erkenntnisse. „Bei Ausgrabungen legten wir Gräben frei, die vermutlich Teile einer Bierbrauerei waren“, erklärt der Experte der Universität Hohenheim. „Diese Gräben wurden wohl zuerst zum Ankeimen der Gerste genutzt. Das dadurch entstandene Grünmalz konnte dann auf einem Aufbau über den Gräben, die so zudem auch als Darren genutzt worden waren, getrocknet werden. Bei einem Schadfeuer verkohlten die angekeimten Gerstenkörner und blieben bis in unsere heutige Zeit erhalten.“
Anhand der Funde konnten die Wissenschaftler das Bierbrauen der Kelten nachempfinden, so Dr. Stika. „Das Kelten-Bier unterscheidet sich im Geschmack von unseren heutigen Bieren. Die Kelten wussten einfach nichts über Hefe und ihre Wirkung, sie vertrauten der Spontangärung durch wilde Hefestämme. Die Gärung stellte sich durch Hefeverunreinigungen an den Gefäßen, Rührern und Schöpfkellen aus Holz ein. Anders als in den neuzeitlichen Braukesseln aus Kupfer und Stahl erfolgte das mittelalterliche Brauen in Holzgefäßen nicht unter sterilen Bedingungen. So konnten sich neben Hefen auch Milchsäurebakterien an der Gärung beteiligen. Selbst geringe Mengen an Milchsäure konnten das fertige Keltenbier für längere Zeit haltbar machen.“

Seinen eigentümlichen Geschmack bekam das Kelten-Bier durch seine Würzmischung aus Beifuß und Möhrensamen anstatt Hopfen und durch die andere Zubereitungsart. „Das Bier der Kelten war rauchig und säuerlich, aber sehr erfrischend. Wir vermuten, dass ein Teil dieses Geschmackes von der Trocknung der angekeimten Gerstenkörner über dem offenen Feuer herrührt. Ein anderer Teil wurde vermutlich durch den Brauvorgang selbst verursacht.“

Obwohl das deutsche Reinheitsgebot in diesem Jahr erst seinen 500. Geburtstag feiert und vor 2.500 Jahren noch keine Rolle spielte, könnte das Keltenbier damals gut geschmeckt haben. „Unsere Untersuchungen des Keltenmalzes haben ergeben, dass es eine hohe Qualität besaß. Das spricht dafür, dass die Bierbrauer in der freigelegten Hochdorfer Brauerei viel Erfahrung beim Malzen hatten.“

Die ersten Bierbraumeister der Geschichte waren die Kelten aber nicht: Bereits die alten Ägypter stellten Bier in abgeänderter Form her, indem sie halb fertig gebackenes Brot aus Malz mit Wasser vergärten. Und auch die Römer kannten das aus Getreide hergestellte Gebräu, hielten sich jedoch lieber an den Wein, zumindest wenn man den schriftlichen Quellen Glauben schenkt. Denn für sie war Bier nicht mehr als das Getränk der Germanen – und damit der Barbaren.

 

Quelle:

Florian Klebs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Hohenheim

Das vermutlich älteste Textzeugnis der schiitischen Ismailiten liegt in der Universitätsbibliothek Leipzig. Die ungewöhnliche Geschichte dieser Handschrift wird am 12. Januar 2016 um 19 Uhr in der Bibliotheca Albertina vorgestellt von Prof. Verena Klemm und Cornelius Berthold vom Orientalischen Institut der Universität sowie von Dr. Bernd Kromer vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim, in dem die wertvolle Handschrift untersucht wurde.

Das „Buch des Schmucks“ (Kitāb az-Zīna) ist eine arabische Religionsenzyklopädie aus dem frühen 10. Jahrhundert. Sie wurde im Nordiran von Abū Ḥātim ar-Rāzī verfasst, der zu den Missionaren der Ismailiten zählte. Diese schiitische Splittergruppe versuchte damals – meist aus dem Untergrund heraus – das ihrer Meinung nach unrechtmäßige Kalifat in Bagdad zu stürzen. Das Kitāb az-Zīna ist dem Anschein nach unparteiisch, wirbt aber auch für die ismailitische Religionsauffassung.

Fragmente der Enzyklopädie sind in einer mehrteiligen Handschrift der Universitätsbibliothek Leipzig enthalten, die in den vergangenen Jahren im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft intensiv erforscht wurde. Vor ihrer Restaurierung im Jahre 2006 war der fragmentarische Charakter der Handschrift noch deutlich zu sehen: Fehlende Buchdeckel, verschiedene Schreiberhände am Anfang, Ende und im Hauptteil sowie zahlreiche lose Blätter. Dies alles deutet auf eine ungewöhnliche Geschichte hin, in die in den vergangenen Jahren Licht gebracht werden konnte. 2015 wurde die Handschrift einer Radiokarbondatierung am Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie unterzogen. Das Ergebnis dieser sogenannten C14-Analyse legt eine Entstehung im frühen 11. Jahrhundert nahe. Demnach wäre sie nur ein Jahrhundert nach dem Tod des Autors abgeschrieben worden. Das macht das Leipziger Fragment zur ältesten bekannten ismailitischen Handschrift überhaupt.

 

Quelle:
Susann Huster
Pressestelle
Universität Leipzig