Archive für den Monat: Februar, 2016

Jahrringmessungen decken eine drastische Kälteperiode in Eurasien zwischen 536 und etwa 660 nach Christus auf. Sie überlagert sich zeitlich mit der Justinianischen Pest sowie mit politischen Umwälzungen und Völkerwanderungen sowohl in Europa als auch in Asien. Dies berichtet ein interdisziplinäres Team unter Leitung der Eidg. Forschungsanstalt WSL und des Oeschger-Zentrums der Universität Bern im Fachjournal „Nature Geoscience“.

Die Wissenschaftler um den Jahrringforscher Ulf Büntgen von der WSL konnten erstmals präzise die Sommertemperaturen der letzten 2000 Jahre in Zentralasien rekonstruieren. Möglich machten dies neue Jahrringmessungen aus dem russischen Altai-Gebirge. Die Ergebnisse ergänzen die bereits 2011 im Fachjournal „Science“ von Büntgen und Kollegen publizierte Klimageschichte der Alpen, welche 2500 Jahre zurückreicht. „Der Temperaturverlauf im Altai passt erstaunlich gut mit dem der Alpen überein“, sagt Büntgen. Die Studie ermöglicht erstmals Aussagen über die Sommertemperaturen in grossen Teilen Eurasiens für die letzten 2000 Jahre.

Aus der Breite der Jahrringe kann man die sommerlichen Klimabedingungen der Vergangenheit jahrgenau ableiten. Dabei stach den Forschenden eine Kälteperiode im 6. Jahrhundert ins Auge, die noch kälter, länger und großräumiger war als die bisher bekannten Temperatureinbrüche innerhalb der „Kleinen Eiszeit“ zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert. „Es war die stärkste Abkühlung auf der Nordhalbkugel während der letzten 2000 Jahre“, sagt Büntgen.

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Dank alter Bäume im Altai-Gebirge können die Sommertemperaturen für die letzten 2000 Jahre rekonstruiert werden. (Foto: Vladimir S. Myglan)

Die Forschenden bezeichnen deshalb erstmals den Zeitraum von 536 bis etwa 660 n. Chr. als „Spätantike Kleine Eiszeit“ (Late Antique Little Ice Age, LALIA). Auslöser waren drei große Vulkanausbrüche in den Jahren 536, 540 und 547 n. Chr., deren Effekt auf das Klima durch die verzögernde Wirkung der Ozeane und ein Minimum der Sonnenaktivität noch verlängert wurde.

Gemäß dem Team aus Natur-, Geschichts- und Sprachforschern fällt eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Umwälzungen in diese Periode. Nach Hungersnöten etablierte sich zwischen 541 und 543 die Justinianische Pest, die in den folgenden Jahrhunderten Millionen von Menschen dahinraffte und vermutlich zum Ende des Oströmischen Reiches beitrug.

Völkerwanderungen

In die von den Römern verlassenen Gebiete im Osten des heutigen Europas wanderten Frühslawisch sprechende Menschen ein, vermutlich aus den Karpaten, und definierten den slawischen Sprachraum. Auch die Expansion des Arabischen Reiches in den Mittleren Osten könnte von der kühlen Periode begünstigt worden sein, mutmaßen die Forschenden: Auf der arabischen Halbinsel gab es mehr Regen, mehr Vegetation und somit mehr Futter für Kamelherden, welche die arabischen Armeen für ihre Kriegszüge nutzten.

In kühleren Gebieten wanderten einzelne Völker auch nach Osten in Richtung China, vermutlich wegen eines Mangels an Weideland in der Zentralasien. In den Steppen Nordchinas kam es folglich zu Konflikten zwischen Nomaden und den dort herrschenden Mächten. Eine Allianz dieser Steppenvölker mit den Oströmern besiegte danach das persische Großreich der Sassaniden und führte zu dessen Untergang.

Strategien für den heutigen Klimawandel

Die Forscher betonen jedoch, dass mögliche Zusammenhänge zwischen der Kälteperiode und soziopolitischen Veränderungen stets mit großer Vorsicht zu beurteilen seien. „Die ‚Spätantike Kleine Eiszeit‘ passt aber erstaunlich gut mit den großen Umwälzungen jener Zeit zusammen“, schreiben sie.

