Archive für den Monat: November, 2017

Im Jahre 2012 wurden mehrere Elfenbeinfragmente entdeckt, die erst kürzlich von als Bruchstücke einer sogenannten „Venus“-Figur aus Elfenbein erkannt wurden. Sie stellen die ältesten Funde dieser Art außerhalb Süddeutschlands dar.

Im Rahmen eines internationalen Kooperationsprojektes führt das Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS in Neuwied, eine Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz (RGZM), in enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte seit 2009 Ausgrabungen auf dem früh-jungpaläolithischen Fundplatz Breitenbach bei Zeitz im Burgenlandkreis durch. Der ausgedehnte Freilandsiedlungsplatz auf einem Sporn über dem Flüsschen Aga ist seit den 1920er Jahren bekannt und stellt eine der nördlichsten Stationen des sog. Aurignacien (ca. 40.000 – 33.500 vor heute), der frühesten Phase des dem Homo sapiens zugeordneten Jungpaläolithikums in Europa, dar.

Der rund 34.000 Jahre alte Fundplatz Breitenbach erbrachte bereits in der Vergangenheit spektakuläre Ergebnisse. So konnten dort vor fünf Jahren winzige Perlen aus der ältesten Elfenbeinwerkstätte der Welt mit klar voneinander abgegrenzten Arbeitsbereichen nachgewiesen werden. Verarbeitet wurde in dieser Werkstatt nicht nur „frisches“, sondern auch sehr viel älteres Mammutelfenbein, das offensichtlich vor deutlich mehr als 200.000 Jahren in Breitenbach angespült und abgelagert worden war.

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Projektion der Breitenbacher Elfenbeinfragmente auf die Oberschenkel und Brustpartie der »Venus vom Hohle Fels« und einer Venusfigur aus Elfenbein von der Fundstelle Kostenki 1
Fotos „Venus vom Hohle Fels“, Breitenbacher Elfenbeinfragmente (links und rechts): J. Lipták (München); Foto Venus Kostenki 1 (Mitte): MAE (Kunstkamera) RAS, St. Petersburg, Russia, MAE #4464-1

Ebenfalls bereits im Jahre 2012 wurden mehrere Elfenbeinfragmente entdeckt, die erst kürzlich von Grabungsleiter Dr. Olaf Jöris und seinem Team als Bruchstücke einer sog. „Venus“-Figur aus Elfenbein erkannt wurden. Dabei handelt es sich um eine altsteinzeitliche, also paläolithische, Frauenstatuette. Drei kleine, nur zwischen 1,4 cm und 1,8 cm große, auf den ersten Blick sehr unscheinbare, jedoch sorgfältig oberflächig bearbeitete und polierte Elfenbeinfragmente aus Breitenbach lassen sich mühelos in vollständig erhaltene Figuren einpassen, wie sie etwa aus dem „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb bekannt sind.

Im Aurignacien waren plastisch gearbeitete Statuetten bislang nur aus Höhlen der Schwäbischen Alb bekannt, die nicht zuletzt deshalb in diesem Jahr in das UNESCO-Welterbe der Menschheit aufgenommen wurden. Erst mit dem nachfolgenden „Gravettien“ (ca. 33.500 – 23.500 vor heute) finden sich figürliche Plastiken dann im gesamten eurasischen Raum. Die Funde von Breitenbach zeigen, dass figürlich gearbeitete Plastiken im Aurignacien Teil einer Tradition sind, die in Mitteleuropa entstand und nicht allein auf den süddeutschen Raum begrenzt war. Daneben zeigen sie, dass sich diese Idee erst mit dem Übergang vom Aurignacien zum „Gravettien“ ausbreitete. Breitenbach steht damit an der Wende eines überregionalen kulturellen Umbruchs, der sich wohl als ein Wandel der damaligen Weltanschauungen und des sozialen Miteinanders verstehen lässt.

Freilandfundstellen aus dieser frühen Phase des Jungpaläolithikums sind relativ selten erhalten. Die meisten Funde dieser Zeit stammen daher aus Höhlen, die jedoch durch spätere Nutzung vielfach überprägt sind. Im ausgehenden Aurignacien lag Breitenbach wegen der eiszeitlichen Vergletscherung am nördlichsten Rand der bewohnten Welt.

Vor etwas mehr als 40.000 Jahren besiedelte der moderne Mensch, Homo sapiens, erstmals Europa. Er traf dort auf Populationen von Neandertalern, die er nach und nach verdrängte, wenngleich es auch einen begrenzten genetischen Austausch zwischen beiden gab. Mit dem Auftreten des modernen Menschen lassen sich in Europa erstmalig Schmuck und Kunst nachweisen.

Die Funde von Breitenbach werden in der Sonderausstellung „Klimagewalten – 
Treibende Kraft der Evolution“ (Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, 30.11.2017 – 21.05.2018) erstmalig gezeigt.

Mehr Infos zu der Elfenbeinplastik gibt es hier.

Quelle:

Alfred Reichenberger
Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte

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Die Gerda Henkel Stiftung hat im Förderschwerpunkt »Patrimonies« dem Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts und der HimalAsia-Stiftung ein dreijähriges Kooperationsprojekt zur Baudokumentation und Instandsetzung von drei Palästen des ehemaligen Königreiches Mustang in Nepal bewilligt.

Im Himalaya im ehemaligen Königreich Mustang, das bis vor kurzem kaum touristisch erschlossen war, haben sich fünf Paläste der einstigen Könige von Mustang erhalten, die ein wichtiges und bedeutendes kulturelles Erbe dieser tibetisch beeinflussten Region darstellen. Die Palastanlagen weisen aufgrund von Vernachlässigung und vor allem der Folgen der schweren Erdbeben 2015 erhebliche Schäden auf und müssen dringend gesichert und instand gesetzt werden.

Dhagmar. Palastanlage

Dhagmar. Palastanlage. Autor: U. Wulf-Rheidt

Geplant sind eine erstmalige bauforscherische Dokumentation der Paläste unter Leitung von Ulrike Wulf-Rheidt vom Architekturreferat der Zentrale des DAI sowie eine Instandsetzung von drei besonders gefährdeten Palästen, dem Palast in Gemi, Dhagmar und Thingkar, unter Leitung von Susanne von der Heide von der HimalAsia-Stiftung in Kathmandu/Nepal. Die Arbeiten finden in enger Abstimmung mit dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes statt.
Ziel des Projektes ist es vor allem, in Nepal Kompetenz sowohl in der Baudokumentation als auch der sensiblen, dem kulturellen Erbe angemessenen Instandsetzung gefährdeter Bausubtanz mit traditionellen Baumethoden zu entwickeln und aufzubauen. Ergebnis soll ebenso eine erstmalige Erforschung der Entwicklung dieser Palastanlagen sein. Sie soll ferner eine dendrochronologische Untersuchungen durch das Referat Naturwissenschaften der Zentrale des DAI umfassen, um zu einer bislang fehlenden verlässlichen Datierung der Anlagen und ihrer Umbauten zu gelangen.

Thingkar, Sommerpalast. Blick in den Haupthof

Thingkar, Sommerpalast. Blick in den Haupthof. Autor: U. Wulf-Rheidt

Mustang war bis 1950 ein unabhängiges Königreich, das im Jahr 1440 durch seinen ersten Herrscher König Amepal (1388-1440) etabliert wurde. Durch Sprache und Kultur war das Königreich zu allen Zeiten eng an Tibet gebunden. Entlang des Flusses Kali Gandaki führte die alte Salzstraße West-Nepals über Mustang nach Tibet. Nach der Besetzung Tibets durch China und dem Zusammenbruch der Handelsrouten büßte das Land seine Unabhängigkeit ein und ist seitdem als nördlicher Teil des Distriktes Mustang in die Verwaltungsstruktur Nepals eingegliedert. Die Monarchie lebte aber bis Sommer 2008 als Königreich von Lo fort und der Nachfolger des letzten Königs Jigmed Palbar Bista, der Raja oder Gyalpo von Mustang, genießt heute noch in der Region hohes Ansehen.
Da das Königreich bis 1992 kaum bzw. nur sehr schwer zugänglich war und der touristische Zustrom immer noch stark reguliert wird, haben sich hier auf einer Höhe von 2500 bis 5000 m ü. NN die mittelalterliche Kultur und Bautradition ohne größeren modernen Einfluss sehr gut erhalten. Daher hat die UNESCO-Nepal-Kommission die Region Nord-Mustang als buddhistisch geprägte Kulturlandschaft von besonderer Bedeutung zur Aufnahme in die Welterbeliste vorgeschlagen. Schon im Jahr 2008 ist die Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Mustang, Lo Manthang,  auf die sogenannte tentative UNESCO-Welterbeliste Liste eingeschrieben worden.

Für die Architektur der Region stellen neben den Tempeln und Klöstern vor allem die Paläste (Darbar) der Könige von Mustang eine wichtige Baugruppe dar. Sie spiegeln, wie die Klosteranlagen, die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit der Region im 15. und 16. Jahrhundert wider. Die Palastanlagen stellen eindrucksvolle Beispiele für die Bauweise im 15. Jahrhundert in Mustang dar und sind darüber hinaus Symbole für die tibetisch geprägte Kultur der Lopa, der einheimischen Bevölkerung.
Sie sind alle in der für die Region typischen rammed earth technique, einer Lehmbauweise, errichtet. Trotz ihrer bauhistorischen und kunsthistorischen Bedeutung sind alle Paläste unzureichend dokumentiert und erforscht.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut