Was könnte Historikerinnen und Historiker im Jahr 2058 am Online-Wahlkampf in Bayern 2018 interessieren? Ein Team der Universität Passau entwickelt in dem DFG-Projekt Webarchive Methoden, um Webseiten, Online-Berichte, Social-Media-Debatten und Kommentare systematisch aufzubewahren.

Die große Zeit des World Wide Webs beginnt in den 90er Jahren: „Aus dieser Zeit ist aber auch viel verloren gegangen“, sagt Prof. Dr. Malte Rehbein, Inhaber des Lehrstuhls für Digital Humanities an der Universität Passau, „sodass man von den dark ages des Internet sprechen kann“. Seitdem hätten sich verschiedene private Initiativen gefunden, um alte Webseiten für die Nachwelt aufbewahren, darunter etwa der Online-Dienst Wayback Machine des gemeinnützigen Projekts Internet Archive. Allerdings seien diese Aktivitäten mehr oder weniger zufällig. Meist fehlt eine systematische Entwicklung des Bestands, und die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Nutzung sind stark eingeschränkt.

Verfahren und Tools der Digital Humanities

Hier setzt das DFG-Projekt „Webarchive – Methoden der Digital Humanities in Anwendung für den Aufbau und die Nutzung von Webarchiven“ an, das Prof. Dr. Rehbein zusammen mit Prof. Dr. Daniel Göler, Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls für Europäische Politik, leitet. Partner des Projekts ist die Bayerische Staatsbibliothek. Das Forschungsteam testet innovative und intuitive Zugangswege sowie die Umsetzung von Verfahren zum automatisierten und nutzungsgesteuerten Bestandsaufbau.

Dazu führen Forscherinnen und Forscher eine politikwissenschaftliche Fallstudie zum Framing europapolitischer Themen im World Wide Web während des bayerischen Landtagswahlkampfes 2018 und des Europawahlkampfs 2019 durch. Diese Fallstudie liegt an der Schnittstelle von zwei aufkommenden Forschungsfeldern, nämlich einerseits den Veränderungen von Wahlkämpfen durch Online-Kommunikation und andererseits der zunehmenden Bedeutung europapolitischer Themen im nationalen Diskurs, welche sich unter dem Stichwort der Europäisierung zusammenfassen lassen.

„Solchen Fragestellungen, die sich mit dem klassischen methodischen Instrumentarium der Politikwissenschaft nur begrenzt bearbeiten lassen, in einem interdisziplinären Verbund nachgehen zu können, ist eine große Chance“, so Prof. Dr. Daniel Göler.

Das Projekt umfasst drei Bereiche:

• Wissenschaftliche Anwendung: Forschende aus dem Bereich Politikwissenschaft prüfen, welche Informationen für typische Fragestellungen relevant sein könnten und deshalb archiviert werden sollten

• Prozess der Archivierung: Partner des Projekts ist die Bayerische Staatsbibliothek, die die Online-Inhalte in bestimmten Zeitschnitten speichert

• Methoden und Verfahren der Digital Humanities: Das Team um Prof. Dr. Rehbein untersucht, welche zeitlichen Abstände für die Speicherung sinnvoll sind und testet an den ausgewählten Datenbeständen Tools, um etwa die Dynamik von Online-Debatten zu messen und sichtbar zu machen

„Wir beschäftigen uns unter anderem mit der Frage: Wie kann ich die Erfahrung archivieren, die ein Mensch mit dem Internet im Jahr 2018 hatte?“, sagt Prof. Dr. Rehbein. Praxistauglich geprüfte Werkzeuge würden in eine projektspezifische Webplattform übernommen. Ziel sei es, erfolgreich getestete Verfahren und Tools so zu gestalten, dass sie auch von anderen Organisationen, die das Web selektiv archivieren, eingesetzt werden können.

Der Lehrstuhl für Digital Humanities bringt in das Projekt sowohl das benötigte Methodenwissen als auch die Grundlagen für eine wissenschaftstheoretische Einordnung der Webarchivierung ein. Außerdem dient er als Informationsvermittler zwischen den wissenschaftlichen Anwenderinnen und Anwendern und der Staatsbibliothek.

Quelle:
Katrina Jordan
Abteilung Kommunikation
Universität Passau

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