Für Ulf Büntgen zeigt die Untersuchung beispielhaft auf, wie abrupte Klimaveränderungen bestehende politische Ordnungen verändern können: „Aus der Geschwindigkeit und Größenordnung der damaligen Umwälzungen können wir etwas lernen“, sagt er. So ließen sich Erkenntnisse darüber, wie sich große Klima-Umschwünge früher ausgewirkt haben, beispielsweise dazu nutzen, um Strategien im Umgang mit dem heutigen Klimawandel zu entwickeln.

Weitere Infos zu den Jahrringmessungen im Altai-Gebirge gibt es hier.

Quelle:

Reinhard Lässig
Medienkontakt WSL Birmensdorf
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

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Grabkammer einer der ältesten königlichen Pyramiden von Meroe durch die Qatari Mission for the Pyramids of Sudan geöffnet

Zum ersten Mal seit fast einem Jahrhundert wurden die Grabkammern einer der königlichen Pyramiden von Meroe für archäologische Untersuchungen wieder geöffnet. Das unterirdische Grab der „Großen Königlichen Gemahlin“ Khennuwa aus dem frühen 4. Jh. v. Chr. befindet sich etwa sechs Meter unterhalb ihrer Pyramide. Seine beiden Kammern sind mit vortrefflichen Wandmalereien und Hieroglyphentexten dekoriert, von denen viele noch sehr gut erhalten sind.

Die Wiedereröffnung des Grabmals ist Teil der Forschungs- und Konservierungsaktivitäten der von S.E. Sheikh Hassan bin Mohammed bin Ali Al Thani geleiteten Qatari Mission for the Pyramids of Sudan (QMPS). Das Projekt verfolgt das Ziel, die mehr als 100 Pyramiden der königlichen Friedhöfe von Meroe mit internationalen Expertenteams zu erhalten und zu erforschen. Sicherungs- und Konservierungsmaßnahmen, um das historisch bedeutende Grabmal der Königin für die interessierte Öffentlichkeit zu erhalten und zugänglich zu machen, sind geplant.

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Die unterirdischen Grabkammern der Pyramide von Königin Khennuwa in Meroe. (P. Wolf/DAI)

Vier Jahrhunderte nachdem ihre Urahnen als „Schwarze Pharaonen“ der 25. Dynastie im 7. Jh. v. Chr. das Alte Ägypten beherrscht hatten, errichteten die Könige und Königinnen von Meroe ein riesiges Reich auf dem Gebiet des heutigen Nordsudan südlich des Ersten Nilkataraktes. Zentrum war die Hauptstadt Meroe, etwa 200 km nördlich des heutigen Khartoum. Bis zum Untergang des meroitischen Reiches im 4. Jh. n. Chr. wurden seine Herrscher in Pyramidenfriedhöfen am Rande der östlich der Hauptstadt gelegenen Bergregion begraben. Königin Khennuwas Grab, errichtet an einem der Eingangswege zu den Nekropolen, gehört zu deren frühesten Pyramiden. Enge Parallelen der Grabdekoration zu Totentexten der 25. Dynastie bezeugen den noch sehr starken Einfluss älterer Traditionen.

Königin Khennuwas Grab wurde schon 1922 von George A. Reisner vom Bostoner Museum of Fine Arts ausgegraben, aber leider nur durch einige wenige Fotografien und Handskizzen dokumentiert. Für annähernd ein Jahrhundert stellte diese spärliche Dokumentation die einzige Informationsquelle für die Forschung dar. Die Wiederausgrabung der Pyramide und die Wiederöffnung ihrer Grabkammern ermöglicht nun eine detaillierte Dokumentation mit hochmodernen Methoden und wird die Grundlage für zukünftige archäologische Forschungen sein.

Die neuen Feldarbeiten sind Teil eines groß angelegten Programmes zur Erforschung, dem Erhalt und der Förderung der einzigartigen Pyramidennekropolen von Meroe, die seit 2012 zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Das Projekt wurde 2015 durch die Qatari Mission for the Pyramids of Sudan in enger Kooperation mit der sudanesischen Denkmalpflege in Khartoum und mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin ins Leben gerufen.

Das DAI beherbergt mit dem Friedrich-Hinkel-Archiv das weltweit umfangreichste Forschungsarchiv zur Archäologie des antiken Sudan. Die Digitalisierung seiner Bestände und deren Umwandlung in ein öffentliches digitales Forschungszentrum sind ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Kooperation, der ebenfalls von Qatar gefördert wird.

Mehr Infos zu den archäologischen Untersuchungen der Pyramiden von Meroe gibt es hier.

Quelle:

Nicole Kehrer
Pressestelle
Deutsches Archäologisches Institut