Archive für Beiträge mit Schlagwort: Forschung

Der Europäische Forschungsrat fördert die Forschung zur Ausbreitung nomadischer Lebensformen in der Steppe.

Vor rund 5000 Jahren entstanden die ersten nomadischen Lebensformen in der eurasischen Steppe. Mit der neuen Ausrichtung der täglichen Ernährung auf Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde stellt dies einen einzigartigen Wendepunkt in der menschlichen Vorgeschichte dar. Die neue, nomadische Lebensform markiert eine drastische Veränderung gegenüber den sesshaften Agrargesellschaften, die bis zu diesem Zeitpunkt einen Großteil der alten Welt bevölkert hatten. In ihrem Projekt ASIAPAST wird Professorin Cheryl Makarewicz von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) die Entstehung, Verbreitung und Intensivierung des sogenannten mobilen Pastoralismus in der eurasischen Steppe untersuchen. Dabei geht sie der Frage nach, welche Auswirkungen diese neue Lebensform auf die Ernährung, die sozialen und die symbolischen Welten der Menschen hatte. Dafür erhält Makarewicz eine Förderung des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC), den ERC Consolidator Grant. Von 2.538 eingereichten Anträgen wurden 329 zur Förderung vorgeschlagen. Davon gingen 56 Grants nach Deutschland, einer davon an Professorin Cheryl Makarewicz. Sie erhält zwei Millionen Euro Förderung.

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt „Von der Herde zum Großreich: Biomolekulare und archäozoologische Untersuchungen des mobilen Pastoralismus in der frühgeschichtlichen eurasischen Steppe“ (kurz ASIAPAST), beginnt im Mai dieses Jahres. Gemeinsam mit ihrem Team wird Makarewicz zunächst menschliche und tierische Knochen und Zähne sowie Keramikscherben an verschiedenen Forschungsstätten in der Mongolei, in Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan sammeln. Diese Überreste der alten Kulturen enthalten ein wertvolles Archiv an biomolekularen Informationen, aus denen sich ablesen lässt, wovon sich die frühzeitlichen Nomaden ernährten, wie sie ihre Tiere betreuten und in welchem Radius sie sich bewegten. „Dies ist das erste interdisziplinäre Projekt, das die genauen Mechanismen in Bezug auf Lebensunterhalt und soziales Miteinander untersucht, welche den Übergang von der Jagdgesellschaft zum Hirtentum vor über 4500 Jahren in dieser riesigen Region der Welt vorantrieben. Wir beschäftigen uns hier mit fundamentalen Fragen, deren Beantwortung bisher noch nie versucht wurde“, so Makarewicz.

Mehr Infos zu dem Projekt von Professorin Cheryl Makarewicz gibt es hier.

Quelle:
Dr. Boris Pawlowski
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Advertisements

Bislang galten die vor über 5000 Jahren von der Botai-Kultur gehaltenen Pferde als Ursprung unserer heutigen, domestizierten Tiere und das Prezwalski-Pferd als die einzige Unterart des Wildpferdes, die in der Wildform bis heute überlebt hat. Eine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Analyse fossiler DNA der Botai-Pferde stellt nun beide Aussagen auf den Kopf.

newsimage298195 (1)

Die ersten domestizierten Pferde sind nicht die Vorfahren der modernen, sondern der Przewalski-Pferde.
Ludovic Orlando

Botai-Pferde sind nicht die Vorfahren der modernen, domestizierten Pferde, sondern der Prezwalski-Pferde. Diese sind laut der Ergebnisse auch die einzigen Nachfahren der ersten vom Menschen domestizierten Pferde. Damit muss auch für die Erforschung der Herkunft moderner Pferde ein neuer Ansatz gefunden werden.

Die Domestikation, sprich die Nutzbarmachung und Haltung der Pferde war ein Schlüsselmoment in der menschlichen Geschichte. Sie brachte die für die Expansion des Menschen notwendige Mobilität. Das Wissen über die Frühphase der Pferde-Domestikation basiert auf archäologischen Funden in Zentralasien. Diese datieren etwa 5500 Jahre zurück und zeigen eindeutig, dass die Menschen der sogenannten Botai-Kultur Pferde als Reit- und Lastentiere sowie Nahrungsressource hielten.
Die Botai-Pferde galten in Fachkreisen bislang nicht alleine als erste, sondern als der Ursprung aller bis heute domestizierten Pferde. Eine internationale Forschungsgemeinschaft, zu der auch Barbara Wallner und Gottfired Brem vom Institut für Tierzucht und Genetik der Vetmeduni Vienna zählten, überprüfte diese Annahme nun mittels Genomsequenzierung fossiler DNA-Proben und kam zu einem unerwarteten, aber sensationellen Ergebnis. Statt neuer Erkenntnisse oder der Bestätigung dieser Theorie muss sich nun nicht nur die wissenschaftliche Sichtweise in diesem Punkt, sondern auch bei dem als letzten Wildpferd bekannten Przewalski-Pferd grundlegend ändern.

„Man wird im Genom moderner Pferde keine Hinweise auf den Verlauf der Domestikation finden, da sich das Erbgut durch unterschiedliche Zuchtstrategien zu stark verändert hat“, erklärt Studienleiter Ludovic Orlando. Rückschlüsse müssen daher aus den DNA-Spuren fossiler Pferdefunde gezogen werden. Die Sequenzierung dieser Spuren kommt einer genetischen Zeitreise gleich um die biologischen Veränderungen, die die Domestikation verursacht hat, vom Startpunkt weg zu verstehen. Da bei den Botai-Pferden der Ursprung der Domestikation gesehen wird, war es naheliegend ihre Genomsequenz für diese Fragestellung zu charakterisieren.
Wären die Ergebnisse dieser Zeitreise schon an sich eine wertvolle und spektakuläre Erkenntnis, so war das letztendliche Resultat eine wissenschaftliche Sensation. Entgegen aller bisherigen Modelle und Theorien, zeigte die Sequenzierergebnisse, dass die Pferde der Botai-Kultur nicht die „Ahntiere“ der modernen domestizierten Pferde sind. Dafür sind sie die Vorfahren der letzten, lebenden Wildpferdeart der Erde, der Przewalski Pferde. Das Ergebnis stellt somit alle Annahmen rund um die Domestikation und des Pferdes auf den Kopf.

„Laut unseren Ergebnissen scheinen die Przewalski Pferde wilde Abkömmlinge der ersten domestizierten Pferde zu sein. Das stellt natürlich ihre bisherige Bezeichnung als die letzten lebenden Wildpferde in Frage. Die Tiere müssen stattdessen dem Druck der Menschen entkommen und über die Jahrtausende verwildert sein“, so Orlando. Auf die Schutzmaßnahmen für diese Tiere sollte sich das jedoch nicht auswirken. „Bislang haben wir sie als die letzten Wildpferde der Erde geschützt. Nun gilt es, sie als die nahesten Verwandten der ersten, domestizierten Pferde zu schützen“, sagt Orlando.
Dass die Botai-Pferde auch die Vorfahren der heutigen domestizierten Pferde sein könnten, ist laut den Sequenzierdaten und Analysen des Forschungsteams unmöglich. Keine einzige der Eurasischen Pferderassen der letzten vier- oder fünftausend Jahre ist mit den Botaipferden nahe verwandt. Muster in der mitochondrialen DNA der Pferdeproben lassen jedoch darauf schließen, dass es vor 4000 Jahren zu einer Expansion der Pferdepopulationen kam. Damit könnten die Menschen damals auf andere Pferdtypen gestoßen sein, die vielleicht besser geeignet waren, um sie für ihren Nutzen weiter zu entwickeln.

Für die Forschenden stellt sich dadurch die Frage, ob man bei der Suche nach den ersten Vorfahren der heutigen Pferde nicht auf einen Gebietswechsel setzen sollte. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die Domestikationsfrage mit den archäologischen Funden im Zentralasiatischen nicht gelöst werden konnte. Daher richtet das Team nun sein Augenmerk auf andere, geeignete Orte, auch im Eurasischen und Zentraleuropäischen Raum, an denen sich vor etwa 3000 Jahren der Mensch im größeren Rahmen ausgebreitet hat. Erste weiterführende Sequenzierungen des Erbgutes des in der menschlichen Expansion möglicherweise bevorzugten Pferdetyps stammen dazu aus Ungarn und Rumänien. Das nun veröffentlichte Ergebnis der Analyse fossiler DNA-Spuren unterstreicht wiederum, wie man mit fossilen Daten wichtige evolutionäre Fragen beantworten kann.

Mehr Infos zu den neuen Ergebnissen über die Przewalski Pferde gibt es hier.

Quelle:
Mag.rer.nat. Georg Mair
Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien

ForscherInnen von über 80 verschiedenen Institutionen unter der Federführung von Ian Mathieson (University of Pennsylvania), David Reich (Harvard Medical School) und Ron Pinhasi von der Universität Wien haben in einer neuen Studie die Genomgeschichte in Südosteuropa untersucht. Diese Region ist bisher kaum erforscht, was die Erbinformation von menschlichen Skeletten betrifft. Sie fanden heraus, wie es um die gegenseitige Beeinflussung und Vermischung der ansässigen Bevölkerung mit den neu eintreffenden Völkern aus Anatolien bestellt ist. Die Untersuchung erscheint aktuell in Nature.

Vor ungefähr 8500 Jahren breitete sich die Landwirtschaft begleitet von einer Völkerbewegung aus Anatolien vom Südosten ausgehend nach Europa aus. Ein internationales Forschungsteam analysierte nun 225 Genomdaten von historischen Völkern, die vor oder nach diesem Wandel gelebt hatten.
Die Einflüsse und Vermischung dieser beiden Bevölkerungsgruppen gestalteten sich komplex. „An einigen Orten vermischten sich die Jäger und Sammler sehr rasch mit den einwandernden Bauern“, erklärt Erstautor Iain Mathieson, Genetiker an der University of Pennsylvania, „dennoch blieben die beiden Bevölkerungsgruppen größtenteils isoliert, zumindest für die ersten paar hundert Jahre. Die Jäger und Sammler hatten dort seit tausenden Jahren gelebt und die Ankunft all dieser neuen Menschen, mit ihrer gänzlich anderen Lebensweise und anderem Aussehen, musste für sie ziemlich schockierend gewesen sein“.

„Zweitausend Jahre später waren sie bereits gut durchmischt“, ergänzt David Reich von der Harvard Medical School, der für die Leitung der Studie mitverantwortlich war: „Einige Populationen sind bis zu einem Viertel ihrer Abstammung Jäger und Sammler“. In anderen Gegenden Europas war die Vermischung durch ein Geschlecht geprägt, denn der Großteil der Jäger- und Sammlervorfahren waren Männer. Allerdings entspricht das nicht den Ergebnissen im Südosten. „So ist ersichtlich, dass sich die Beeinflussung der beiden Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Gegenden unterschiedlich gestaltete, etwas, das wir im Zusammenhang mit archäologischen Zeugnissen zu verstehen versuchen“, ergänzt Mathieson.

„Durch die neuen Genomdaten können wir uns ein deutlicheres Bild vom Anfang des Übergangs zur Landwirtschaft in Südosteuropa machen. Anscheinend kam es gleich bei der Ankunft der Bauern zum Kontakt zwischen den landwirtschaftlich tätigen Gruppen und den Jägern und Sammlern in der Region. Da es keine Hinweise auf Gewalt oder Kriegsführung gibt, nehmen wir an, dass der Kontakt zwischen Individuen dieser beiden Gesellschaftsformen friedlich verlaufen ist“, meint Ron Pinhasi, Anthropologe an der Universität Wien.

„Diese Ergebnisse beleuchten die Beziehung zwischen Migrationswellen, genetischer Vermischung sowie Subsistenzwirtschaft in dieser Schlüsselregion und zeigen, dass sich Individuen selbst bei den frühen europäischen Bauern in ihrer Abstammung unterschieden und damit das dynamische Mosaik der Kreuzungen von Jägern und Sammlern widerspiegeln“, so Ron Pinhasi, der für die Leitung der Studie mitverantwortlich war. So ergibt sich ein umfassendes Bild von Schlüsselperioden der Vergangenheit.

Weitere Infos zu der Studie gibt es hier.

Quelle:
Stephan Brodicky
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

Fingerspuren auf Öllampen und Terrakotten zeigten Forschern nun erstmals, wie Töpfer in einer spätantiken Keramikwerkstatt vor rund 1700 Jahren gearbeitet haben.

Prof. Dr. Achim Lichtenberger von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster untersuchte dazu gemeinsam mit der forensischen Anthropologin Prof. Kimberlee S. Moran von der Rutgers University-Camden (USA) Fingerabdrücke auf tönernen Werkstoffabfällen. Die Studie ist in dem Fachmagazin „Antiquity“ erschienen.

newsimage297820

Auf der Innenseite der tönernen Öllampen sind die Fingerabdrücke deutlich zu erkennen.
(Foto: Kimberlee S. Moran)

Die Töpfer pressten für die Fertigung der keramischen Produkte Ton in Formen, wobei immer wieder plastische Fingerabdrücke im Ton erhalten blieben. Achim Lichtenberger und seine Kollegin erkannten identische Abdrücke auf unterschiedlichen Objekten und fanden so heraus, dass eine Person sowohl Öllampen als auch figürliche Terrakottastatuetten fertigte – bisher ließ sich das in dieser Eindeutigkeit nicht nachweisen. Die Fingerspuren waren zudem oft an einer spezifischen Stelle der Lampe oder der Terrakotte zu finden und veranschaulichen so die Handbewegungen des Handwerkers. „Er verteilte Ton offensichtlich immer auf dieselbe Weise in die Form. Man erkennt daran, dass der Handwerker sehr routiniert arbeitete“, erklärt Achim Lichtenberger. Einer der Arbeiter entwickelte offensichtlich sogar einen neuen Öllampen-Typus mit einem charakteristischen Dekor, indem er zwei bestehende Typen vereinte. „Dieser Typus ist sehr selten. Es gibt nur ein bekanntes Exemplar dieser Art“, sagt der münstersche Archäologe. „Die Arbeit zeigt den Versuch, Formen weiterzuentwickeln – und das endete manchmal auch in einer Sackgasse.“

Die beiden Wissenschaftler widmeten sich rund 700 Objekten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zwei Zisternen gefunden worden waren. Das Material stammte aus einer Werkstatt, die vermutlich um 300 nach Christus in Betrieb war. Das Besondere an der Studie war zum einen die einzigartige Chance, Gegenstände zu untersuchen, die in einem engen Zeitraum von einer überschaubaren Zahl von Arbeitern gefertigt wurden. Zum anderen ermöglichte die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Forensik eine umfangreiche Untersuchung. Während Achim Lichtenberger die Fragmente klassifizierte und interpretierte, analysierte und fotografierte seine Kollegin aus der Forensik die Objekte mit Streiflicht und bestimmte das charakteristische Profil der Fingerabdrücke, die während des Brennens auf der Tonoberfläche konserviert worden waren.

In einer zweiten Untersuchungsstufe soll ab Frühjahr eine Spezial-Software zum Einsatz kommen, um die Fingerspuren zusätzlich EDV-gestützt zu analysieren.

