Archive für Kategorie: Nachrichten

Paläogenetische Untersuchungen bezeugen die komplexe Interaktion von Bevölkerungsgruppen der eurasischen Steppe und der vorderasiatischen Bergländer in der Bronzezeit.

Ein internationales Forschungsteam koordiniert von der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin und dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena (MPI-SHH) konnte erstmals systematische paläogenetische Untersuchungen im Kaukasus durchführen. Die am 4. Februar in Nature Communications erscheinende Studie fußt auf den Analysen genomweiter Daten von 45 Individuen aus der Steppen- und der Gebirgszone des Nordkaukasus. Die zwischen 6500 und 3500 Jahre alten Skelette zeigen, dass die genetische Signatur in den nördlichen Bergflanken den Gruppen südlich des Kaukasus ähnelt und dort eine scharfe genetische Grenze zu den Steppengebieten im Norden verläuft.

Der Kaukasus ist in genetischer, wie in kultureller Hinsicht eine entscheidende Schnittstelle für die Geschichte Europas. Heute eine der Regionen mit der höchsten linguistischen Vielfalt, waren frühere Bevölkerungsgruppen an der Ausprägung der genetischen Komponenten, die heutige Europäer entscheidend prägen, maßgeblich beteiligt. Aus und über den Kaukasus gelangten in der Vorgeschichte auch entscheidende Innovationen, wie die ersten hoch wirksamen Metallwaffen oder Rad und Wagen, nach Europa.
„Wir gehen davon aus, dass sich im Zug der Neolithisierung, also mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht zu Beginn der Jungsteinzeit, aber spätestens im 5. Jahrtausend v. Chr. Bevölkerungsgruppen aus dem Süden über das Gebirge nach Norden ausbreiteten und dort auf diejenigen der eurasischen Steppe trafen“, sagt Studienleiter Wolfgang Haak, Gruppenleiter für Molekulare Anthropologie am MPI Jena. „Die genetische Grenze entspricht im Prinzip den öko-geographischen Regionen. Interessanterweise ist heute dagegen der Kaukasus selbst eine Barriere für Genfluss.“
Über die Jahrhunderte hinweg entstand eine Interaktionszone, in der die Traditionslinien der Hochkulturen Mesopotamiens auf diejenigen der Steppe trafen. Diese Verflechtung wird im kulturellen Austausch und im Transfer von technischen und sozialen Innovationen deutlich, die – und dies zeigt die Studie unmissverständlich – auch über biologische Grenzen hinweg stattfand.

Kulturelle Kontaktzone, genetische Grenzregion

Die untersuchten Skelette stammen aus verschiedenen bronzezeitlichen Kulturen, von denen insbesondere die Majkop-Kultur aufgrund ihrer spektakulären Funde als eine Einwanderung aus Mesopotamien galt.
Die durchgeführten paläogenetischen Untersuchungen zeigen nun ein differenzierteres Bild der Mobilität in der Bronzezeit. Bereits in der Kupferzeit des 5. Jahrtausend v. Chr. kamen Menschen aus dem Süden über den Kamm des Kaukasus in den Norden. Sie bildeten offenbar auch die Grundlage für die frühbronzezeitliche Majkop-Kultur im 4. Jahrtausend v. Chr. Die mit dieser Kultur verbundenen Menschen unterscheiden sich genetisch klar von den Bevölkerungen aus dem nördlich anschließenden Steppenbereich.
„Die genetischen Untersuchungen geben allerdings keine Anhaltspunkte für umfangreiche Migrationsbewegungen aus dem Süden oder später aus dem Nordwesten wie dies von verschiedenen Archäologen postuliert wurde. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf das Verständnis der nordkaukasischen Kulturentwicklung im 4. Jahrtausend v. Chr.“, erläutert Prof. Dr. Dr. h.c. Svend Hansen, Direktor der Eurasien-Abteilung des DAI, die Ergebnisse der Studie.
„Bemerkenswert“, so Hansen weiter, „ist auch der genetische Nachweis für Kontakte zwischen Menschen im Steppen-Gebiet und einer westlichen Kulturgruppe, mutmaßlich der Kugelamphoren-Kultur Ende des 4.  oder frühen 3. Jahrtausends v. Chr. Einzelne Individuen der Jamnaja-Kultur zeigen geringe Anteile westlicher Genkomponenten, die von Westen nach Osten gelangt sein müssen. Dies bestätigt bestens die auch im archäologischen Fundbild erkennbare Kommunikation sowie die Verbreitung technischer Innovationen. Diese Kontakte fanden lange vor der Ausbreitung der Jamnaja-Kultur nach Westen statt.“
Im 3. Jahrtausend v.Chr. führen neue Bevölkerungsgruppen aus der Steppe in Europa zu einer grundlegenden Veränderung der Bevölkerung. Für die Südgrenze der Steppenzone im Kaukasus können mit der neuen Studie nun ähnliche Veränderungen belegt werden. „Vor 4800 Jahren trennen sich im Nordkaukasus jedoch nicht genetisch unterschiedliche Bevölkerungen, sondern Menschen mit vergleichbarer genetischer Signatur ordnen sich unterschiedlichen archäologischen Kulturen zu“, sagt Sabine Reinhold, Co-Leiterin des archäologischen Teams. „Individuen, die nach der Ausstattung ihrer Gräber der Jamnaja- oder Katakombengrab-Kultur in der Steppe angehören, sind genetisch kaum von solchen der Nordkaukasischen Kultur in den Vorbergen und im Gebirge zu unterschieden. Lokale beziehungsweise globale kulturelle Zuordnungen waren offenbar wichtiger als biologische Wurzeln.“

Genfluss aus dem Westen trägt zur Formierung früher Jamnaja-Gruppen im Kaukasus bei

Die massiven Bevölkerungsverschiebungen im 3. Jahrtausend v. Chr., die im Zusammenhang mit der Expansion der Jamnaja-Gruppen aus der Steppe stehen, wurden lange Zeit mit dem Transfer bedeutender technologischer Innovationen aus Mesopotamien nach Europa in Verbindung gebracht. Aktuelle Studien an der Eurasien-Abteilung des DAI zur Verbreitung früher Wagen oder Metallwaffen haben jedoch gezeigt, dass ein intensiver Austausch zwischen Europa, dem Kaukasus und Mesopotamien viel früher begann. Lassen sich für diese Verbindungen auch im genetischen Befund Indizien erbringen? Wenn ja, in welche Richtung weisen diese?
Im Erbgut der Jamnaja-Individuen aus der Vorkaukasus-Steppe finden sich in der Tat Spuren die ebenfalls charakteristisch für die benachbarten neolithischen Bevölkerungsgruppen Südosteuropas sind. Detailanalysen zeigen nun, dass der Genfluss, der zu diesen Anteilen bei den kaukasischen Individuen geführt hat, nicht in Verbindung zur Majkop-Bevölkerung zu bringen ist, sondern aus den westlich angrenzenden Regionen Europas stammen muss.
„Das sind überraschende genetische Befunde, die die Komplexität der Genese der Pastoralisten der Steppe aufzeigen“ sagt Populationsgenetiker Chuancho Wang, Erstautor der Studie am MPI für Menschheitsgeschichte und nun Professor an der Universität Xiamen in China.
Mit diesem Befund wird deutlich, dass die Steppenzone lange vor der massiven Ausbreitung der Jamnaja und verwandter Gruppen bis an den Atlantik ein eng verbundener Interaktionsraum war. Die technischen Innovationen des 4. Jahrtausend v. Chr. zirkulierten in einem Netzwerk, in dem Menschen wie Ideen ausgetauscht wurden – und dies nicht nur in eine Richtung. So finden sich in Individuen aus den trockenen Steppengebieten im Nordosten Hinweise auf genetische Einflüsse, die tiefe Wurzeln in Sibirien haben und dadurch auch in genetischer Verwandtschaft mit Nordostasiaten und indigenen Bevölkerungen Amerikas stehen. „Das zeigt, dass Eurasien noch viele spannende Kapitel birgt, die wir geduldig und in enger Zusammenarbeit mit unseren Kollegen aus Archäologie und Anthropologie beschreiben wollen“, sagt Prof. Johannes Krause, Direktor am MPI für Menschheitsgeschichte und Co-Leiter der Studie.

Mehr Infos zu den Untersuchungen im Kaukasus gibt es hier.

Quelle:

Nicole Kehrer
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

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Weltweit wird kulturelles Erbe rapide durch Grabräuberei zerstört. Die Beraubung archäologischer Stätten vernichtet die Forschungsgrundlagen zu alten Kulturen – der Verlust von Wissen über deren Herkunft und Identität sind die Folgen. Forschungen der Universität Bern zeigen nun, dass mittels Satellitendaten die fortschreitende Zerstörung archäologischer Stätten verfolgt werden kann. Damit ergibt sich auch erstmals ein Bild des Ausmaßes der Grabräuberei in schwer zugänglichen Weltregionen.

Vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden begannen sich nomadische Kulturen von Südsibirien bis nach Osteuropa auszudehnen. Ihnen war gemein, dass sie für ihre Toten große Hügelgräber errichteten, die sie oftmals mit kunstvoll gefertigten Waffen und filigranem Goldschmuck für das Jenseits ausstatteten. Viele der organischen Materialien sind für Archäologinnen und Archäologen für immer verloren, aber die Artefakte aus Metall blieben erhalten. Oftmals aus Bronze oder Gold hergestellt, ziehen diese Grabschätze aber Räuber an. Während der Kolonialisierung Sibiriens im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Grabräuberei zum regelrechten Beruf: So zogen Grabräuberbanden mit bis zu 300 Mitgliedern durch die Steppen und zerstörten diverse Gräber. Zumeist schmolzen sie die Kunstwerke, die sie aus den Gräbern erbeutet hatten, zwecks leichteren Transports gleich vor Ort ein.

Forschen mit hochauflösenden Satellitendaten

Heute ist es deshalb schwierig geworden, unzerstörte Gräber zu finden. Die Preise, die für archäologische Kunstwerke aus Gräbern auf dem Schwarzmarkt erzielt werden können, sind aber umso höher. Gino Caspari vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Bern untersuchte in seinem Forschungsprojekt den Zustand von Gräbern in einer schwer zugänglichen Region in Nordwestchina mithilfe von hochauflösenden Satellitendaten. Diese können den Zustand der Gräber vom All aus erfassen. »Für unsere Untersuchungen haben wir uns bewusst ein Gebiet in Xinjiang ausgesucht – wir vermuteten, dass aufgrund der erschwerten Zugänglichkeit mehr Gräber intakt geblieben und nicht geplündert worden sind«, erklärt Caspari. Jedoch wurde diese Annahme nicht bestätigt: »Mehr als 74,5 Prozent der untersuchten Gräber waren bereits zerstört und ausgeraubt«, so Caspari.

Archäologische Stätten akut bedroht

Mittels einer Begehung vor Ort gelang es den Forschenden aufzuzeigen, dass die Satellitendaten erlauben, eine akkurate Einschätzung des Zerstörungsgrades von Gräbern vorzunehmen. Über eine wiederkehrende Auswertung von Satellitenbildern können somit Grabräuberaktivitäten verfolgt werden. Caspari analysierte Daten, die bis ins Jahr 2003 zurückgehen, und stellte fest, dass seither immer wieder archäologische Stätten geplündert wurden. »Die letzten archäologischen Stätten der antiken Steppenkulturen sind damit akut bedroht«, sagt Caspari.

Die neuen Forschungsresultate, die im Journal »Heritage« veröffentlicht worden sind, erlauben es aber nun, auch in schwer zugänglichen Regionen ein konsequentes Monitoring dieser bedrohten Kulturgüter durchzuführen. Die Aktivitäten von Grabräubern können frühzeitig erkannt und entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Gräber ergriffen werden.

Weitere Infos zu dem Projekt der Universität Bern gibt es hier.

Quelle:

Nathalie Matter
Corporate Communication
Universität Bern

Schon immer war Süßwasser auf der Osterinsel (Rapa Nui) inmitten des Pazifiks ein wertvolles Gut. Obwohl ausreichend Regen fällt, sind oberflächlich gut erreichbare Wasserspeicher selten oder nur schwer zugänglich. Ein Team der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des DAI will herausfinden, wie die einstigen Siedler während der letzten tausend Jahre mit dem Wassermangel umgegangen sind. In Ava Ranga Uka a Toroke Hau – einem an einem Wasserfall gelegenen Fundplatz aus dem 13.–17. Jahrhundert – stießen sie auf überraschende Befunde: An den Wasserfall schließen sich künstliche Kanäle, mehrere Wasserbecken und eine Prozessionsstraße an. Noch ist die genaue Funktion der Becken rätselhaft – genau wie die einer Herdgrube, die die Archäologen neben einem der Becken freigelegt haben. Sie enthielt Steine, Holzkohle und Asche. Wurden die Steine dort erhitzt, um damit das Wasser im benachbarten Becken zu erwärmen?

Zunächst ebenfalls überraschend waren die gewaltigen Mengen von Stein- und Schottermaterial, die die ehemaligen Osterinsel-Bewohner bewegt haben, um ältere Anlagen wie Wasserbecken und Kanäle mit monumentalen Terrassen zu überbauen. Die Terrassen scheinen die früheren Installationen förmlich zu versiegeln und von einer weiteren Nutzung auszuschließen. Zusammen mit den anderen Befunden liegt die Vermutung nahe, dass damit der Zugang zum Wasser des Baches gesellschaftlich und religiös sanktioniert und durch Tabus reglementiert wurde. Gestützt wird die These durch mehrere Gruben, in denen man rotes Pigment herstellte. Rot gilt in Polynesien als heilig und repräsentiert spirituelle Kraft, physische Stärke und Fruchtbarkeit. Auch Seen, Brunnen, Becken und Quellen – wie etwa der Wasserfall von Ava Ranga Uka a Toroke Hau – sind im polynesischen Kulturkreis heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen.

Die in Ava Ranga Uka a Toroke Hau freigelegten Anlagen waren folglich Teil eines Wasser- und Fruchtbarkeitsheiligtums. Hier fanden rituelle Handlungen statt, die einerseits einen Regenzauber bewirken, andererseits aber auch menschliche Fruchtbarkeit steigern sollten.
Die weiteren Forschungen sollen neue Erkenntnisse zur Gestaltung des Fundplatzes durch monumentale Terrassen, aber auch Einblicke in die frühe Nutzung des Heiligtums liefern.

Weitere Infos zu den Grabungen auf Rapa Nui gibt es hier.

Quelle:

Nicole Kehrer
Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Ausgerüstet mit einem motorisierten hochauflösenden Bodenradar haben ArchäologInnen in der Region Østfold in Norwegen ein Wikingerschiff und eine große Anzahl von Grabhügeln und Langhäusern entdeckt.

Die ArchäologInnen vom norwegischen Institut für Kulturgüterforschung (NIKU) haben mit der vom Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI ArchPro) in Wien und Niederösterreich entwickelten Technologie diese einzigartige Entdeckung gemacht. Das Wikingerschiff befindet sich knapp unter der Bodenoberfläche in einer Tiefe von ungefähr 50 cm und wurde ursprünglich in einem Grabhügel bestattet. Die digitalen Visualisierungen der Radardaten zeigen eine klar erkenntliche schiffsförmige Struktur mit einer Länge von 20 m. Die Daten deuten darauf hin, dass der untere Teil des Schiffes bis heute gut konserviert ist. Weitere zerstörungsfreie Untersuchungen sind geplant, um diesen besonderen Fund und die umgebende Landschaft digital zu kartieren.

Johanna Mikl-Leitner, Landeshauptfrau von Niederösterreich: „Bei dem in ganz Europa erfolgreich operierenden LBI ArchPro zeigt sich, wie wichtig die enge Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung in einem Europa der Regionen ist. Die von Niederösterreich unterstützten Entwicklungen für die digitale Archäologie helfen mit, unser gemeinsames kulturelles Erbe zu erkunden und zu schützen, um es für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, aber auch um es für die nachkommenden Generationen zu bewahren. Das Land Niederösterreich ist stolz, an dieser bedeutenden Entdeckung in Norwegen Anteil zu haben und sieht sich auf dem Weg der Unterstützung von Spitzenforschung zum Wohl unserer Gesellschaft bestätigt. Nach den einzigartigen Entdeckungen wie der Gladiatorenschule oder des ersten Amphitheaters in Carnuntum ist dem LBI ArchPro mit dieser Entdeckung ein weiterer Meilenstein gelungen, der zeigt, wie wichtig die zerstörungsfreie Erkundung und Dokumentation unseres gemeinsamen kulturellen Erbes in Europa ist und in Zukunft werden wird. Das Land Niederösterreich freut sich, als einer der Mitbegründer des LBI ArchPro gemeinsam mit den norwegischen Partnern einen weiteren bedeutenden Fund zur europäischen Geschichte der Bevölkerung zugänglich zu machen. Mit dem LBI ArchPro hat die Digitalisierung auch längst in der Archäologie Einzug gehalten.“

Sensationeller Fund von Wikingerschiff, Grabhügeln und Langhäusern

Der sensationelle Fund befindet sich in Viksletta, in direkter Nachbarschaft zum monumentalen Grabhügel von Jelle in Østfold, Norwegen. Das Team hat die Überreste von zumindest acht bisher völlig unbekannten und vom Pflug zerstörten Grabhügeln lokalisiert. Mithilfe des Bodenradars ist es jedoch möglich, die Überreste und die umfassenden Gräben dieser massiven Monumente bis in kleinste Details zu kartieren. Einer dieser zerstörten Grabhügel zeigt deutlich die Überreste eines ursprünglich im Hügel bestatteten Wikingerschiffes. Es gibt klare Hinweise darauf, dass der Kiel und der untere Teil des Schiffes in diesem Grab noch bestens konserviert sind. Basierend auf dem Wissen über andere bekannte Wikingerschiffe erstellten die ArchäologInnen eine erste hypothetische Rekonstruktion des Schiffs.

„Wir sind sicher, dass hier ein Schiff bestattet ist. Wie viel tatsächlich noch erhalten ist, ist vor weiteren Untersuchungen schwer zu sagen“, sagt Morten Hanisch, Landeskonservator von Østfold. Und Dr. Knut Paasche, Leiter der Abteilung für digitale Archäologie von NIKU und ausgewiesener Wikingerschiff-Experte, ergänzt: „Dieser Befund ist ausgesprochen aufregend, da wir bisher nur drei gut erhaltene Wikingerschiffe in Norwegen kennen, alle vor über 100 Jahren ausgegraben. Dieses Schiff ist von großer historischer Bedeutung, da wir es mit den modernsten Mitteln der Archäologie untersuchen können.“

Neben den monumentalen Grabhügeln hat das Bodenradar noch die Überreste von fünf Langhäusern ans Tageslicht gebracht, einige von ihnen von beachtlicher Größe, eine Situation vergleichbar mit der Fundstelle Borre in Vestfold, auf der gegenüberliegenden Seite des Oslo Fjords. „Dieser Schiffsfund liegt nicht isoliert, sondern war Teil eines Gräberfeldes, welches Macht und Einfluss weithin sichtbar repräsentierte“, sagt der Archäologe Lars Gustavsen, Projektleiter von NIKU.

Die Archäologen von NIKU planen gemeinsam mit dem LBI ArchPro weitere zerstörungsfreie geophysikalischen Methoden einzusetzen, um weitere grundlegende Fakten zur Struktur und dem Erhaltungszustand des Schiffes ohne Bodeneingriff zu erhalten. Das Team geht davon aus, dass nach Abschluss der nichtinvasiven Untersuchungen archäologische Ausgrabungen zur Sicherung dieses einzigartigen Fundes notwendig sein werden.

Die Bodenradaruntersuchungen beim Grabhügel von Jelle wurden von NIKU in enger Zusammenarbeit mit der Provinz Østfold durchgeführt. Die genutzte Methode und Software wurden vom LBI ArchPro in Wien und Niederösterreich entwickelt.

Mehr Infos zu der Entdeckung des Wikingerschiffes gibt es hier.

Quelle:
MSc Manon Oschounig
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Archäologen der Universität Tübingen präsentieren im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren einen seltenen Knochenfund – Markierungen lassen eine Nutzung als Informationsträger annehmen.

Schon vor mehr als 30.000 Jahren nutzten Menschen die Rippenknochen großer Tiere als Werkzeug – etwa zum Walken von Leder. Da große fetthaltige Knochen aber auch ein guter Ersatz für das in der Eiszeit knappe Brennholz waren, sind solch große Knochen aus dieser Zeit relativ selten erhalten geblieben. Wie Professor Nicholas Conard, Leiter der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen, und seine Grabungsmannschaft nun im heute erschienen Jahrbuch „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ berichten, wurde in der Welterbe-Höhle „Hohle Fels“ auf der Schwäbischen Alb ein Fund geborgen, der neue Interpretationen über die Nutzung solcher Knochen in der Altsteinzeit ermöglicht.

Professor Conard präsentierte den eindrucksvollen Fund am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (urmu), dessen wissenschaftlicher Direktor Conard ist. Es handelt sich um die Rippe eines Mammuts, die in der Wohnhöhle der Altsteinzeit in den Schichten aus der sogenannten Gravettien-Periode gefunden wurde und somit zwischen 35.000 und 30.000 Jahre alt ist. Das Stück ist 44 Zentimeter lang, bei einer Breite von 5,1 Zentimetern und einer Dicke von 2,1 Zentimetern. Außergewöhnlich sind die Spuren der Bearbeitung, der Nutzung und die Markierungen darauf. Die Enden wurden abgerundet bzw. abgebrochen.

Ganz besonders auffällig ist die dickere Kante der Rippe: Sie weist zwei Reihen von Markierungen auf. Eine zeigt 83 und die andere 90 Striche. An anderer Stelle weist die Rippe weitere 13 schwächere und längere Einschnitte auf. All diese Markierungen sind sehr gut erkennbare, saubere Einschnitte, die mit Sicherheit gezielt platziert wurden. Sie unterscheiden sich in Länge und Tiefe und wurden wahrscheinlich nicht in einem Durchgang eingeritzt.

„Die entscheidende Frage ist nun, welche Funktion dieser Fund besaß“, sagt Professor Conard, „obwohl viele gravettienzeitliche Funde Markierungen tragen, sind Vergleichsstücke aus Südwestdeutschland selten. Auch in anderen Regionen der Welt gibt es keine optimalen Vergleichsfunde. Wir vermuten stark, dass die Rippe als Informationsträger diente.“ Genau lasse sich nicht sagen, welche Art von Information hier festgehalten wurde. Die Ausgräber vermuten, dass etwas gezählt wurde. „Aber es ist unbekannt, ob es hier um Jagdbeute, Menschen, Tage, Mondzyklen oder etwas anderes ging“, sagt Conard weiter, „eine Art von Kalender ist zwar naheliegend, aber die Zahlen 83, 90 und 13 ergeben für uns kein klares System. Wir werden uns künftig näher mit diesen Fragen auseinandersetzen.“

Die Mammutrippe wird nun bis Anfang Januar 2019 im urmu als „Fund des Jahres“ ausgestellt. „Diese Mammutrippe steht in ihrer Interpretation zwischen komplexer symbolischer Bedeutung und einer ganz praktisch orientierten Nutzung im Alltag“, sagt Dr. Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des urmu, „ob wir es hier mit kalendarischen Vermerken, mit Notizstrichen von komplizierten Arbeitsschritten oder mit einem altsteinzeitlichen Spiel zu tun haben, wissen wir nicht. Wir freuen uns aber darauf, mit unseren Besuchern eine spannende Diskussion darüber zu führen, wofür die Reihen aus 13, 83 und 90 Strichen wohl stehen könnten.“ Dr. Kölbl kündigt daher an, vor Ort in der Kabinettausstellung sowie auf Facebook Ideen zu den Ritzungen auf der Rippe zusammenzutragen.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Antje Karbe 
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Deutsch-ägyptisches Wissenschaftlerteam stellt neue Ergebnisse der Ausgrabungen in Sakkara vor.

Wissenschaftler der Universität Tübingen haben im ägyptischen Sakkara eine vergoldete Mumienmaske aus saitisch-persischer Zeit (664-404 v. Chr.) entdeckt. Wie der Leiter des deutsch-ägyptischen Teams, Dr. Ramadan Badry Hussein, am Samstag berichtete, wurde die Maske in einer ausgedehnten Grabanlage gefunden, die seit 2016 von Tübinger Ägyptologen mit neuesten Methoden untersucht wird. Nach dem Ergebnis einer ersten Untersuchung im Ägyptischen Museum in Kairo besteht die Maske aus Silber und ist teilweise vergoldet. Die Augen wurden als Einlegearbeit mit einem schwarzen Edelstein (möglicherweise Onyx) sowie Calcit und Obsidian ausgeführt.

„Der Fund dieser Maske darf als Sensation gelten“, sagte Hussein: „Nur sehr wenige Masken aus Edelmetall haben sich bis heute erhalten, weil die Mehrzahl der Gräber altägyptischer Würdenträger schon in der Antike geplündert wurden.“ Wie der Leiter des Projekts berichtete, befand sich die wertvolle Maske auf dem Gesicht einer Mumie, die in einem stark beschädigten Holzsarg entdeckt wurde. Die erhalten gebliebene Verzierung des Sarges lässt darauf schließen, dass es sich bei dem Toten um einen Priester der Göttin Mut und der Göttin Niut-schi-es handelte, der zur Zeit der 26. Dynastie lebte. Der Fund wurde am Samstag von Wissenschaftlern und Vertretern des ägyptischen Antikenministeriums der Öffentlichkeit präsentiert.

„Altägyptische Totenmasken aus Gold und Silber sind außerordentlich selten“, sagte Professor Christian Leitz, Leiter der Abteilung für Ägyptologie an der Universität Tübingen: „Belegt sind lediglich zwei weitere vergleichbare Funde aus Privatgräbern, der letzte davon im Jahr 1939.“ Selbst in den ägyptischen Königsgräbern seien von Wissenschaftlern nur sehr wenige Mumienmasken aus Edelmetall gefunden worden. Ein Großteil der Masken sei zuvor bereits von Grabräubern entwendet und anschließend vermutlich eingeschmolzen worden.

Der Grabkomplex, der seit 2016 von Tübinger Ägyptologen untersucht wird, besteht aus mehreren, teils über dreißig Meter tiefen Schachtgräbern. Über einem der Hauptschächte fanden die Wissenschaftler unter anderem die Reste eines rechteckigen Gebäudes aus Lehmziegel und Kalksteinblöcken, das wohl als Werkstatt zum Einbalsamieren der Verstorbenen diente. Innerhalb des Gebäudes fanden sich zwei große Becken, die vermutlich einerseits zur Verarbeitung von Natron zur Trocknung der Körper und andererseits zur Vorbereitung der Leinenbinden für die Mumifizierung dienten. Ebenfalls auf den Prozess der Balsamierung deuten Gefäße hin, die mit den Namen von Ölen und Substanzen beschriftet sind, die für die Mumifizierung notwendig waren.

In den Seitenwänden und am Boden des Schachtes konnten eine ganze Reihe von unberührten Grabkammern entdeckt und geöffnet werden. Neben Mumien und Sarkophagen traten eine Vielzahl von Objekten zu Tage, unter anderem ganze Sätze von leuchtendblauen Fayence Statuetten – den sogenannten Uschebtis und Kanopen aus Alabaster, in denen die Organe der einbalsamierten Toten aufbewahrt wurden.

Bei der Untersuchung der Nekropole von Sakkara setzen die Tübinger Wissenschaftler auf den Einsatz modernster Technologie für die Dokumentation und Erfassung der gesamten Anlage. So ist das eScience-Center der Universität Tübingen unter der Leitung von Dr. Matthias Lang für die vollständige hochpräzise 3D-Dokumentation der Anlage sowie der bedeutenden Objekte verantwortlich. Eine Kombination von Laserscanning und bildbasierten 3D-Verfahren machen die räumlichen Zusammenhänge der räumlich hochkomplexen Gräber erstmals sichtbar und analysierbar.

Weitere Infos zur neu entdeckten Mumienmaske gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

An Wissenschaftler(innen) und Praktiker(innen) vor allem aus den Bereichen Geschichte, kulturelles Erbe und Denkmalpflege: Vom 6. bis 8. Mai 2019 findet in Hannover die internationale Konferenz zum Thema „Urban Agricultural Heritage“ statt. Die VolkswagenStiftung lädt Interessierte zur kostenlosen Teilnahme ein. Mehr Infos zum Programm der Konferenz gibt es hier.

Assyrische Tontafeln aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. ermöglichen erstmals Lokalisierung einer bedeutenden Handelsstadt.

Die Übersetzung eines assyrischen Tontafelarchivs, das Tübinger Archäologen kürzlich entdeckt haben, hat für eine wissenschaftliche Überraschung gesorgt: Bei dem Fundort Bassetki in der Autonomen Region Kurdistan im Irak handelt es sich augenscheinlich um die alte Königsstadt Mardaman. Die bedeutende nordmesopotamische Stadt war bislang aus Quellen bekannt, aber nie lokalisiert worden. Sie bestand von 2200 bis 1200 v. Chr., zeitweise als Königtum oder auch als Provinzhauptstadt, und wurde mehrfach erobert und zerstört.

Die Archäologen des Instituts für die Kulturen des Alten Orients der Universität Tübingen hatten das aus 92 Tontafeln bestehende Archiv im Sommer 2017 ausgegraben. Unter der Leitung von Professor Peter Pfälzner arbeitet das Team gemeinsam mit Dr. Hasan Qasim von der Antikendirektion Duhok in der bronzezeitlichen Stadtanlage von Bassetki. Die Tontafeln stammen aus der Periode des mittelassyrischen Reiches um 1250 v. Chr. In mühevoller Kleinarbeit wurden die kleinen, teils zerbrochenen Täfelchen nun durch Dr. Betina Faist von der Universität Heidelberg gelesen, die als Philologin und Spezialistin für assyrische Sprache an dem Tübinger Projekt mitarbeitet. Sie übersetzte anhand von Fotografien die Texte, die Stück für Stück Licht auf die Geschichte der Region und der Stadt zur Zeit des mittelassyrischen Reiches werfen.

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Freilegung der Tontafeln (Foto: Peter Pfälzner, Universität Tübingen)

Zur Überraschung der Wissenschaftler konnte Faist den Namen des Fundortes als die alte Stadt Mardama identifizieren. Wie die Keilschrifttexte ferner zu erkennen geben, war diese Sitz eines Statthalters des mittelassyrischen Reiches. Damit wird eine neue, bisher nicht bekannte Provinz dieses Reiches greifbar, das sich im 13. Jahrhundert v. Chr. über weite Teile Nordmesopotamiens und Syriens ausdehnte. Sogar der Name des assyrischen Statthalters, Assur-nasir, sowie seine Aktivitäten und Aufgaben werden auf den Tafeln beschrieben. „Damit war plötzlich klar, dass wir mit unseren Ausgrabungen auf den assyrischen Gouverneurspalast gestoßen sind“, sagt Archäologe Pfälzner.

Gleichzeitig ist es für das Wissenschaftlerteam nun möglich, die Stadt zu lokalisieren, die in altbabylonischen Quellen um 1800 v. Chr. mit dem Namen Mardaman bezeichnet wird und dem assyrischen Mardama entsprechen dürfte. Den Quellen zufolge war sie Sitz eines Königtums, das von einem der mächtigsten Herrscher der damaligen Zeit, Schamschi-Adad I., im Jahr 1786 v. Chr. erobert und seinem obermesopotamischen Reich einverleibt wurde. Allerdings wurde die Stadt wenige Jahre später wieder zu einem selbständigen Königtum unter einem hurritischen Herrscher namens Tisch-ulme. Dieser neuen Blüte folgte ein Rückschlag, als die Stadt um 1769/1768 v. Chr. von den Turukkäern zerstört wurde, einem Bergvolk aus dem nördlich angrenzenden Zagrosgebirge. „Aus den Keilschrifttexten und durch die Ausgrabungsergebnisse in Bassetki wird nun deutlich, dass dies nicht das Ende bedeutete“, sagt Pfälzner. „Die Stadt existierte kontinuierlich weiter und erlebte eine letzte Blüte als mittelassyrischer Gouverneurssitz zwischen 1250 und 1200 v. Chr.“

Die Geschichte Mardamans lässt sich sogar in die frühen Perioden Mesopotamiens zurückverfolgen. In den Quellen der Dritten Dynastie von Ur, ca. 2100–2000 v. Chr., erscheint es als wichtige Stadt an der nördlichen Peripherie des mesopotamischen Reiches. Die älteste Quelle reicht zurück in die Zeit des Akkadischen Reiches, das als erstes Großreich der Geschichte gilt. Sie erwähnt, dass die Stadt bereits um 2250 v. Chr. von Naram-Sin, dem mächtigsten Herrscher der akkadischen Dynastie, ein erstes Mal zerstört wurde.

„Der Tontafelfund aus Bassetki liefert einen wichtigen neuen Beitrag zur Geographie Mesopotamiens“, erläutert die Assyriologin Betina Faist. Möglicherweise könne sich mit diesem Puzzleteil die Lage weiterer früher Städte Mesopotamiens rekonstruieren lassen, sagt Pfälzner. „Mardaman wurde sicherlich auf Grund seiner Position an den Handelswegen zwischen Mesopotamien, Anatolien und Syrien zu einer bedeutenden Stadt und einem regionalen Königtum. Bisweilen war sie gar ein Widersacher der großen mesopotamischen Reiche. Folglich lassen sich von den geplanten weiteren Ausgrabungen der Universität Tübingen in Bassetki sicherlich noch viele spannende Entdeckungen erwarten.“

Weitere Infos zu den Tontafeln aus Bassetki gibt es hier.

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Der Europäische Forschungsrat fördert die Forschung zur Ausbreitung nomadischer Lebensformen in der Steppe.

Vor rund 5000 Jahren entstanden die ersten nomadischen Lebensformen in der eurasischen Steppe. Mit der neuen Ausrichtung der täglichen Ernährung auf Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde stellt dies einen einzigartigen Wendepunkt in der menschlichen Vorgeschichte dar. Die neue, nomadische Lebensform markiert eine drastische Veränderung gegenüber den sesshaften Agrargesellschaften, die bis zu diesem Zeitpunkt einen Großteil der alten Welt bevölkert hatten. In ihrem Projekt ASIAPAST wird Professorin Cheryl Makarewicz von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) die Entstehung, Verbreitung und Intensivierung des sogenannten mobilen Pastoralismus in der eurasischen Steppe untersuchen. Dabei geht sie der Frage nach, welche Auswirkungen diese neue Lebensform auf die Ernährung, die sozialen und die symbolischen Welten der Menschen hatte. Dafür erhält Makarewicz eine Förderung des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC), den ERC Consolidator Grant. Von 2.538 eingereichten Anträgen wurden 329 zur Förderung vorgeschlagen. Davon gingen 56 Grants nach Deutschland, einer davon an Professorin Cheryl Makarewicz. Sie erhält zwei Millionen Euro Förderung.

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt „Von der Herde zum Großreich: Biomolekulare und archäozoologische Untersuchungen des mobilen Pastoralismus in der frühgeschichtlichen eurasischen Steppe“ (kurz ASIAPAST), beginnt im Mai dieses Jahres. Gemeinsam mit ihrem Team wird Makarewicz zunächst menschliche und tierische Knochen und Zähne sowie Keramikscherben an verschiedenen Forschungsstätten in der Mongolei, in Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan sammeln. Diese Überreste der alten Kulturen enthalten ein wertvolles Archiv an biomolekularen Informationen, aus denen sich ablesen lässt, wovon sich die frühzeitlichen Nomaden ernährten, wie sie ihre Tiere betreuten und in welchem Radius sie sich bewegten. „Dies ist das erste interdisziplinäre Projekt, das die genauen Mechanismen in Bezug auf Lebensunterhalt und soziales Miteinander untersucht, welche den Übergang von der Jagdgesellschaft zum Hirtentum vor über 4500 Jahren in dieser riesigen Region der Welt vorantrieben. Wir beschäftigen uns hier mit fundamentalen Fragen, deren Beantwortung bisher noch nie versucht wurde“, so Makarewicz.

Mehr Infos zu dem Projekt von Professorin Cheryl Makarewicz gibt es hier.

Quelle:
Dr. Boris Pawlowski
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die bronzezeitlichen mykenischen Paläste in Griechenland wurden nicht durch eine Erdbebenkatastrophe zerstört, wie bisher vielfach angenommen. Archäoseismologe Klaus-Günter Hinzen von der Universität zu Köln und der Archäologe Joseph Maran von der Universität Heidelberg untersuchen die antiken Städte Tiryns und Midea.

Niemand weiß genau, warum die mykenischen Paläste um 1200 vor Christus ihr Ende fanden; auch ein Mega-Erdbeben oder ein „Erdbebensturm“ am Ende der Bronzezeit wurden angenommen. „Für diese Hypothese konnten wir in den mykenischen Städten Tiryns und Midea keine Belege finden“, erklären nun der Geophysiker Professor Dr. Klaus-Günter Hinzen von der Universität zu Köln und der Archäologe Professor Dr. Joseph Maran von der Universität Heidelberg. Seit 2012 haben die Kölner Archäoseismologen die mykenischen Zitadellen Tiryns und Midea im Rahmen des Projektes HERACLES (Hypothesis-Testing of Earthquake Ruined Argolid Constructions and Landscape with Engineering Seismology) untersucht. Nun haben sie ihre Abschlussarbeit „Reassessing the Mycenaean Earthquake Hypothesis: Results of the HERACLES Project from Tiryns and Midea, Greece“ im Bulletin of the Seismological Society of America veröffentlicht (doi: 10.1785/0120170348). Das Projekt wurde von den Universitäten Köln und Heidelberg mit Unterstützung der griechischen Altertümerverwaltung durchgeführt und von der Gerda-Henkel-Stiftung und der Fritz-Thyssen-Stiftung jeweils zur Hälfte gefördert.
Hinzen untersuchte mit seinem Team die mykenischen Zitadellen von Tiryns und Midea in der Argolis, im Nordosten der Peloponnes, wo auch Mykene liegt. Beide Orte sollten laut gängiger Hypothese am Ende der Bronzezeit von mehreren Erdbeben heimgesucht und um 1200 vor Christus durch ein starkes Erdbeben zerstört worden sein. Damit sei wie bei anderen mykenischen Zentren der Untergang der ganzen Kultur eingeleitet worden.
In den Jahren 2012-2013 untersuchte das Team die lokale Geologie der Orte, ihre Lage in den Erdbebenzonen Griechenlands und die vermeintlichen Erdbebenschäden in den Grabungen vor Ort. Sie sammelten Daten und modellierten, wie sich Erdbeben in Tiryns und Midea ausgewirkt hätten. Die Forscher setzten eine Reihe von geophysikalischen Messverfahren ein: aktive und passive Seismik, refraktionsseismische Messungen und Array-Messungen mit Seismometern. Ein dreiviertel Jahr lang wurden zehn Messstationen betrieben, die kleinere Erdbeben registrierten, die es in Griechenland immer wieder gibt. Hinzu kamen gravimetrische Messungen des Erdschwerefeldes. Mit den gewonnenen Daten berechneten sie die Standorteffekte während eines Erdbebens. „Das war die Grundlage, um zu prüfen, ob es in Tiryns oder Midea ungewöhnliche Bodenverstärkungen bei Erdbeben gibt.“
Die Zitadellen von Tiryns und Midea sind beide auf Bergrücken errichtet worden. Die Oberstadt von Tiryns steht auf einem Kalkgesteinsrücken, die umgebende Unterstadt hingegen auf lockeren Sedimenten. „Die Standorteffekte bei Erdbeben sind auf den Sedimenten sehr viel stärker. Bei einem Erdbeben würde man erwarten, dass als erstes die Unterstadt leidet und nicht der Palast.“ Gerade in der Unterstadt ist aber kein Schaden nachgewiesen. Alles, was bisher als Erdbebenschaden angesehen wurde, lag im Palastbereich. „Wir haben festgestellt, dass ein Großteil dieser beschriebenen Schäden im Palastbereich nicht als Erdbebenschaden interpretiert werden kann.“ Zum Teil handelte es sich stattdessen um langsamen Verfall im Laufe der Jahrhunderte oder um Fehlinterpretationen von Befunden, erklärt Hinzen: „Man hat zum Beispiel in den 1970er Jahren in einem Raum Terracottafiguren und –vasen gefunden, die zerbrochen auf dem Boden lagen. Die alte These war, dass diese Artefakte durch ein Erdbeben von einer steinernen Bank heruntergefallen seien.“ Hinzen und sein Team schauten sich die Verteilung der Bruchstücke, so wie sie gefunden wurden, an. „Wir konnten durch mehrere tausend Modellrechnungen in einer Computersimulation zeigen, dass ein Erdbeben hier als Ursache kaum in Frage kommt.“
Auch die grundsätzliche Erdbebengefahr in der östlichen Peloponnes betrachteten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anhand von Simulationen. „An sich ist diese Gegend für griechische Verhältnisse relativ ruhig. Wenn überhaupt, so kämen für ausgedehnte Zerstörungen in Tiryns nur lokale Erdbebenherde in der Argolis in Frage. Für solche Beben gibt es aber bisher keine Nachweise“, erklärt der Kölner Archäoseismologe. Die neuen Ergebnisse lassen bezweifeln, dass Tiryns und Midea Opfer eines „Erdbebensturms“ am Ende der Bronzezeit wurden, wie ihn einige Wissenschaftler postulieren.

Weitere Infos zu den Untersuchungen der Mykenischen Paläste gibt es hier.

Quelle:
Gabriele Meseg-Rutzen
Presse und Kommunikation
Universität zu Köln