Archive für Beiträge mit Schlagwort: Eurasien

Der Europäische Forschungsrat fördert die Forschung zur Ausbreitung nomadischer Lebensformen in der Steppe.

Vor rund 5000 Jahren entstanden die ersten nomadischen Lebensformen in der eurasischen Steppe. Mit der neuen Ausrichtung der täglichen Ernährung auf Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde stellt dies einen einzigartigen Wendepunkt in der menschlichen Vorgeschichte dar. Die neue, nomadische Lebensform markiert eine drastische Veränderung gegenüber den sesshaften Agrargesellschaften, die bis zu diesem Zeitpunkt einen Großteil der alten Welt bevölkert hatten. In ihrem Projekt ASIAPAST wird Professorin Cheryl Makarewicz von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) die Entstehung, Verbreitung und Intensivierung des sogenannten mobilen Pastoralismus in der eurasischen Steppe untersuchen. Dabei geht sie der Frage nach, welche Auswirkungen diese neue Lebensform auf die Ernährung, die sozialen und die symbolischen Welten der Menschen hatte. Dafür erhält Makarewicz eine Förderung des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC), den ERC Consolidator Grant. Von 2.538 eingereichten Anträgen wurden 329 zur Förderung vorgeschlagen. Davon gingen 56 Grants nach Deutschland, einer davon an Professorin Cheryl Makarewicz. Sie erhält zwei Millionen Euro Förderung.

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt „Von der Herde zum Großreich: Biomolekulare und archäozoologische Untersuchungen des mobilen Pastoralismus in der frühgeschichtlichen eurasischen Steppe“ (kurz ASIAPAST), beginnt im Mai dieses Jahres. Gemeinsam mit ihrem Team wird Makarewicz zunächst menschliche und tierische Knochen und Zähne sowie Keramikscherben an verschiedenen Forschungsstätten in der Mongolei, in Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan sammeln. Diese Überreste der alten Kulturen enthalten ein wertvolles Archiv an biomolekularen Informationen, aus denen sich ablesen lässt, wovon sich die frühzeitlichen Nomaden ernährten, wie sie ihre Tiere betreuten und in welchem Radius sie sich bewegten. „Dies ist das erste interdisziplinäre Projekt, das die genauen Mechanismen in Bezug auf Lebensunterhalt und soziales Miteinander untersucht, welche den Übergang von der Jagdgesellschaft zum Hirtentum vor über 4500 Jahren in dieser riesigen Region der Welt vorantrieben. Wir beschäftigen uns hier mit fundamentalen Fragen, deren Beantwortung bisher noch nie versucht wurde“, so Makarewicz.

Mehr Infos zu dem Projekt von Professorin Cheryl Makarewicz gibt es hier.

Quelle:
Dr. Boris Pawlowski
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Advertisements

Mit der Region im Trans-Ural an der Grenze zwischen Europa und Asien beschäftigt sich das deutsch-russische Forscherteam um Prof. Dr. Rüdiger Krause. In dieser zunächst nahezu unbesiedelten Region erblühte zu Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. für mehr als zwei Jahrhunderte eine Kulturlandschaft, die ihresgleichen sucht. Wer waren ihre Bewohner und woher kamen sie? Wie kommt es zu den zahlreichen Innovationen? Die Forscher der Goethe-Universität sind angetreten, diese Rätsel in der Eurasischen Steppe zu lösen.

Über erste Ergebnisse berichten sie in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“. Sehr aufschlussreich sind die gefundenen Gräber mit ihren reichen Kupfer- und Bronzebeigaben. Zu den besonders aufregenden Funden gehören zweirädrige Streitwagen – die ältesten der Welt und eine echte Innovation!

3500 Kilometer von Frankfurt entfernt untersuchen die Archäologen der Goethe-Universität seit drei Jahren gemeinsam mit Forschern der Russischen Akademie der Wissenschaften Siedlungen an der topografischen Schnittstelle zwischen Ost und West in den Weiten der Eurasischen Steppe. Zu ihrem Team, das pro Jahr etwa zwei Monate in dieser archäologisch hoch interessanten Gegend verbringt, gehören auch Archäobotaniker, Bodenkundler und Vermessungsspezialisten. Nur mit speziellen geophysikalischen Methoden und Luftbildern lassen sich die Siedlungen ausfindig machen, Hinweise an der Oberfläche sind nur noch sehr vereinzelt zu finden. Diese 22 befestigten Siedlungen, die etwa von 2100 bis 1800 v. Chr. existiert haben, werden mit der Sintašta- oder Petrovka-Kultur, die noch keine Schrift kannte, in Verbindung gebracht. Sie befinden sich in einem Abstand von 25 bis 30 Kilometer auf einem ausgedehnten Areal (350 mal 250 Kilometer) zwischen den Flüssen Tobol und Ural.

Noch ist ungeklärt, ob die Siedlungen gleichzeitig bestanden und möglicherweise sogar eine wirtschaftspolitische Einheit bildeten. Traditionell zogen Menschen in jener Zeit als Nomaden mit ihren Herden durch die Landschaft; die Siedlungen könnten darauf hinweisen, dass Ackerbau und Getreideanbau zunehmend eine Rolle spielte. „Rückschlüsse auf einen hohen kulturellen Entwicklungsstand dieser vorgeschichtlichen Gesellschaft lassen auch die reichen Funde in den großen Kurganen, den Grabhügeln, zu“, so Privatdozent Dr. Jochen Fornasier, der gemeinsam mit Prof. Krause das deutsche Forschungsteam leitet. „Die Kupfer- und Bronzebeigaben bezeugen nicht nur hohe handwerkliche Fertigkeiten, die diese Menschen bereits vor 4000 Jahren beherrschten, sie weisen auch darauf hin, dass sie schon verschiedene Verfahren der Kupfermetallurgie und die erste Zinnbronze kannten.“ Die von den Menschen in dieser Region entwickelten neuen Verfahren, zu denen die Metallurgie mit komplexem Guss in zweischaligen Gussformen zählt, verbreiteten sich in der Zeit um 2000 v. Chr. vom Eurasischen Steppenraum in relativ kurzer Zeit in alle Richtungen: Durch die Weiten der Steppe gelangten die Neuerungen in der Pferdeschirrung nach Westen bis zur Unteren Donau, die leichten Streitwagen mit Speichenrädern bis nach Osten. So erreichte das Know-how der Kupfer- und Bronzemetallurgie im zweiten Jahrtausend v. Chr. Westchina, wo es aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Überrascht waren die Wissenschaftler von einem weiteren Befund in zahlreichen Gräbern herausgehobener Personen: zweirädrige Streitwagen – die ältesten der Welt. Neu waren zudem Formen der Pferdeschirrung, die eine verbesserte Führung der schnellen und wendigen Pferde in der Steppe zuließen: „Dies zeigt, in welchem Maße Innovation und prosperierendes Wachstum offenbar schon in der damaligen Zeit Hand in Hand gingen“, so Krause. Auch bei der Erforschung der Baumaterialien ist das deutsch-russische Forscherteam, dessen Arbeiten maßgeblich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden, einen wesentlichen Schritt weitergekommen: Die Befestigungsmauern, die die Siedlungen umgaben, entstanden in einer Holz-Erde-Bauweise. Dazu Krause: „Auf einem Fundament aus Rasensoden und Füllmaterial aus lokalem Naturstein diente ein Holzgerüst als Sicherung des Lehmaufbaus, der beim Austrocknen beinahe zementartigen Charakter erlangte. Insgesamt konnten die Mauern auf diese Weise eine Höhe von fünf bis sechs Metern erreichen.“ Die einzelnen Wohneinheiten, deren Anzahl je nach Siedlungsform und Siedlungsgröße schwankt und 20 bis 25 betragen kann, die sich um eine freie Fläche – vermutlich ein Versammlungsplatz – gruppierten, bestanden aus Lehm. „Beiderseits des Eingangs können wir in einigen Fällen kleinere Ofenkonstruktionen nachweisen, die an dieser Stelle höchstwahrscheinlich als eine Art Wärmebarriere fungiert haben“, erläutert Fornasier. Darüber hinaus verfügten die Häuser über Brunnenschächte zur Wasserversorgung, abgedichtet waren sie mit einem äußerst geschickt konstruierten Flechtwerk.

Wenn im Juli die nächste Forschungsreise in den Trans-Ural startet, dann werden sich die Frankfurter Wissenschaftler weiterhin besonders der Frage zuwenden, wie die Infrastruktur oder die wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlungen und ihre politische Organisation aussahen. Bis zum Ende der derzeitigen Förderphase durch die DFG im November 2013 hoffen sie, gemeinsam mit ihren russischen Freunden, mehr Details über das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt und die gesellschaftliche Entwicklung dieser bemerkenswerten Kulturlandschaft in Erfahrung bringen zu können.

Quelle:Ulrike Jaspers
Marketing und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der Goethe-Universität Frankfurt am Main.