Weitere Infos zu den Fingerabdrücken auf spätrömischer Keramik gibt es hier.

Quelle:
Jana Schiller
Presse- und Informationsstelle
Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Gerda Henkel Stiftung hat im Förderschwerpunkt »Patrimonies« dem Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts und der HimalAsia-Stiftung ein dreijähriges Kooperationsprojekt zur Baudokumentation und Instandsetzung von drei Palästen des ehemaligen Königreiches Mustang in Nepal bewilligt.

Im Himalaya im ehemaligen Königreich Mustang, das bis vor kurzem kaum touristisch erschlossen war, haben sich fünf Paläste der einstigen Könige von Mustang erhalten, die ein wichtiges und bedeutendes kulturelles Erbe dieser tibetisch beeinflussten Region darstellen. Die Palastanlagen weisen aufgrund von Vernachlässigung und vor allem der Folgen der schweren Erdbeben 2015 erhebliche Schäden auf und müssen dringend gesichert und instand gesetzt werden.

Dhagmar. Palastanlage

Dhagmar. Palastanlage. Autor: U. Wulf-Rheidt

Geplant sind eine erstmalige bauforscherische Dokumentation der Paläste unter Leitung von Ulrike Wulf-Rheidt vom Architekturreferat der Zentrale des DAI sowie eine Instandsetzung von drei besonders gefährdeten Palästen, dem Palast in Gemi, Dhagmar und Thingkar, unter Leitung von Susanne von der Heide von der HimalAsia-Stiftung in Kathmandu/Nepal. Die Arbeiten finden in enger Abstimmung mit dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes statt.
Ziel des Projektes ist es vor allem, in Nepal Kompetenz sowohl in der Baudokumentation als auch der sensiblen, dem kulturellen Erbe angemessenen Instandsetzung gefährdeter Bausubtanz mit traditionellen Baumethoden zu entwickeln und aufzubauen. Ergebnis soll ebenso eine erstmalige Erforschung der Entwicklung dieser Palastanlagen sein. Sie soll ferner eine dendrochronologische Untersuchungen durch das Referat Naturwissenschaften der Zentrale des DAI umfassen, um zu einer bislang fehlenden verlässlichen Datierung der Anlagen und ihrer Umbauten zu gelangen.

Thingkar, Sommerpalast. Blick in den Haupthof

Thingkar, Sommerpalast. Blick in den Haupthof. Autor: U. Wulf-Rheidt

Mustang war bis 1950 ein unabhängiges Königreich, das im Jahr 1440 durch seinen ersten Herrscher König Amepal (1388-1440) etabliert wurde. Durch Sprache und Kultur war das Königreich zu allen Zeiten eng an Tibet gebunden. Entlang des Flusses Kali Gandaki führte die alte Salzstraße West-Nepals über Mustang nach Tibet. Nach der Besetzung Tibets durch China und dem Zusammenbruch der Handelsrouten büßte das Land seine Unabhängigkeit ein und ist seitdem als nördlicher Teil des Distriktes Mustang in die Verwaltungsstruktur Nepals eingegliedert. Die Monarchie lebte aber bis Sommer 2008 als Königreich von Lo fort und der Nachfolger des letzten Königs Jigmed Palbar Bista, der Raja oder Gyalpo von Mustang, genießt heute noch in der Region hohes Ansehen.
Da das Königreich bis 1992 kaum bzw. nur sehr schwer zugänglich war und der touristische Zustrom immer noch stark reguliert wird, haben sich hier auf einer Höhe von 2500 bis 5000 m ü. NN die mittelalterliche Kultur und Bautradition ohne größeren modernen Einfluss sehr gut erhalten. Daher hat die UNESCO-Nepal-Kommission die Region Nord-Mustang als buddhistisch geprägte Kulturlandschaft von besonderer Bedeutung zur Aufnahme in die Welterbeliste vorgeschlagen. Schon im Jahr 2008 ist die Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Mustang, Lo Manthang,  auf die sogenannte tentative UNESCO-Welterbeliste Liste eingeschrieben worden.

Für die Architektur der Region stellen neben den Tempeln und Klöstern vor allem die Paläste (Darbar) der Könige von Mustang eine wichtige Baugruppe dar. Sie spiegeln, wie die Klosteranlagen, die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit der Region im 15. und 16. Jahrhundert wider. Die Palastanlagen stellen eindrucksvolle Beispiele für die Bauweise im 15. Jahrhundert in Mustang dar und sind darüber hinaus Symbole für die tibetisch geprägte Kultur der Lopa, der einheimischen Bevölkerung.
Sie sind alle in der für die Region typischen rammed earth technique, einer Lehmbauweise, errichtet. Trotz ihrer bauhistorischen und kunsthistorischen Bedeutung sind alle Paläste unzureichend dokumentiert und erforscht.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

 

In diesen Tagen startet ein von der Europäischen Union (EU) im Rahmen des Erasmus+ Programms mit rund 370.000 Euro gefördertes Kooperationsprojekt in der Archäologie.

Unter der Leitung des Instituts für Klassische Altertumskunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bringen die Universitäten in Kiel, Aarhus, Bergen, Paris, Birmingham und die Offene Universität der Niederlande gemeinsam die strategische Partnerschaft “Ancient Cities. Creating a Digital Learning Environment on Cultural Heritage“ (deutsch: „Städte des Altertums – Schaffung einer digitalen Lernumgebung zum kulturelle Erbe“) auf den Weg. Ziel des europaweiten Kooperationsprojekts ist es, am Beispiel der antiken Stadt kulturelles Erbe digital zu erschließen. Während der dreijährigen Laufzeit soll in dem internationalen Lehrprojekt ein innovatives, paneuropäisches digitales Lernmodul entwickelt werden: Zusammen mit Studierenden der Archäologie erstellen Forscherinnen und Forscher an den verschiedenen Hochschulstandorten einen sogenannten Massive Open Online Course (MOOC), also ein filmbasiertes und interaktives Lernformat, an dem Interessierte standortunabhängig über das Internet teilnehmen können. So wollen die Projektteilnehmenden anhand der Forschung zu verschiedenen antiken Stätten zentrale Inhalte der Klassischen Archäologie in einem zeitgemäßen Lehrformat aufbereiten. Vergangene Woche kamen die Projektverantwortlichen zu einem dreitägigen Auftakttreffen des europäischen Kooperationsprojekts an der Universität Kiel zusammen.

„Wir freuen uns, mit dieser strategischen Partnerschaft ein zukunftsweisendes und in der Archäologie einzigartiges Projekt gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern in Angriff nehmen zu können. Wir hoffen, damit die Didaktik der Altertumskunde ins 21. Jahrhundert zu überführen und die junge Generation für die Faszination der Antike zu gewinnen“, betont Stefan Feuser, Projektkoordinator und Professor auf Zeit für Klassische Archäologie an der CAU. Bereits im Laufe des kommenden Jahres werden erste digitale Lerninhalte entstehen, die die beteiligten Institutionen in das Curriculum ihrer jeweiligen Archäologie- und Altertumskunde-Studiengänge integrieren wollen. Neben dem sogenannten MOOC ist ein gemeinsamer projektbegleitender Internetauftritt geplant. Die sukzessiv entstehenden Lernmedien stehen zunächst den Studierenden der kooperierenden Universitäten zur Verfügung und werden in einem nächsten Schritt auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit erfüllen die Projektverantwortlichen unter dem Schlagwort „Open Science“ die Anforderungen an allgemein zugängliche und transparente Wissenschaft.

Mit diesem europaweit einzigartigen Projekt wollen die Partnerinstitutionen nicht nur ihr Fach in zeitgemäßer Form präsentieren, sondern vor allem ihre künftigen Absolventinnen und Absolventen in besonderer Weise für die moderne Arbeitswelt in Wissenschaft und Praxis qualifizieren. „Unsere Studierenden können in vielfältiger Weise vom Ancient-Cities-Projekt profitieren – sie erwerben neben dem archäologischen Fachwissen Qualifikationen in der Medienproduktion, verbessern ihre Sprachkenntnisse und lernen die internationale akademische Zusammenarbeit kennen. Wir hoffen, so den Grundstein für anschließende europaweite Forschungskooperationen in der klassischen Archäologie zu legen“, gibt sich Dr. Michael Blömer, Assistenzprofessor an der Universität Aarhus, optimistisch.

Über das EU-Förderprogramm:
Erasmus+ ist das Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union. In ihm werden die bisherigen EU-Programme für lebenslanges Lernen, Jugend und Sport sowie die europäischen Kooperationsprogramme im Hochschulbereich zusammengefasst. Erasmus+ ist mit einem Budget in Höhe von rund 14,8 Mrd. Euro ausgestattet. Mehr als vier Millionen Menschen werden bis 2020 von den EU-Mitteln profitieren. Das auf sieben Jahre ausgelegte Programm soll Kompetenzen und Beschäftigungsfähigkeit verbessern und die Modernisierung der Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung und der Kinder- und Jugendhilfe voranbringen.

Weitere Infos zu dem Kooperationsprojekt gibt es hier.

Quelle:
Dr. Boris Pawlowski
Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

In einem Modellprojekt soll das über 23 Meter lange und gut 2.500 Jahre alte Schriftstück der „lah-tes-nacht“ nachhaltig vor dem Zerfall gesichert werden. 

Die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) unterstützt in der Modellprojektförderung 2017 den Erhalt des altägyptischen Totenbuchs der „lah-tes-nacht“ (Papyrus Coloniensis 10207). Der einzigartige Papyrus befindet sich im Besitz der Abteilung Ägyptologie der Universität zu Köln und ist mit einer Länge von 23,5 Metern der längste altägyptische Papyrus in Deutschland. Die Förderung in Höhe von über 64.000 Euro soll es ermöglichen, eine neue modellhafte Lagerungstechnik für den wertvollen Riesenpapyrus zu entwickeln.
„Auch wenn der Papyrus uns bereits so viele Jahrhunderte mehr oder weniger erhalten geblieben ist, ist sein aktueller Zustand kritisch“, sagt Professor Dr. Richard Bußmann, Ägyptologe von der Universität zu Köln und Antragsteller des Projekts. „Wir freuen uns, dass wir mit dem bewilligten Projekt eine neue Konservierungsmethode erstmals in so großem Maßstab werden anwenden können.“
In den 1970er Jahren hatte man die gigantische Schriftrolle in insgesamt 36 Blätter zerschnitten und diese mit Tesa-Filmstreifen auf Glasplatten geklebt. Stellenweise ungeschützt und im Kontakt mit der Luft wurde das Naturmaterial jedoch mürbe – es bröselt. „Unser Ziel ist es, das Kulturgut klimastabil und damit nachhaltig lagern zu können. Dazu arbeiten wir mit Professor Dr. Robert Fuchs von der Technischen Hochschule Köln zusammen. Sein Team restauriert die Papyrusteile, untersucht sie naturwissenschaftlich und baut neuartige Rahmen“, erklärt Bußmann.
Die Papyrusfragmente werden auf farblich passendes Japanpapier aufgebracht, kommen dann auf gepufften Karton, auf eine Honigwaben-platte und auf einen archivbeständigen Museumskarton. Durch dieses Schichtwerk in Kombination mit einem innovativen Rahmenkonstrukt und UV-protektierenden Glasplatten wären die Papyri ideal geschützt. Die Ausstellung, der Transport und die Lagerung der Schriftstücke sind dank dieser Maßnahmen problemlos möglich und machen das wissenschaftlich gefragte Untersuchungsobjekt mobiler. Auf diese Weise ist der Papyrus für Forschung, Studierende und Öffentlichkeit besser zugänglich.

In dem Totenbuch aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., das einer Ägypterin namens lah-tes-nacht gehörte, findet sich eine Sammlung von Totensprüchen. Der Papyrus ist ein herausragendes Beispiel für die Kanonisierung des Jenseitswissens in dieser Epoche. Zugleich liefert er Aufschluss über die altägyptische Schreibpraktik und die Integration von textlichen und bildlichen Elementen in der Weitergabe von wichtigem kulturellem Wissen aus der Spätzeit der pharaonischen Kultur.

Mehr Infos zum längsten Papyrus auf der Seite der Universität zu Köln.

Quelle:
Gabriele Meseg-Rutzen
Presse und Kommunikation
Universität zu Köln

Anthropologen des Deutschen Archäologischen Instituts entdecken rituelle Ritzungen an 11.000 Jahre alten menschlichen Schädeln.

Die Deutung des steinzeitlichen Kultplatzes Göbekli Tepe in der Südost-Türkei beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Die monumentalen Anlagen mit ihren großartigen Tierornamenten weisen auch Darstellungen geköpfter Menschen auf, die auf eine Nutzung des Platzes im Rahmen von rituellen Handlungen deuten. Fragmente menschlicher Schädel, die im Bereich der Anlagen gefunden wurden, geben erste Hinweise auf einen neuartigen Totenkult.

Göbekli Tepe Südost-Senke

Göbekli Tepe Südost-Senke (Copyright DAI)

Vollständige Bestattungen fehlen bisher in Göbekli Tepe, allerdings konnten aus dem Füllmaterial, das sich in den großen Steinkreisen befand, etwa 700 menschliche Knochenfragmente geborgen werden. Abgesehen von anderen interessanten Veränderungen an den Knochen, wurden Schädelfragmente gefunden, die eine auffällige Besonderheit aufwiesen: Bei drei erwachsenen Individuen ziehen tiefe Ritzungen mittig über den Schädel. Die tiefen Kerben wurden grob mit Feuerstein geschnitten und sind vor allem an den prominenten Stellen der Schädel zu finden. Eine weitere Besonderheit ist ein gebohrtes Loch an der höchsten Stelle des besterhaltenen Schädels. Mikroskopische Untersuchungen belegen, dass alle Veränderungen nach dem Tod der Menschen durchgeführt wurden.

Was taten die Menschen vor 11.000 Jahren in den Steinkreisen zwischen den riesigen T-Pfeilern in Göbekli Tepe? Warum ritzten sie mit Feuerstein tiefe Spuren in die Schädel ihrer Vorfahren oder Feinde?

Der menschliche Schädel übt seit dem Paläolithikum bis heute eine besondere Faszination auf den Menschen aus. In vielen Gesellschaften werden die Schädel der Vorfahren oder der Feinde an einem besonderen Platz aufbewahrt oder ausgestellt. Zu diesem Zweck werden sie häufig aufwendig geschmückt. Die Schädel repräsentieren die Ahnen mit ihren beschützenden Eigenschaften oder aber auch die bösen Mächte der Feinde.
Im Neolithikum des Vorderen Orients spielte der Schädelkult eine wichtige Rolle. Auf verschiedenen Fundplätzen wurde bei vielen Bestattungen nachträglich der Schädel entfernt und an einem anderen Platz aufbewahrt. Schädel wurden häufig dekoriert, entweder durch Bemalung oder durch Nachbildung eines Gesichts aus Gips, der auf den Knochen aufgetragen wurde, wobei Muscheln die Augen bildeten.

Fragmente menschlicher Schädel mit Ritzungen

Fragment eines Schädels mit Ritzungen (J. Gresky/ Copyright DAI Zentrale)

Obwohl die Schädel von Göbekli Tepe nur stark fragmentarisch erhalten sind, lässt sich der Verlauf der Ritzungen rekonstruieren. Möglicherweise hatten sie eine praktische Funktion und dienten einer Schnur als Unterlage, mit der der Unterkiefer am Schädel befestigt wurde. Das Loch könnte eine Vorrichtung zum Aufhängen des Schädels gewesen sein. Abgesehen von dieser rein praktischen Interpretation ist auch eine Deutung der Ritzungen als aktiver Prozess der Stigmatisierung bestimmter Individuen möglich.

Auf die Wahrscheinlichkeit einer kultischen Bedeutung weist die Einzigartigkeit der Ritzungen der Schädelfragmente aus Göbekli Tepe hin. Sie lassen Rituale vermuten, die anscheinend eine große Bedeutung für die damalige Gesellschaft hatten und spezifisch für diesen Kultplatz waren. Die Tatsache, dass Vergleiche mit Schädelmodifikationen zeitgleicher Stätten im Vorderen Orient oder aus ethnographischen Berichten, keine Parallelen zeigen, unterstreicht die besondere Bedeutung der Schädelverzierungen und damit die Wichtigkeit des Fundplatzes Göbekli Tepe als kultisches Zentrum.

Göbekli Tepe ist Schwerpunkt eines DFG-Langzeitförderprojektes (Die frühholozäne Gesellschaft Obermesopotamiens und ihre Subsistenz) an der Orient Abteilung und der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Institutes. Darüber hinaus umfasst das Projekt wissenschaftliche Untersuchungen zur Archäozoologie (LMU München) sowie zur physischen Geographie (Freie Universität Berlin). Sämtliche Forschungsarbeiten erfolgen in enger Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für Kulturgüter und Museen des Ministeriums für Kultur und Tourismus in Ankara sowie mit dem Şanlıurfa Museum.

Weitere Infos zu den rituellen Ritzungen gibt es hier. 

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

Die Restaurierung des bedeutendsten vorchristlichen Sakralbaus Ostafrikas ist erfolgreich abgeschlossen.

„Großer Tempel“ wird das im 7. Jahrhundert  v. Chr. erbaute Heiligtum in dem kleinen Dorf Yeha im nördlichen Hochland Äthiopiens genannt. Von Einwanderern aus Saba im heutigen Jemen nach südarabischem Vorbild errichtet, ist der noch 14 m hoch erhaltene Tempel der bedeutendste vorchristliche Sakralbau Ostafrikas. Eine gewaltige Brandkatastrophe beschädigte den Bau bereits in der Antike, jahrzehntelang galt er als einsturzgefährdet.

Der Große Tempel von Yeha im modernen Klosterareal

Der Große Tempel von Yeha im modernen Klosterareal (DAI/Orient-Abteilung)

Um dieses kulturelle Erbe zu bewahren, führte die Außenstelle Sanaa der Orient-Abteilung des DAI gemeinsam mit der  äthiopischen Antikenbehörde neben der wissenschaftlichen Erforschung des Fundplatzes Yeha seit 2009 umfangreiche Restaurierungsarbeiten durch. Diese beinhalteten den Einbau eines Edelstahlgerüstes und die Konsolidierung des Mauerwerks. Das Projekt wird zudem mit Ausbildungskomponenten vor Ort ergänzt, Fachleute arbeiten dabei eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Der Schutz und die Pflege der kulturellen Identität bilden einen zentralen Schwerpunkt dieser Maßnahmen.

Der Abschluss der Restaurierungsarbeiten wurde mit einer feierlichen Eröffnung am 15. März begangen. Von nun an steht dieses touristische Highlight Äthiopiens sowohl einheimischen als auch internationalen Gästen als Besuchsziel wieder offen.

Der Große Tempel von Yeha war dem höchsten sabäischen Gott Almaqah geweiht. Auch heute noch ist der Sakralbau weithin sichtbar. Als Baumaterial verwendete man sorgfältig geglätteten schneeweißen Kalkstein, der aus den ca. 80 km östlich gelegenen Steinbrüchen um Wuqro mühsam herangeschafft werden musste. Das Heiligtum galt nicht nur als kultisches, sondern auch als machtpolitisches Statement des bereits im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. im äthiopischen Hochland entwickelten Gemeinwesens mit Namen Di´amat.
Der Große Tempel wurde durch ein gewaltiges Feuer vermutlich um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. schwer beschädigt, das große Teile in Mitleidenschaft zog. Der Einbau einer Kirche im 6. Jahrhundert schützte den Bau vor seiner völligen Zerstörung.

Rissschließung und Konsolidierung des Mauerwerks

Restaurierungsarbeiten am Tempel (DAI/Orient-Abteilung)

Das Projekt bildet ein herausragendes Beispiel für die gelungene äthiopisch-deutsche Kooperation auf dem Gebiet des Kulturerhalts und die nachhaltige touristische Erschließung dieser Region. Es besitzt zudem Pilotcharakter für weitere Kulturerhaltprojekte in dieser Region. Finanziell gefördert wurden die Arbeiten durch das DAI.

Weitere Infos zu dem Großen Tempel in Yeha gibt es hier.

Quelle:

Deutsches Archäologisches Institut
Pressestelle
Nicole Kehrer
Berlin

Das „Dach der Welt“ stellt mit seiner extremen Höhenlage große Herausforderungen an die menschliche Anpassungsfähigkeit. So war das Tibetische Hochplateau vermutlich eine der letzten Regionen dieser Erde, die der Mensch besiedelt hat. Nun haben Forscher Hand- und Fußabdrücke in ausgehärtetem Travertin erstmals sicher datiert. Zwischen 8.000 und 12.000 Jahren sind die im Stein hinterlassenen Spuren in Chusang alt, und damit der bisher älteste Nachweis für eine permanente menschliche Besiedelung Hochtibets.

newsimage283060 (1).jpg

Die im Travertin hinterlassenen Hand- und Fußabdrücke. (Mark Aldenderfer)

Es gibt bereits eine ältere Datierung derselben Abdrücke, in der ihr Alter auf etwa 20.000 Jahre geschätzt wird, eine Zeit, die genau in das Hochglazial fällt. Tibet war damals extrem trocken und kalt und eine Besiedelung sehr unwahrscheinlich. „Diese ursprüngliche Datierung galt daher in der Fachwelt als umstritten und gleichzeitig war es ein erster und wichtiger Versuch einer Altersbestimmung an einem methodisch sehr herausforderndem geologischen Material“, erklärt Michael Meyer vom Institut für Geologie an der Uni Innsbruck. Mit einem Bündel an Methoden gelang es ihm mit seinem Team nun erstmals, die Abdrücke gesichert zu datieren und aufzuzeigen, dass es sich dabei um eine frühe permanente Besiedelung des Hochplateaus handeln muss.

Chusang liegt im zentralen Teil des Hochplateaus, das im Süden durch den Hohen Himalaya begrenzt wird. Da Tibet von geologischen Brüchen durchzogen ist, treten an diesen Störungszonen häufig heiße Quellen auf, die Carbonat ausfällen. Meterdick wird das Seitental in Chusang von Heißwasserquellkalk, auch Travertin genannt, überzogen. In diesem, vor Jahrtausenden noch weichen Travertin-Schlamm, sind bis heute die Hand- und Fußabdrücke der frühen Tibeter sichtbar. „Man hat sehr selten solche Glücksfälle. Wir wussten, dass mit der Datierung der Schicht des Travertins auch das Alter der Abdrücke, die mit dem Stein ausgehärtet sind, bestimmbar ist“, so Meyer. Neben der gängigen Radio-Carbon Methode und der Datierung mit der Uran-Thorium Technik kam zusätzlich die Lumineszenz-Datierung zum Einsatz. „Bei dieser Technik wird direkt Sediment datiert und wir bestimmen, wie viel Lumineszenz oder in anderen Worten, wie viel Licht in einem Mineral gespeichert ist“, so Meyer. „Nach unseren Berechnungen und unter Einbezug der anderen Datierungsmethoden sind die Abdrücke zwischen 8.000 und 12.000 Jahre alt.

Auf 4.500 Metern Seehöhe liegt durchschnittlich das Hochplateau in Tibet, dessen Besiedlungsgeschichte im Fokus der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler steht. Manche Gegenden können jedoch auf noch einem wesentlich höheren Meeresniveau liegen. Zum Vergleich erwähnt Meyer den Mont Blanc, der mit 4.810 Metern mit der Höhe des Plateaus in Tibet vergleichbar ist. „Wir wissen heute relativ gut, wie sich unsere Vorfahren aus Afrika kommend über den Planeten verteilt haben. Dass Tibet einer der letzten Bereiche war der vom Menschen besiedelt wurde, ist gewiss. Allerdings mussten die Menschen damals beachtliche physiogeographische Barrieren überwinden und sich genetisch an die extreme Höhe anpassen, um permanent sesshaft werden zu können“, so Meyer. Ein weiterer Aspekt der Untersuchungen beschäftigte sich daher mit der Frage, ob es möglich gewesen wäre, das Gebiet von Chusang im Zuge saisonaler Jagdstreifzügen zu erreichen. Mit Hilfe von Migrations- und Reisekostenmodellierungen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass der Weg auf das Plateau nur für die Sommersaison zu weit und zu beschwerlich gewesen sein muss.

Das Leben auf dieser Höhe erfordert eine spezielle Anpassung der Menschen, die soweit geht, dass ein spezielles Gen zur Höhenanpassung nur bei Tibetern zu finden ist. Manche Theorien von Genetikern gehen sogar von der beginnenden Mutation dieses Gens vor etwa 30.000 Jahren aus. Laut Meyer kann es durchaus sein, dass der älteste Nachweis des prähistorischen Menschen auf dem Tibetischen Hochplateau noch nicht gefunden wurde. Bis dahin stellt jedoch die Altersbestimmung der Hand- und Fußabdrücke von Chusang einen Meilenstein bei der Erforschung der Besiedlungsgeschichte des „Dachs der Welt“ dar.

Zur wissenschaftlichen Publikation über die ältesten Spuren Tibets geht es hier.

Quelle:
Dr. Christian Flatz
Büro für Öffentlichkeitarbeit und Kulturservice
Universität Innsbruck