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93 Texttafeln in assyrischer Sprache aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. warten auf Entzifferung.

In der Region Kurdistan im Norden des Irak haben Archäologen des Instituts für die Kulturen des Alten Orients der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Peter Pfälzner bei ihren Ausgrabungen in der alten Stadt Bassetki überraschende Entdeckungen gemacht: Sie stießen unter anderem auf ein Keilschriftarchiv mit 93 Tontafeln, das sie in die Zeit um 1250 v. Chr. datieren, die Periode des mittelassyrischen Reiches. Was auf den Texttafeln festgehalten ist, bleibt vorerst ein Geheimnis. Sie müssen entziffert werden, was nach Einschätzung der Forscher aufwendig und langwierig werden könnte.

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Bassetki (Irak-Kurdistan) 2017: Blick in das Keramikgefäß mit den assyrischen Keilschrifttafeln.
Foto: Peter Pfälzner, Universität Tübingen

Die bronzezeitliche Stadtanlage von Bassetki wurde erst 2013 bei Geländeforschungen im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereiches „RessourcenKulturen“ (SFB 1070) entdeckt. Die Tübinger Archäologen konnten ihre Arbeiten in diesem Jahr auch im September und Oktober ungestört fortsetzen, trotz der Turbulenzen um das kurdische Unabhängigkeitsreferendum und der heftigen Reaktionen der umliegenden Regierungen. In den vergangenen Monaten legten die Forscher Siedlungsschichten aus der Frühen, Mittleren und Späten Bronzezeit sowie der nachfolgenden Assyrischen Periode frei. „Die Funde belegen, dass dieses frühe städtische Zentrum in Nordmesopotamien jahrhundertelang, von ca. 3000 bis 600 v. Chr., nahezu ununterbrochen besiedelt war. Dies weist auf eine herausgehobene Bedeutung Bassetkis an wichtigen alten Handelsrouten hin“, sagt Peter Pfälzner.

Schicht aus der Zeit des wenig erforschten Mittani-Reiches

Erstmals kam an diesem Ort nun auch eine Schicht aus der Zeit des noch wenig erforschten Mittani-Reichs (ca. 1550 – 1300 v. Chr.) zu Tage. Zwei in dieser Schicht gefundene mittanische Keilschrifttafeln berichten von intensiven Handelsaktivitäten der Bewohner der Stadt um die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., die wohl durch ihre Lage an den Handelswegen von Mesopotamien nach Anatolien und Syrien florierte.

In der darauffolgenden Periode des mittelassyrischen Reiches erlebte die Stadt eine neue Blüte. Die Forscher aus Tübingen, die in Kooperation mit Dr. Hasan Qasim von der Antikendirektion der Region Dohuk arbeiten, entdeckten ein Keilschriftarchiv mit 93 Tontafeln aus dieser Zeit, das um 1250 v. Chr. zu datieren ist. Alleine 60 dieser beschriebenen Tontafeln waren in einem Keramikgefäß nie-dergelegt, welches wohl zur Archivierung der Texte diente. Das Gefäß fanden die Ausgräber in einem zerstörten Raum eines mittelassyrischen Gebäudes; dort war es zusammen mit zwei weiteren Gefäßen mit einem dicken Lehmmantel umhüllt worden. „Das Gefäß wurde möglicherweise auf diese Weise versteckt, unmittelbar nachdem das umgebende Gebäude zerstört worden war. Vielleicht sollten die enthaltenen Informationen geschützt und für die Nachwelt aufbewahrt werden“, erläutert Peter Pfälzner. Es ist allerdings noch nicht klar, ob es sich um wirtschaftliche Aufzeichnungen, juristische oder religiöse handelte. „Ein kleines Fragment einer Tontafel hat unsere Philologin Dr. Betina Faist bereits entziffert. Dort wird ein Tempel der Göttin Gula erwähnt, sodass möglicherweise ein religiöser Kontext in Betracht zu ziehen ist“, sagt der Wissenschaftler.

Die Entzifferung: Eine große Herausforderung

Vor Ort haben die Wissenschaftler die Tontafeln mit modernen computergestützten Fotografie-Methoden aufgenommen, aus denen Texturbilder mit veränderbarer Lichtquelle entstehen. Die aufwendige Arbeit des Lesens und Übersetzens der 93 Keilschrifttafeln in assyrischer Sprache beginnt allerdings erst jetzt in Deutschland, nach Rückkehr des Teams aus dem Irak. Da viele der Tontafeln ungebrannt und stark abgerieben sind, stellt die Entzifferung eine große Herausforderung dar und wird lange Zeit in Anspruch nehmen. Peter Pfälzner hofft, dass sich aus den Texten zahlreiche neue Kenntnisse über die Geschichte, Gesellschaft und Kultur dieser bisher kaum erforschten Region Nordmesopotamiens im zweiten Jahrtausend v. Chr. ablesen lassen werden.

Mehr Infos zu der Entdeckung der Keilschriften gib es hier.

Quelle:
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

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Für die Altorientalistik kommt es einer Revolution gleich: Durch hoch aufgelöste 3D-Scans antiker Keilschrifttafeln und mit neu entwickelten Computerprogrammen erweitert sich der Forschungshorizont. Wissenschaftler aus Würzburg, Dortmund und Mainz treiben das einzigartige Projekt voran.

In den drei Jahrtausenden vor Christi Geburt war im Vorderen Orient eine Hochkultur entwickelt, die viele Informationen über sich hinterlassen hat: auf Tontafeln, beschrieben in Keilschrift. Bei dieser Art des Schreibens wurden keilförmige Buchstaben mit Schreibgriffeln in feuchte Tonplatten gedrückt, die schließlich getrocknet wurden – fertig war ein lange haltbares Schriftstück.

Bis heute hat man über 500.000 solche Tafeln entdeckt. Sie bieten spannende Einblicke in die Welt des Alten Orients. Die Texte schildern die Herstellung von Heilmitteln gegen Krankheiten, den Verlauf von Kriegen, religiöse Rituale oder bürokratische Akte. Auf einer sehr gut erhaltenen königlichen Landschenkungsurkunde zum Beispiel ist genau aufgeschrieben, wer an der Schenkung beteiligt war und welche Personen als Zeugen dabei waren.

Altorientalisten können die Keilschrift zwar lesen, doch die Entzifferung ganzer Texte ist bisweilen mühselig oder sogar unmöglich. Das liegt daran, dass die Jahrtausende alten Tontafeln meist in kleine Teile zerbrochen und über Museen in der ganzen Welt verstreut sind. „Wir stehen im Prinzip vor Tausenden von durcheinander geworfenen Puzzlespielen, die wir erst sortieren und zusammensetzen müssen, bevor wir sie lesen können“, sagt Gerfrid Müller, Professor am Lehrstuhl für Altorientalistik der Universität Würzburg.

Antike Puzzleteile mit High-Tech ordnen

Die Rekonstruktion antiker Tontafeln als Puzzlespiel: Diese Arbeit wird sich künftig viel leichter und zuverlässiger erledigen lassen – dank eines Forschungsprojekts, das seit zwei Jahren sehr erfolgreich läuft. Altertumswissenschaftler und Informatiker entwickeln dabei Methoden, mit denen sich Tontafelfragmente und die Schrift darauf mit hoher Präzision analysieren lassen. Gefördert wird das Projekt „3D-Joins und Schriftmetrologie“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

„Revolutionär und weltweit einmalig“ sei das, was bisher erarbeitet wurde, sagt Projektleiter Müller: Zuerst erfassen die Wissenschaftler die Bruchstücke der Tontafeln mit hochauflösenden 3D-Scannern. Mit den Daten entwickeln Informatiker dann neue Methoden, um die Eigenheiten der Tafeln und der Schriften genau zu erfassen. Im letzten Schritt werden die Puzzleteile computergestützt aneinandergepasst: Am Bildschirm entstehen dann rekonstruierte 3D-Modelle von Tontafeln, an denen die Altorientalisten mit der Textarbeit beginnen können.

Schriftstile einzelner Schreiber im Blick

Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Analyse der Schriftstile. Geht das überhaupt? Schließlich kannte man im Alten Orient ja keine Handschrift wie im heutigen Sinne. Doch auch die antiken Schreiber zeigten einen jeweils ganz eigenen Stil, wenn sie mit ihren Griffeln die weiche Tonmasse bearbeiteten: Mancher zog den Griffel so schwungvoll aus dem Ton, dass dabei eine Art „Schnörkel“ entstand, ein anderer drückte die Buchstaben in jeweils ganz charakteristischen Abständen in die Tafel.

Solche Eigenheiten der Schreiber lassen sich an den hochaufgelösten 3D-Modellen genau analysieren. Mit dieser Methode können die Altorientalisten das Tontafel-Puzzle am Ende auch aufgrund von Schriftmerkmalen zusammenfügen. „Wir haben bereits festgestellt, dass eine bislang für korrekt gehaltene Tafelrekonstruktion nicht stimmen kann“, sagt Müller. Die bisherige Vorgehensweise beim Puzzeln – anhand von Gipsabgüssen, Fotografien und Textabschriften – war da einfach zu ungenau. Die neue Methodik ermöglicht jetzt ein einfacheres, schnelleres und zuverlässigeres Zusammensetzen der Tontafeln.

Tontafeln aus Hattuscha im Mittelpunkt

Für das Projekt haben sich die Forscher zunächst auf Keilschrifttexte aus der antiken Stadt Hattuscha in Ostanatolien konzentriert. Diese Texte werden seit 2001 von der UNESCO als Weltkulturerbe geführt; mit ihrer Aufarbeitung ist federführend die Forschungsstelle „Hethitische Forschungen“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz befasst.

Unter den 30.000 Textfragmenten aus Hattuscha ist eine Gruppe von 6.000 bis 9.000 Fragmenten für die Wissenschaftler besonders interessant. Darauf sind Festrituale beschrieben, und die Kultanweisungen wiederholen sich sehr häufig – das heißt, die Puzzleteile sehen sich alle sehr ähnlich. Mit den herkömmlichen Mitteln sind diese Tafeln darum außerordentlich schwer zu rekonstruieren. Mit der neuen Technik sollte das relativ einfach gelingen.

Scans aus Ankara, Berlin und Istanbul

Bislang haben Müller und sein Mitarbeiter Michele Cammarosano 1.800 Tafelfragmente aus dem Fund von Hattuscha eingescannt. Dr. Cammarosano war dafür unter anderem in Museen in Ankara, Berlin und Istanbul tätig. Seine Scan-Arbeit geht weiter, und auch die beteiligten Informatiker tüfteln an neuen Algorithmen. Unter anderem wollen sie erreichen, dass sich auch die Krümmung der Tafelfragmente für die Zuordnung im Puzzle ausnutzen lässt.

Keilschrift-Datenbank für die Forschung

Als mittelfristiges Ziel des Projekts nennt Gerfrid Müller eine Keilschriftdatenbank, die übers Internet öffentlich und für andere Forschungsgruppen zugänglich gemacht werden soll. Das könnte voraussichtlich 2016 der Fall sein. Die Altorientalisten der Welt können ab dann noch besser daran arbeiten, aus den Keilschrifttexten mehr über den Alten Orient zu erfahren.

Projektpartner aus Dortmund, Mainz und Würzburg

Bei diesem Projekt kooperiert der Würzburger Lehrstuhl für Altorientalistik (Projektleiter Gerfrid Müller und Michele Cammarosano) mit der Forschungsstelle „Hethitische Forschungen“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Gernot Wilhelm) sowie mit dem Lehrstuhl für Graphische Systeme (Informatik VII) der Technischen Universität Dortmund (Denis Fisseler und Frank Weichert).

 

Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier.

 

Quelle:
Robert Emmerich
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg