Archive für den Monat: Juli, 2018

Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren einen seltenen Knochenfund – Markierungen lassen eine Nutzung als Informationsträger annehmen.

Schon vor mehr als 30.000 Jahren nutzten Menschen die Rippenknochen großer Tiere als Werkzeug – etwa zum Walken von Leder. Da große fetthaltige Knochen aber auch ein guter Ersatz für das in der Eiszeit knappe Brennholz waren, sind solch große Knochen aus dieser Zeit relativ selten erhalten geblieben. Wie Professor Nicholas Conard, Leiter der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen, und seine Grabungsmannschaft nun im heute erschienen Jahrbuch „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ berichten, wurde in der Welterbe-Höhle „Hohle Fels“ auf der Schwäbischen Alb ein Fund geborgen, der neue Interpretationen über die Nutzung solcher Knochen in der Altsteinzeit ermöglicht.

Professor Conard präsentierte den eindrucksvollen Fund am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (urmu), dessen wissenschaftlicher Direktor Conard ist. Es handelt sich um die Rippe eines Mammuts, die in der Wohnhöhle der Altsteinzeit in den Schichten aus der sogenannten Gravettien-Periode gefunden wurde und somit zwischen 35.000 und 30.000 Jahre alt ist. Das Stück ist 44 Zentimeter lang, bei einer Breite von 5,1 Zentimetern und einer Dicke von 2,1 Zentimetern. Außergewöhnlich sind die Spuren der Bearbeitung, der Nutzung und die Markierungen darauf. Die Enden wurden abgerundet bzw. abgebrochen.

Ganz besonders auffällig ist die dickere Kante der Rippe: Sie weist zwei Reihen von Markierungen auf. Eine zeigt 83 und die andere 90 Striche. An anderer Stelle weist die Rippe weitere 13 schwächere und längere Einschnitte auf. All diese Markierungen sind sehr gut erkennbare, saubere Einschnitte, die mit Sicherheit gezielt platziert wurden. Sie unterscheiden sich in Länge und Tiefe und wurden wahrscheinlich nicht in einem Durchgang eingeritzt.

„Die entscheidende Frage ist nun, welche Funktion dieser Fund besaß“, sagt Professor Conard, „obwohl viele gravettienzeitliche Funde Markierungen tragen, sind Vergleichsstücke aus Südwestdeutschland selten. Auch in anderen Regionen der Welt gibt es keine optimalen Vergleichsfunde. Wir vermuten stark, dass die Rippe als Informationsträger diente.“ Genau lasse sich nicht sagen, welche Art von Information hier festgehalten wurde. Die Ausgräber vermuten, dass etwas gezählt wurde. „Aber es ist unbekannt, ob es hier um Jagdbeute, Menschen, Tage, Mondzyklen oder etwas anderes ging“, sagt Conard weiter, „eine Art von Kalender ist zwar naheliegend, aber die Zahlen 83, 90 und 13 ergeben für uns kein klares System. Wir werden uns künftig näher mit diesen Fragen auseinandersetzen.“

Die Mammutrippe wird nun bis Anfang Januar 2019 im urmu als „Fund des Jahres“ ausgestellt. „Diese Mammutrippe steht in ihrer Interpretation zwischen komplexer symbolischer Bedeutung und einer ganz praktisch orientierten Nutzung im Alltag“, sagt Dr. Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des urmu, „ob wir es hier mit kalendarischen Vermerken, mit Notizstrichen von komplizierten Arbeitsschritten oder mit einem altsteinzeitlichen Spiel zu tun haben, wissen wir nicht. Wir freuen uns aber darauf, mit unseren Besuchern eine spannende Diskussion darüber zu führen, wofür die Reihen aus 13, 83 und 90 Strichen wohl stehen könnten.“ Dr. Kölbl kündigt daher an, vor Ort in der Kabinettausstellung sowie auf Facebook Ideen zu den Ritzungen auf der Rippe zusammenzutragen.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Antje Karbe 
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

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Deutsch-ägyptisches Wissenschaftlerteam stellt neue Ergebnisse der Ausgrabungen in Sakkara vor.

Wissenschaftler der Universität Tübingen haben im ägyptischen Sakkara eine vergoldete Mumienmaske aus saitisch-persischer Zeit (664-404 v. Chr.) entdeckt. Wie der Leiter des deutsch-ägyptischen Teams, Dr. Ramadan Badry Hussein, am Samstag berichtete, wurde die Maske in einer ausgedehnten Grabanlage gefunden, die seit 2016 von Tübinger Ägyptologen mit neuesten Methoden untersucht wird. Nach dem Ergebnis einer ersten Untersuchung im Ägyptischen Museum in Kairo besteht die Maske aus Silber und ist teilweise vergoldet. Die Augen wurden als Einlegearbeit mit einem schwarzen Edelstein (möglicherweise Onyx) sowie Calcit und Obsidian ausgeführt.

„Der Fund dieser Maske darf als Sensation gelten“, sagte Hussein: „Nur sehr wenige Masken aus Edelmetall haben sich bis heute erhalten, weil die Mehrzahl der Gräber altägyptischer Würdenträger schon in der Antike geplündert wurden.“ Wie der Leiter des Projekts berichtete, befand sich die wertvolle Maske auf dem Gesicht einer Mumie, die in einem stark beschädigten Holzsarg entdeckt wurde. Die erhalten gebliebene Verzierung des Sarges lässt darauf schließen, dass es sich bei dem Toten um einen Priester der Göttin Mut und der Göttin Niut-schi-es handelte, der zur Zeit der 26. Dynastie lebte. Der Fund wurde am Samstag von Wissenschaftlern und Vertretern des ägyptischen Antikenministeriums der Öffentlichkeit präsentiert.

„Altägyptische Totenmasken aus Gold und Silber sind außerordentlich selten“, sagte Professor Christian Leitz, Leiter der Abteilung für Ägyptologie an der Universität Tübingen: „Belegt sind lediglich zwei weitere vergleichbare Funde aus Privatgräbern, der letzte davon im Jahr 1939.“ Selbst in den ägyptischen Königsgräbern seien von Wissenschaftlern nur sehr wenige Mumienmasken aus Edelmetall gefunden worden. Ein Großteil der Masken sei zuvor bereits von Grabräubern entwendet und anschließend vermutlich eingeschmolzen worden.

Der Grabkomplex, der seit 2016 von Tübinger Ägyptologen untersucht wird, besteht aus mehreren, teils über dreißig Meter tiefen Schachtgräbern. Über einem der Hauptschächte fanden die Wissenschaftler unter anderem die Reste eines rechteckigen Gebäudes aus Lehmziegel und Kalksteinblöcken, das wohl als Werkstatt zum Einbalsamieren der Verstorbenen diente. Innerhalb des Gebäudes fanden sich zwei große Becken, die vermutlich einerseits zur Verarbeitung von Natron zur Trocknung der Körper und andererseits zur Vorbereitung der Leinenbinden für die Mumifizierung dienten. Ebenfalls auf den Prozess der Balsamierung deuten Gefäße hin, die mit den Namen von Ölen und Substanzen beschriftet sind, die für die Mumifizierung notwendig waren.

In den Seitenwänden und am Boden des Schachtes konnten eine ganze Reihe von unberührten Grabkammern entdeckt und geöffnet werden. Neben Mumien und Sarkophagen traten eine Vielzahl von Objekten zu Tage, unter anderem ganze Sätze von leuchtendblauen Fayence Statuetten – den sogenannten Uschebtis und Kanopen aus Alabaster, in denen die Organe der einbalsamierten Toten aufbewahrt wurden.

Bei der Untersuchung der Nekropole von Sakkara setzen die Tübinger Wissenschaftler auf den Einsatz modernster Technologie für die Dokumentation und Erfassung der gesamten Anlage. So ist das eScience-Center der Universität Tübingen unter der Leitung von Dr. Matthias Lang für die vollständige hochpräzise 3D-Dokumentation der Anlage sowie der bedeutenden Objekte verantwortlich. Eine Kombination von Laserscanning und bildbasierten 3D-Verfahren machen die räumlichen Zusammenhänge der räumlich hochkomplexen Gräber erstmals sichtbar und analysierbar.

Weitere Infos zur neu entdeckten Mumienmaske gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen