Archive für Beiträge mit Schlagwort: Archäologie

An der Schwelle zur Unterwelt ist es gefährlich. Das weiß auch Professor Hardy Pfanz. Der Vulkanbiologe der Universität Duisburg-Essen (UDE) erforscht seit Jahren das Tor zur Hölle. Diese Tempelgrotten waren schon in der Antike Kult: Denn während die Tiere bei den Opferritualen tot umfielen, blieben die Priester unversehrt. Waren es übernatürliche Kräfte? Mitnichten, konnte Pfanz mit türkischen und italienischen Kollegen am Heiligtum von Hierapolis (heutige Türkei) nachweisen. Es liegt am Kohlendioxid, das dort nachts und früh morgens besonders stark vorherrscht.

Der magische Ort, der nahe Pamukkale liegt, zog schon vor über 2000 Jahren Pilger an. Hardy Pfanz hatte bei antiken Geschichtsschreibern wie Strabon, Cassius Dio und Plinius vom Tor zur Hölle gelesen – und war elektrisiert. Sie berichteten genau, was bei den Zeremonien geschah: Im Vorhof des Pluto-Tempels, einer unterirdischen Grotte, sammelte sich ein unsichtbarer, giftiger Dunst, der Tiere sofort tötete und den Priestern nichts anhatte.

Es muss der tödliche Atem des Höllenhunds Kerberos sein, der für den Gott Pluto den Eingang zur Unterwelt bewacht – davon waren die Menschen damals überzeugt. Sie konnten von ihren höher gelegenen Sitzreihen über der Arena das mystische Spektakel ungefährdet beobachten. „Gleichzeitig waren sie beeindruckt von der übernatürlichen Kraft der Priester. Man kann sich gut vorstellen, wie Religion entsteht“, sagt Hardy Pfanz.

Der Professor, der den weltweit einzigen Lehrstuhl für Vulkan-Biologie hat, weiß durch seine weltweiten Studien an CO2-Gas-Seen, was es mit dem ‚Todeshauch’ auf sich hat: „Hierapolis liegt wie viele andere Heiligtümer und Orakelstätten über tektonischen Störungen; viele Pluto-Tempel sind über Grotten errichtet – auch die beiden Heiligtümer in Hierapolis. In diese Grotten strömt geogenes Kohlendioxid; dabei bildet sich je nach Uhrzeit, ein bis zu anderthalb Meter hoher, unsichtbarer Gas-See, der tödlich ist. Wir haben nachgewiesen, dass die CO2-Konzentration in den Höhlen zeitweise extrem hoch war, nämlich zwischen 60 und 80 Prozent. Da erstickt man sofort; schon bei fünf bis acht Prozent wird einem schwindelig.“

Bei ihren umfangreichen Messungen fand das Team außerdem heraus: Es hängt vom Tageslicht ab, wie konzentriert der Gas-See ist. „Früh morgens ist die Konzentration stark und wird dann durch die Infrarotstrahlen der Sonne zerstört; geht die Sonne unter, steigt das Kohlendioxid wieder. Weil CO2 schwerer ist als Luft, sind die Werte am Boden besonders hoch.“

Die Priester waren clever, findet Pfanz. „Sie wussten, wann der tödliche Atem des Kerberos wirkte und bis zu welcher Höhe ein Aufenthalt völlig ungefährlich war. Morgens waren das etwa 40 cm über dem Boden. Wollten sie ihre übernatürlichen Kräfte demonstrierten, stellten sie sich auf Steine um die Opfertiere. Diese standen jedoch mitten im CO2-Dunst, ihnen wurde schwindelig, die Köpfe sanken zu Boden, wo sie die tödliche Dosis einatmeten. Die Priester hingegen konnten auf ihrer Position etwa 20 bis 40 Minuten aushalten.“

Die Ergebnisse wurden gerade in der Fachzeitschrift „Archaeological and Anthropological Sciences“ veröffentlicht.

Quelle:
Ulrike Bohnsack
Ressort Presse – Stabsstelle des Rektorats
Universität Duisburg-Essen

Advertisements

ForscherInnen von über 80 verschiedenen Institutionen unter der Federführung von Ian Mathieson (University of Pennsylvania), David Reich (Harvard Medical School) und Ron Pinhasi von der Universität Wien haben in einer neuen Studie die Genomgeschichte in Südosteuropa untersucht. Diese Region ist bisher kaum erforscht, was die Erbinformation von menschlichen Skeletten betrifft. Sie fanden heraus, wie es um die gegenseitige Beeinflussung und Vermischung der ansässigen Bevölkerung mit den neu eintreffenden Völkern aus Anatolien bestellt ist. Die Untersuchung erscheint aktuell in Nature.

Vor ungefähr 8500 Jahren breitete sich die Landwirtschaft begleitet von einer Völkerbewegung aus Anatolien vom Südosten ausgehend nach Europa aus. Ein internationales Forschungsteam analysierte nun 225 Genomdaten von historischen Völkern, die vor oder nach diesem Wandel gelebt hatten.
Die Einflüsse und Vermischung dieser beiden Bevölkerungsgruppen gestalteten sich komplex. „An einigen Orten vermischten sich die Jäger und Sammler sehr rasch mit den einwandernden Bauern“, erklärt Erstautor Iain Mathieson, Genetiker an der University of Pennsylvania, „dennoch blieben die beiden Bevölkerungsgruppen größtenteils isoliert, zumindest für die ersten paar hundert Jahre. Die Jäger und Sammler hatten dort seit tausenden Jahren gelebt und die Ankunft all dieser neuen Menschen, mit ihrer gänzlich anderen Lebensweise und anderem Aussehen, musste für sie ziemlich schockierend gewesen sein“.

„Zweitausend Jahre später waren sie bereits gut durchmischt“, ergänzt David Reich von der Harvard Medical School, der für die Leitung der Studie mitverantwortlich war: „Einige Populationen sind bis zu einem Viertel ihrer Abstammung Jäger und Sammler“. In anderen Gegenden Europas war die Vermischung durch ein Geschlecht geprägt, denn der Großteil der Jäger- und Sammlervorfahren waren Männer. Allerdings entspricht das nicht den Ergebnissen im Südosten. „So ist ersichtlich, dass sich die Beeinflussung der beiden Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Gegenden unterschiedlich gestaltete, etwas, das wir im Zusammenhang mit archäologischen Zeugnissen zu verstehen versuchen“, ergänzt Mathieson.

„Durch die neuen Genomdaten können wir uns ein deutlicheres Bild vom Anfang des Übergangs zur Landwirtschaft in Südosteuropa machen. Anscheinend kam es gleich bei der Ankunft der Bauern zum Kontakt zwischen den landwirtschaftlich tätigen Gruppen und den Jägern und Sammlern in der Region. Da es keine Hinweise auf Gewalt oder Kriegsführung gibt, nehmen wir an, dass der Kontakt zwischen Individuen dieser beiden Gesellschaftsformen friedlich verlaufen ist“, meint Ron Pinhasi, Anthropologe an der Universität Wien.

„Diese Ergebnisse beleuchten die Beziehung zwischen Migrationswellen, genetischer Vermischung sowie Subsistenzwirtschaft in dieser Schlüsselregion und zeigen, dass sich Individuen selbst bei den frühen europäischen Bauern in ihrer Abstammung unterschieden und damit das dynamische Mosaik der Kreuzungen von Jägern und Sammlern widerspiegeln“, so Ron Pinhasi, der für die Leitung der Studie mitverantwortlich war. So ergibt sich ein umfassendes Bild von Schlüsselperioden der Vergangenheit.

Weitere Infos zu der Studie gibt es hier.

Quelle:
Stephan Brodicky
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

In diesen Tagen startet ein von der Europäischen Union (EU) im Rahmen des Erasmus+ Programms mit rund 370.000 Euro gefördertes Kooperationsprojekt in der Archäologie.

Unter der Leitung des Instituts für Klassische Altertumskunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bringen die Universitäten in Kiel, Aarhus, Bergen, Paris, Birmingham und die Offene Universität der Niederlande gemeinsam die strategische Partnerschaft “Ancient Cities. Creating a Digital Learning Environment on Cultural Heritage“ (deutsch: „Städte des Altertums – Schaffung einer digitalen Lernumgebung zum kulturelle Erbe“) auf den Weg. Ziel des europaweiten Kooperationsprojekts ist es, am Beispiel der antiken Stadt kulturelles Erbe digital zu erschließen. Während der dreijährigen Laufzeit soll in dem internationalen Lehrprojekt ein innovatives, paneuropäisches digitales Lernmodul entwickelt werden: Zusammen mit Studierenden der Archäologie erstellen Forscherinnen und Forscher an den verschiedenen Hochschulstandorten einen sogenannten Massive Open Online Course (MOOC), also ein filmbasiertes und interaktives Lernformat, an dem Interessierte standortunabhängig über das Internet teilnehmen können. So wollen die Projektteilnehmenden anhand der Forschung zu verschiedenen antiken Stätten zentrale Inhalte der Klassischen Archäologie in einem zeitgemäßen Lehrformat aufbereiten. Vergangene Woche kamen die Projektverantwortlichen zu einem dreitägigen Auftakttreffen des europäischen Kooperationsprojekts an der Universität Kiel zusammen.

„Wir freuen uns, mit dieser strategischen Partnerschaft ein zukunftsweisendes und in der Archäologie einzigartiges Projekt gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern in Angriff nehmen zu können. Wir hoffen, damit die Didaktik der Altertumskunde ins 21. Jahrhundert zu überführen und die junge Generation für die Faszination der Antike zu gewinnen“, betont Stefan Feuser, Projektkoordinator und Professor auf Zeit für Klassische Archäologie an der CAU. Bereits im Laufe des kommenden Jahres werden erste digitale Lerninhalte entstehen, die die beteiligten Institutionen in das Curriculum ihrer jeweiligen Archäologie- und Altertumskunde-Studiengänge integrieren wollen. Neben dem sogenannten MOOC ist ein gemeinsamer projektbegleitender Internetauftritt geplant. Die sukzessiv entstehenden Lernmedien stehen zunächst den Studierenden der kooperierenden Universitäten zur Verfügung und werden in einem nächsten Schritt auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit erfüllen die Projektverantwortlichen unter dem Schlagwort „Open Science“ die Anforderungen an allgemein zugängliche und transparente Wissenschaft.

Mit diesem europaweit einzigartigen Projekt wollen die Partnerinstitutionen nicht nur ihr Fach in zeitgemäßer Form präsentieren, sondern vor allem ihre künftigen Absolventinnen und Absolventen in besonderer Weise für die moderne Arbeitswelt in Wissenschaft und Praxis qualifizieren. „Unsere Studierenden können in vielfältiger Weise vom Ancient-Cities-Projekt profitieren – sie erwerben neben dem archäologischen Fachwissen Qualifikationen in der Medienproduktion, verbessern ihre Sprachkenntnisse und lernen die internationale akademische Zusammenarbeit kennen. Wir hoffen, so den Grundstein für anschließende europaweite Forschungskooperationen in der klassischen Archäologie zu legen“, gibt sich Dr. Michael Blömer, Assistenzprofessor an der Universität Aarhus, optimistisch.

Über das EU-Förderprogramm:
Erasmus+ ist das Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union. In ihm werden die bisherigen EU-Programme für lebenslanges Lernen, Jugend und Sport sowie die europäischen Kooperationsprogramme im Hochschulbereich zusammengefasst. Erasmus+ ist mit einem Budget in Höhe von rund 14,8 Mrd. Euro ausgestattet. Mehr als vier Millionen Menschen werden bis 2020 von den EU-Mitteln profitieren. Das auf sieben Jahre ausgelegte Programm soll Kompetenzen und Beschäftigungsfähigkeit verbessern und die Modernisierung der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung und der Kinder- und Jugendhilfe voranbringen.

Weitere Infos zu dem Kooperationsprojekt gibt es hier.

Quelle:
Dr. Boris Pawlowski
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Nach dem Sensationsfund von Teilen der Kolossalstatue des berühmten Pharaos Psammetich I. (664 v. Chr. bis 610 v. Chr.) im März dieses Jahres in Kairo sind jetzt bei neuen Grabungen weitere archäologische bedeutende Funde freigelegt worden.

Ein ägyptisches-deutsches Team unter der Leitung von Dr. Dietrich Raue, Kustos des Ägyptischen Museums – Georg Steindorff – der Universität Leipzig und Dr. Aiman Ashmawy vom Ägyptisches Antikenministerium und in Zusammenarbeit mit Prof. Kai-Christian Bruhn von der Hochschule Mainz stieß in der letzten Phase seiner Grabungen Ende September auf dem Gelände des Tempels von Heliopolis auf weitere Fragmente der Psammetich-Statue. Entdeckt wurden unter anderem drei riesige, etwa zehn Zentimeter breite Zehen des Pharaos sowie ein wichtiger Teil des Rückenpfeilers mit dem Namen Psammetichs I. Für eine große Überraschung sorgte allerdings der Fund von Fragmenten einer Kolossalstatue von Ramses II. (1250 v. Chr.).

newsimage293368

Teil der Heilerstatue aus dem 4.Jh.v. Chr. 
Foto: Dr. Dietrich Raue/Universität Leipzig

Im März dieses Jahres war zunächst vermutet worden, dass es sich bei der tonnenschweren Statue um Ramses II. handelt, da diese auf dem Areal des früheren Tempels von Ramses II. entdeckt wurde. Schnell stellten die Experten damals jedoch klar, dass in einer Schlammgrube in zwei Metern Tiefe der Kopf mit Krone und der Torso von Psammetich I. gefunden wurden. „Die neuen Teile der Statue von Ramses II. sind aus Rosengranit und stammen aus der Zeit um 1250 vor Christus, sind also rund 600 Jahre älter als die Psammetich-Statue“, erklärt Raue, der von Ende August bis Anfang Oktober in Kairo war. Die jetzt neu entdeckten Teile befinden sich bereits nahe der Pyramiden von Gizeh, wo sie ab kommendem Jahr im Grand Egyptian Museum zu sehen sein werden.

Insgesamt stellte das Grabungsteam 1.920 Quarzit-Fragmente des Unterteils der Psammetich-Statue sicher, die zwischen 10 und 150 Zentimeter groß sind und nun zusammengesetzt werden müssen. Dazwischen fanden sie Teile der Ramses-Figur, unter anderem eine Basis, einen Unterschenkel und einen Oberarm des Pharaos. „Die Statue war ersten Schätzungen zufolge etwa sechs Meter hoch und wahrscheinlich sitzend“, sagt Raue. Mit Sicherheit könne er nun auch sagen, dass die riesige Quarzit-Figur Psammetichs gestanden habe und ohne Basis etwa neun Meter hoch war.

Zuvor hatten die Experten außerdem Reste eines riesigen Sphinx gefunden, unter anderem eine 32 Zentimeter breite Kralle. Ebenso wurden Reste eines etwa fünf bis sechs Meter hohen Falken entdeckt. Allein sein Auge ist 30 Zentimeter breit. Als „zusätzliche Überraschung“ bezeichnete Raue die Basalt-Fragmente einer sogenannten Heiler-Statue – eines Priesters aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Dies sei der jüngste Fund gewesen. „Das meiste haben wir bei unserem letzten Grabungsversuch am 28. September auf einem Areal von vier mal drei Metern gefunden“, berichtet der Ägyptologe. Der Mix aus verschiedenen Zeitaltern und Materialien auf kleinstem Raum sei entstanden, weil in der Vergangenheit immer wieder Steinräuber am Werk waren, die härtere Gesteinsteile der Statuen nicht für ihre Bauvorhaben verwenden konnten und daher auf dem Areal von Heliopolis zurückließen.

newsimage293369

Teile der gefundenen Zehen von Psammetich I.
Foto: Dr. Dietrich Raue/Universität Leipzig

Raue, der gemeinsam mit zwei Ägyptologie-Studenten der Universität Leipzig nach Kairo gereist war und vor Ort mit dem Ägyptologen Ashmawy eng zusammenarbeitete, wird die Grabungen im Februar 2018 fortsetzen und erwartet weitere interessante Funde. „Jetzt ist es eine Frage der Zeit. Wir müssen puzzeln“, sagt er. Die Vielfalt und die Ausmaße der ausgegrabenen Fragmente geben neue Möglichkeiten, die ursprüngliche Gestalt des Tempels zu rekonstruieren. Zugleich gab die Untersuchung der Statuenbasen vollkommen neue Einblicke zum Fortschritt der verwendeten Werkzeuge und Techniken.

Weitere Infos zu den Funden in Kairo gibt es hier.

Quelle:

Susann Huster
Stabsstelle Universitätskommunikation/Medienredaktion
Universität Leipzig

Universität Tübingen und Urgeschichtliches Museum Blaubeuren präsentieren 42.000 Jahre alten Schmuck aus Mammutelfenbein: Herstellung und Tragen waren wohl nur auf der Schwäbischen Alb Tradition.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Tübingen und des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) an der Universität Tübingen haben in den Weltkulturerbe-Höhlen des Achtals und Lonetals Perlen aus Mammutelfenbein gefunden, die in ihrer Machart bislang ausschließlich auf der Schwäbischen Alb vorkommen. Am Fundort Hohle Fels bei Schelklingen im Achtal wurden zudem Perlenformen ausgegraben, die gänzlich einmalig für diese Höhle zu sein scheinen.

newsimage290984

Die dreifach durchlochten Perlen aus Mammutelfenbein wurden bisher nur im Hohle Fels gefunden. Foto: Hildegard Jensen / Universität Tübingen

„Diese Schmuckstücke sind wichtig für die Entwicklung unserer Art: neben Kunst und Musikinstrumenten dokumentieren sie als symbolische Artefakte die frühesten Schmuckfunde in dreidimensionaler Formgebung aus Elfenbein.
Sie unterstreichen die gemeinsame Kultur und soziale Einheit der Menschen im Ach- und Lonetal, die neue Formen systematisch produziert haben – eventuell als Ausdruck einer Konkurrenz-Situation zum Neandertaler oder als Reaktion auf die radikalen Umweltveränderungen in dieser Zeit“, sagte Professor Nicholas Conard, wissenschaftlicher Direktor des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren. „Und wir können sogar Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Vorstellungen während dieser ersten Epoche der modernen Menschen in Europa ziehen.“

Die archäologischen Ausgrabungen im Hohle Fels bei Schelklingen liefern jährlich faszinierende Fundstücke aus der Jüngeren Altsteinzeit. Aus den Schichten des Aurignacien, die zwischen 42.000 und 34.000 Jahre alt sind, wurden im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Schmuckstücke ausgegraben.
So haben die Grabungsteams der Universität Tübingen in den Höhlen des Achtals wie auch des Lonetals über die Jahre hunderte von doppelt durchlochten Perlen aus Mammutelfenbein geborgen. Sie sind in der Mitte verdickt und zu den Enden beidseitig abgeflacht. Die Lochungen entstanden durch das Bohren mit einem feinen Feuersteingerät oder durch wiederholtes Einschneiden. Die Perlen liegen in allen Stadien des Herstellungsprozesses vor, vom Rohling bis zum getragenen Stück. In ihrer Herstellungsart kommen sie ausschließlich auf der Schwäbischen Alb vor. Zudem sind die Schmuckstücke aus den schwäbischen Höhlen der bislang älteste Nachweis für die komplexe Herstellung von Elfenbeinperlen weltweit. Noch spezieller sind dreifach durchlochte Perlen aus Mammutelfenbein aus der ältesten aurignacienzeitlichen Schichten des Hohle Fels im Achtal. Hier laufen die Enden mehr oder weniger spitz zu, die beiden äußeren Löcher werden meist durch Einkerbungen vom mittleren Teil der Perle abgesetzt. Die Einkerbungen entstanden durch mehrfaches Ansetzen und Schneiden des entsprechenden Steinwerkzeugs. Dieser Perlentyp ist nur vom Fundort Hohle Fels bekannt und besitzt derzeit keine Parallelen zu anderen Funden.

Dass auch die doppelt durchlochten Perlen nur aus Grabungen auf der Schwäbischen Alb bekannt sind, zeigt für die Wissenschaftler, dass sie Ausdruck einer Gruppenidentität waren. „Diese Form wurde nicht mit Menschen aus anderen Regionen geteilt, obwohl europaweit Kontakte bestanden; dieser Perlentyp war offensichtlich für die Gruppen im Ach- und Lonetal bestimmt“, sagt Dr. Sibylle Wolf, wissenschaftliche Koordinatorin und Mitarbeiterin des Senckenberg Centre HEP. Zudem träten die Perlen über einen Zeitraum von 6.000 Jahren auf: „Das bezeugt, dass es eine Tradition des Herstellens und Tragens dieser sehr speziellen Form gab.“

Weitere Infos zu den Perlenfunden gibt es hier.

Quelle:
Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Die Restaurierung des bedeutendsten vorchristlichen Sakralbaus Ostafrikas ist erfolgreich abgeschlossen.

„Großer Tempel“ wird das im 7. Jahrhundert  v. Chr. erbaute Heiligtum in dem kleinen Dorf Yeha im nördlichen Hochland Äthiopiens genannt. Von Einwanderern aus Saba im heutigen Jemen nach südarabischem Vorbild errichtet, ist der noch 14 m hoch erhaltene Tempel der bedeutendste vorchristliche Sakralbau Ostafrikas. Eine gewaltige Brandkatastrophe beschädigte den Bau bereits in der Antike, jahrzehntelang galt er als einsturzgefährdet.

Der Große Tempel von Yeha im modernen Klosterareal

Der Große Tempel von Yeha im modernen Klosterareal (DAI/Orient-Abteilung)

Um dieses kulturelle Erbe zu bewahren, führte die Außenstelle Sanaa der Orient-Abteilung des DAI gemeinsam mit der  äthiopischen Antikenbehörde neben der wissenschaftlichen Erforschung des Fundplatzes Yeha seit 2009 umfangreiche Restaurierungsarbeiten durch. Diese beinhalteten den Einbau eines Edelstahlgerüstes und die Konsolidierung des Mauerwerks. Das Projekt wird zudem mit Ausbildungskomponenten vor Ort ergänzt, Fachleute arbeiten dabei eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Der Schutz und die Pflege der kulturellen Identität bilden einen zentralen Schwerpunkt dieser Maßnahmen.

Der Abschluss der Restaurierungsarbeiten wurde mit einer feierlichen Eröffnung am 15. März begangen. Von nun an steht dieses touristische Highlight Äthiopiens sowohl einheimischen als auch internationalen Gästen als Besuchsziel wieder offen.

Der Große Tempel von Yeha war dem höchsten sabäischen Gott Almaqah geweiht. Auch heute noch ist der Sakralbau weithin sichtbar. Als Baumaterial verwendete man sorgfältig geglätteten schneeweißen Kalkstein, der aus den ca. 80 km östlich gelegenen Steinbrüchen um Wuqro mühsam herangeschafft werden musste. Das Heiligtum galt nicht nur als kultisches, sondern auch als machtpolitisches Statement des bereits im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. im äthiopischen Hochland entwickelten Gemeinwesens mit Namen Di´amat.
Der Große Tempel wurde durch ein gewaltiges Feuer vermutlich um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. schwer beschädigt, das große Teile in Mitleidenschaft zog. Der Einbau einer Kirche im 6. Jahrhundert schützte den Bau vor seiner völligen Zerstörung.

Rissschließung und Konsolidierung des Mauerwerks

Restaurierungsarbeiten am Tempel (DAI/Orient-Abteilung)

Das Projekt bildet ein herausragendes Beispiel für die gelungene äthiopisch-deutsche Kooperation auf dem Gebiet des Kulturerhalts und die nachhaltige touristische Erschließung dieser Region. Es besitzt zudem Pilotcharakter für weitere Kulturerhaltprojekte in dieser Region. Finanziell gefördert wurden die Arbeiten durch das DAI.

Weitere Infos zu dem Großen Tempel in Yeha gibt es hier.

Quelle:

Deutsches Archäologisches Institut
Pressestelle
Nicole Kehrer
Berlin

Das „Dach der Welt“ stellt mit seiner extremen Höhenlage große Herausforderungen an die menschliche Anpassungsfähigkeit. So war das Tibetische Hochplateau vermutlich eine der letzten Regionen dieser Erde, die der Mensch besiedelt hat. Nun haben Forscher Hand- und Fußabdrücke in ausgehärtetem Travertin erstmals sicher datiert. Zwischen 8.000 und 12.000 Jahren sind die im Stein hinterlassenen Spuren in Chusang alt, und damit der bisher älteste Nachweis für eine permanente menschliche Besiedelung Hochtibets.

newsimage283060 (1).jpg

Die im Travertin hinterlassenen Hand- und Fußabdrücke. (Mark Aldenderfer)

Es gibt bereits eine ältere Datierung derselben Abdrücke, in der ihr Alter auf etwa 20.000 Jahre geschätzt wird, eine Zeit, die genau in das Hochglazial fällt. Tibet war damals extrem trocken und kalt und eine Besiedelung sehr unwahrscheinlich. „Diese ursprüngliche Datierung galt daher in der Fachwelt als umstritten und gleichzeitig war es ein erster und wichtiger Versuch einer Altersbestimmung an einem methodisch sehr herausforderndem geologischen Material“, erklärt Michael Meyer vom Institut für Geologie an der Uni Innsbruck. Mit einem Bündel an Methoden gelang es ihm mit seinem Team nun erstmals, die Abdrücke gesichert zu datieren und aufzuzeigen, dass es sich dabei um eine frühe permanente Besiedelung des Hochplateaus handeln muss.

Chusang liegt im zentralen Teil des Hochplateaus, das im Süden durch den Hohen Himalaya begrenzt wird. Da Tibet von geologischen Brüchen durchzogen ist, treten an diesen Störungszonen häufig heiße Quellen auf, die Carbonat ausfällen. Meterdick wird das Seitental in Chusang von Heißwasserquellkalk, auch Travertin genannt, überzogen. In diesem, vor Jahrtausenden noch weichen Travertin-Schlamm, sind bis heute die Hand- und Fußabdrücke der frühen Tibeter sichtbar. „Man hat sehr selten solche Glücksfälle. Wir wussten, dass mit der Datierung der Schicht des Travertins auch das Alter der Abdrücke, die mit dem Stein ausgehärtet sind, bestimmbar ist“, so Meyer. Neben der gängigen Radio-Carbon Methode und der Datierung mit der Uran-Thorium Technik kam zusätzlich die Lumineszenz-Datierung zum Einsatz. „Bei dieser Technik wird direkt Sediment datiert und wir bestimmen, wie viel Lumineszenz oder in anderen Worten, wie viel Licht in einem Mineral gespeichert ist“, so Meyer. „Nach unseren Berechnungen und unter Einbezug der anderen Datierungsmethoden sind die Abdrücke zwischen 8.000 und 12.000 Jahre alt.

Auf 4.500 Metern Seehöhe liegt durchschnittlich das Hochplateau in Tibet, dessen Besiedlungsgeschichte im Fokus der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler steht. Manche Gegenden können jedoch auf noch einem wesentlich höheren Meeresniveau liegen. Zum Vergleich erwähnt Meyer den Mont Blanc, der mit 4.810 Metern mit der Höhe des Plateaus in Tibet vergleichbar ist. „Wir wissen heute relativ gut, wie sich unsere Vorfahren aus Afrika kommend über den Planeten verteilt haben. Dass Tibet einer der letzten Bereiche war der vom Menschen besiedelt wurde, ist gewiss. Allerdings mussten die Menschen damals beachtliche physiogeographische Barrieren überwinden und sich genetisch an die extreme Höhe anpassen, um permanent sesshaft werden zu können“, so Meyer. Ein weiterer Aspekt der Untersuchungen beschäftigte sich daher mit der Frage, ob es möglich gewesen wäre, das Gebiet von Chusang im Zuge saisonaler Jagdstreifzügen zu erreichen. Mit Hilfe von Migrations- und Reisekostenmodellierungen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass der Weg auf das Plateau nur für die Sommersaison zu weit und zu beschwerlich gewesen sein muss.

Das Leben auf dieser Höhe erfordert eine spezielle Anpassung der Menschen, die soweit geht, dass ein spezielles Gen zur Höhenanpassung nur bei Tibetern zu finden ist. Manche Theorien von Genetikern gehen sogar von der beginnenden Mutation dieses Gens vor etwa 30.000 Jahren aus. Laut Meyer kann es durchaus sein, dass der älteste Nachweis des prähistorischen Menschen auf dem Tibetischen Hochplateau noch nicht gefunden wurde. Bis dahin stellt jedoch die Altersbestimmung der Hand- und Fußabdrücke von Chusang einen Meilenstein bei der Erforschung der Besiedlungsgeschichte des „Dachs der Welt“ dar.

Zur wissenschaftlichen Publikation über die ältesten Spuren Tibets geht es hier.

Quelle:
Dr. Christian Flatz
Büro für Öffentlichkeitarbeit und Kulturservice
Universität Innsbruck

Auf nur 25 Seiten schuf Tacitus gegen Ende des 1. Jahrhunderts „Germania“ und damit auch das Volk der Germanen, das so gar nicht existierte.

In der Antike lebten auf diesem Territorium völlig unabhängig voneinander vielerlei Stämme. Warum zeichnete Tacitus das positive Bild eines unverdorbenen, kampfeslustigen Naturvolks? Wollte er damit den dekadenten Römern einen Spiegel vorhalten? Wollte er vor dem starken Gegner im fremden Norden warnen, gegen den die Römer nicht wieder zu Felde ziehen sollten? Mit diesem Thema beschäftigt sich der Frankfurter Altphilologe Prof. Dr. Thomas Paulsen in seinem Beitrag in der der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“.

Tacitus‘ „Germania“ ist in zwei Hauptteile gegliedert, innerhalb deren es keine systematischen Gliederungselemente gibt: Im ersten handelt Tacitus Sitten, Gebräuche und Charakterzüge der Germanen ab, im zweiten geht er im Westen beginnend die wichtigen germanischen Stämme mit ihren besonderen Eigenarten durch. Dazu Paulsen: „Es wird jedoch schnell deutlich, dass der römische Historiker die Germanen als im Wesentlichen einheitliches Volk sah, das sie, was man nicht stark genug betonen kann, in der Antike nie waren und als welche sie sich selbst auch nie bezeichneten.“ Denn die verschiedenen Stämme wie Bataver, Cherusker, Chatten, Markomannen, Sueben lebten unabhängig voneinander, schlossen zum Teil kurzlebige Bündnisse, bekriegten einander, waren nicht alle romfeindlich gesonnen und verfügten über keinerlei einheitliche Organisation.

Tacitus betrachtet Germanien als ein unwirtliches, raues und trostloses Land, „teils Schauder erregend durch seine Wälder, teils widerlich durch seine Sümpfe« und dazu feucht und windig“. Da die Germanen wenig Kontakt zu anderen Völker gehabt hätten, seien sie sich, so Tacitus, äußerlich sehr ähnlich: Sie hätten grimmig blickende blaue Augen, rötliche Haare und große Körper, die hervorragend geeignet für Sturmangriffe, aber wenig ausdauernd seien, empfindlich gegenüber Durst und Hitze, hingegen stark im Ertragen von Hunger und Kälte.

Tacitus zollte den Germanen großen Respekt – für ihre Kampfesstärke, aber auch für ihre Lebensführung frei von Verlockungen des Luxus. „Sicher wollte er damit auch auf die römische Dekadenz anspielen“, so Paulsen. Tacitus, der zum erweiterten Beraterkreis des Kaisers gehörte, könnte auch im Sinn gehabt haben, die römischen Eliten vor neuerlichen Auseinandersetzungen mit germanischen Stämmen zu warnen.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2016) kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de.

Quelle:
Ulrike Jaspers
Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wissenschaftler der Universität und der Hochschule Trier testen den originalgetreuen Nachbau eines römisches Lastschiffes

Römische Binnentransportschiffe wirken zwar weniger imposant als geruderte Kriegsschiffe, waren für die Infrastruktur und Logistik des Römischen Reiches aber von enormer Bedeutung. Die Lastschiffe, sogenannte Prahme, waren einfach und doch so funktionell konstruiert, dass sie quer durch Europa auf Flüssen und Seen zum Einsatz kamen. Bis heute dienen sie Schiffbauern als Vorbild. Umso mehr überrascht, dass die Nachwelt nur wenig über die Prahme weiß. Wissenschaftler der Universität und der Hochschule haben nun mit einem originalgetreuen Nachbau bei Messfahrten auf der Mosel Daten gesammelt.

newsimage280135

Treidelversuche auf der Mosel zwischen Trier und Konz (Hochschule Trier)

Viele Fragen zu den Prahmen sind nach wie vor offen: Wie wurden sie angetrieben? Welche Geschwindigkeiten erreichten sie? Wie viel Besatzung war erforderlich? Wie hoch waren die Ladekapazitäten? Auf welchen Gewässern konnten sie eingesetzt werden?

Zumindest in der letzten Frage sind der Althistoriker Christoph Schäfer und der Maschinenbauer Karl Hofmann von Kap-herr nach den Testfahrten einen bedeutenden Schritt weiter. Als erste Wissenschaftler haben sie einen Prahm unter Segel gesetzt. „Mit Blick auf die Konstruktion des Schiffes war eher davon auszugehen, dass man es nicht segeln kann. Umso mehr hat uns überrascht, dass der Prahm sogar erstaunlich gute Segeleigenschaften zeigte. Daraus lässt sich zuverlässig ableiten, dass die Römer diesen Schiffstyp nicht nur durch Treideln oder Staken angetrieben haben, sondern auch durch Segeln. So konnte Fracht über Hunderte von Kilometern transportiert werden“, nennt Christoph Schäfer einen außergewöhnlichen Befund.

Verblüffend waren zudem die Geschwindigkeiten, die der zehn Meter lange Prahm-Nachbau auf der Mosel erreichte. „5,7 Knoten bei halbem Wind sind ein sehr beachtlicher Wert“, erklärte Karl Hofmann von Kap-herr. Aufgabe von Studierenden des Maschinenbaus war es, zu klären, wie effektiv die drei Fortbewegungsarten Staken, Treideln und Segeln bei einem römischen Prahm eingesetzt werden konnten. Dafür haben sie Messeinrichtungen entwickelt, gefertigt und auf dem Schiff installiert. Das Instrumentarium ist so konzipiert, dass auch historisch unterschiedliche Rahmenbedingungen wie etwa die veränderte Fließgeschwindigkeit der Mosel ausgeklammert werden können. Besser als erwartet war nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch das Verhalten im Wasser. „Wir hatten vorsorglich Seitenschwimmer zur Stabilisierung des Bootes gebaut, die wir aber nach der ersten Versuchsfahrt wieder entfernen konnten, da keine Kentergefahr bestand“, berichtete Karl Hofmann von Kap-herr.

Die Messfahrten haben belegt, dass Prahme segeltüchtig waren und nicht nur von Treidlern an Land gezogen oder mit langen Bootsstangen angestoßen (gestakt) werden konnten. Die neuen Einblicke in Transportgeschwindigkeiten, Transportrhythmen und Frachtkapazitäten eröffnen den Historikern ein besseres Verständnis des Binnentransports, des Handels sowie der Versorgung von Truppen und Bevölkerung. Im weit ausgedehnten Römischen Reich war eine funktionierende und optimierte Transportlogistik unabdingbar.

Auch die Forschungen zur regionalen Geschichte und zur Baugeschichte profitieren von den Studien mit dem Prahm-Nachbau. Sie könnten beispielsweise neue Erklärungen liefern, wie es den Römern gelang, immerhin rund 18.000 Tonnen Material für den Bau der Römerbrücke in Trier – heute UNESCO-Welterbe – zu bewegen.

Weitere Infos zu der Prahm auf der Mosel gibt es hier.

Quelle:
Peter Kuntz
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Trier

Besuch der Sonderausstellung „NERO. Kaiser, Künstler und Tyrann“ und des Amphitheaters.

Vier Stunden Zugfahrt, zweimal Umsteigen, brüllende Sommerhitze, kaputte Klimaanlagen: Die Reise an diesem Wochenende fing für mich alles andere als entspannt an. Aber für einen Besuch der wunderschönen Stadt Trier würden sich die Strapazen bestimmt lohnen, dachte ich. Und so war es auch.

Trier hat an römischer Geschichte viel zu bieten: Bauten wie die Kaiserthermen, die Porta Nigra, das Amphitheater und die Konstantinsbasilika gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Weil ich mich derzeit besonders für das Phänomen der Gladiatur interessiere, steht das Amphitheater ganz oben auf meiner To-do-in-Trier-Liste.

Im Gegensatz zu den übrigen römischen Bauwerken Triers liegt das Amphitheater außerhalb der Altstadt und war Teil der römischen Stadtmauer. Zum reinen Vergnügen des Publikums flossen an diesem Ort  Unmengen von Blut – über Jahrhunderte hinweg.

Die Römer liebten es, sich zu amüsieren: Ihre Unterhaltungsindustrie umfasste unter anderem Wagenrennen, Tierhetzen, Theater, und natürlich die Gladiatorenkämpfe. Diese Spiele fanden an unterschiedlichen Schauplätzen statt. Für die Gladiatorenspiele  eignete sich kein Bauwerk mehr als das ellipsenförmige Amphitheater:  Alle Zuschauer hatten freien Blick auf die Arena, während die Gladiatoren genügend  Platz hatten, um im Kampf vor- und zurückweichen zu können. Weil im Laufe der Zeit Amphitheater im gesamten Römischen Reich wie Pilze aus der Erde schossen, entwickelten sie sich zum Markenzeichen des  „Römisch-Seins“. Selbst in Provinzen, die fernab der Heimat lagen, schafften die Römer es, auf den wenigen Quadratmetern der sandigen Arena ihren Herrschaftsanspruch und ihre Wertvorstellungen überzeugend zu inszenieren und  zur Schau zu stellen. Offenbar wollten auch die Bewohner Triers nicht auf die spannenden Kämpfe verzichten.

Da das Amphitheater ab dem Mittelalter konsequent als Steinbruch benutzt wurde, ist nur wenig von der originalen Bausubstanz übrig geblieben; vieles musste rekonstruiert werden. Erhalten ist beispielsweise der Keller unter der Arena, in dem Menschen und Tiere auf ihren Auftritt warten mussten.

Trier_Roman_amphitheatre_in_October_2011.JPG

Das Amphitheater in Trier (wikimedia commons/ Nick-D)

Ich habe das Amphitheater im Rahmen einer Erlebnisführung besucht. Ein Schauspieler schlüpft dabei in die Rolle eines Gladiators, der die Besucher, getrieben von seinen Erinnerungen, durch den Keller sowie über die Arena und die Tribünen führt. Obwohl ich grundsätzlich kein Fan solcher Touren bin, muss ich zugeben, dass dieses Schauspiel sehr packend war. Nach dem, was ich bisher an Literatur zu dem Thema der Gladiatur gelesen habe, erstaunte mich vor allem, dass die Schilderungen des „Gladiators“ auf mich gut recherchiert wirkten. Ich verließ das Amphitheater mit dem befriedigenden Gefühl, spannend unterhalten worden zu sein und gleichzeitig etwas gelernt zu haben.

Guter Kaiser – Schlechter Kaiser?   

In erster Linie war ich aber nach Trier gekommen, um mir die Sonderausstellung „NERO. Kaiser, Künstler und Tyrann“  anzuschauen. Sie läuft noch bis zum 16. Oktober und ist auf drei verschiedene Standorte in der Innenstadt verteilt. Weil ein Wochenende wie immer viel zu kurz ist und mich die Geschichte des Kaisers ganz besonders interessiert, beschränke ich mich auf einen Standort und besuche den Teil der Ausstellung, der im Rheinische Landesmuseum präsentiert wird. Auf einem chronologischen Rundgang wird hier der Werdegang Neros beleuchtet.

Nero gehört zu den berühmtesten römischen Kaisern. Selbst Menschen, die sich nicht mit der Antike beschäftigen, dürften seinen Namen kennen. Der Kaiser, der die Christen verfolgt und auf grausamste Weise hingerichtet hat. Nero, der sich den ganzen Tag nur selbst singen hören wollte. Nero, der in Saus und Braus lebte – natürlich auf Kosten seines Volkes. Das Bild des verrückten Tyrannen hat sich fest in der Nachwelt eingeprägt, nicht zuletzt dank antiker Autoren wie Tacitus, Sueton und Cassius Dio, die in ihren Schriften kein gutes Haar an ihm ausgelassen haben. Aber stimmt das alles wirklich?

NERO_RLMT__Ausst._Nero_2.jpg

Die Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ im Rheinischen Landesmuseum Trier (Copyright GDKE – Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer)/ http://www.nero-ausstellung.de

Dank wunderbarer Exponate, insgesamt 430, bekommt man in dieser Ausstellung tatsächlich das Gefühl, die Person hinter dem Kaiser kennenzulernen. Letztendlich war er wohl nicht besser und auch nicht schlimmer als manch anderer römischer Kaiser.  Die Aristokraten verachteten ihn, warfen ihm Schlemmerei und Verschwendung vor (Dinge, die man damals eigentlich jedem reichen Römer hätte vorwerfen können). Vor allem kritisierten sie ihn dafür, geltende Werte zu missachten und seine wahren Pflichten zu vernachlässigen. Beim Volk – vor allem im östlichen Reich – war er dagegen durchaus beliebt. Nero schien sich lieber mit Kultur als mit Politik zu beschäftigen. Seine Leidenschaft galt vor allem der Schauspielerei und der Musik – die blutigen Gladiatorenkämpfe bereiteten dem angeblich so sadistischen Herrscher übrigens von allen Formen der Unterhaltung am wenigsten Vergnügen. Von hell erleuchteten Räumen mit Themen wie die Kindheit Neros und den Anfängen seiner Herrschaft tritt der Besucher in finstere Säle, die sich mit ebenso dunklen Phasen seiner Regierungszeit beschäftigen, zum Beispiel mit dem großen Brand Roms. Hier wird aber auch das hervorragende Krisenmanagement Neros nach der Katastrophe thematisiert: Unter anderem erließ er Brandschutzmaßnahmen und strenge Bauverordnungen, um Bränden zukünftig besser vorbeugen zu können.

NERO_RLMT__Ausst._Nero_3.jpg

Die Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ im Rheinischen Landesmuseum Trier (Copyright – Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer)/ http://www.nero-ausstellung.de

Die Ausstellung will das Bild von Nero neu zeichnen und Aufschluss darüber geben, wer Nero in Wahrheit war. Ich finde, dieses Ziel ist rundum gelungen. Kaiser Nero scheint mir von nun an um einiges menschlicher.

 

Infos zu den Erlebnisführungen im Amphitheater gibt es hier.

Infos zur Ausstellung gibt es hier.