Archive für Beiträge mit Schlagwort: Vor- und Frühgeschichte

Die Besiedlung Madagaskars: Reis und Mungobohnen als archäologische Quellen.

Obwohl tausende Kilometer von Südostasien entfernt, wird auf Madagaskar eine Sprache gesprochen, die eng verwandt ist mit den Sprachen des pazifischen Raums und Südostasiens. Auch genetische Studien belegen eine Verwandtschaft der Madagassen etwa mit Malaysiern und Polynesiern. Die Archäologie suchte bislang jedoch vergeblich nach Belegen für die Besiedlung der Insel von Südostasien. Einem internationalen Forschungsteam unter leitender Beteiligung der Max-Planck-Direktorin Nicole Boivin ist es nun gelungen, durch die Analyse pflanzlicher Überreste erstmals verlässliche Hinweise auf die Herkunft der madagassischen Urbevölkerung zu finden.

Aus Sedimenten an 18 prähistorischen Siedlungsorten auf Madagaskar, den Komoren und an der ostafrikanischen Küste haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 2443 pflanzliche Überreste von Nutzpflanzen identifiziert. In der heute in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Studie, datieren sie die Funde auf die Zeit zwischen 700 und 1000 unserer Zeitrechnung.

“Uns überraschte der deutliche Unterschied zwischen den ackerbaulich genutzten Pflanzenarten der ostafrikanischen Küstenregion und denen auf Madagaskar“, sagt Alison Crowther von der Universität Queensland, leitende Autorin der Studie.Während die historischen Pflanzenfunde von der ostafrikanischen Küste und den nächstgelegenen Inseln ganz überwiegend von afrikanischen Nutzpflanzen dominiert waren – wie Sorghum, Perlhirse und Affenbrot -, enthielten die Proben aus Grabungsstätten auf Madagaskar wenige oder gar keine afrikanischen Pflanzenarten. Stattdessen bestanden sie hauptsächlich aus asiatischen Sorten wie asiatischem Reis, Mungobohnen und asiatischer Baumwolle.

Das Team untersuchte, in welchen anderen Gebieten rund um den indischen Ozean diese Nutzpflanzen angebaut wurden und berücksichtigte zusätzlich historische und linguistische Daten. Auf dieser Basis konnten die Forscher überzeugend darlegen, dass die Nutzpflanzen aus Südostasien nach Madagaskar kamen.  „Wir haben endlich einen Weg gefunden, einen Blick auf die äußerst rätselhafte südostasiatische Besiedlung der Insel zu werfen.“ , sagt Nicole Boivin, weitere Leiterin der Studie und Direktorin der neugegründeten Abteilung Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. „Wir können sie eindeutig trennen von der Besiedlung, die vom afrikanischen Kontinent aus stattgefunden hat. Offensichtlich brachten die Südostasiaten Samen von Nutzpflanzen aus ihrer Heimat mit, pflanzten sie auf Madagaskar an und ernährten sich von ihnen. Archäologen können diese Überreste nutzen, um endlich grundlegende Einblicke zu bekommen, wie die Insel besiedelt wurde.“

Ein solcher neuer Einblick ist, dass nicht nur Madagaskar von Südostasiaten besiedelt wurde, sondern auch das benachbarte Archipel der Komoren, das zwischen Madagaskar und der nördlichen Küste Mosambiks liegt. „Damit haben wir nicht gerechnet“, merkt Alison Crowther an, „denn die Menschen auf den Komoren sprechen afrikanische Sprachen, und sie sehen – anders als die Bevölkerung Madagaskars – überhaupt nicht aus, als könnten sie südostasiatische Urahnen haben.“ Linguistische Befunde unterstützen allerdings die Hypothese der Forscherinnen: „Als wir die Ergebnisse der Sprachforscher zu den Komoren genauer analysierten, stellten wir fest, dass zahlreiche angesehene Linguisten dieselbe Argumentation verwenden, die uns die archäologischen Funde nahelegen: eine Besiedlung der Komoren durch Menschen aus Südostasien“, führt Nicole Boivin aus.

Noch sind viele Fragen offen. „Wir möchten herausfinden, wer diese Menschen waren und welchen Einfluss sie hatten“, sagt Alison Crowther. „Zu den Ereignissen, die möglicherweise mit der Ankunft der Menschen aus Südostasien in Zusammenhang stehen, gehört das Verschwinden von Madagaskars bekannter Megafauna, zu denen verschiedene Arten von riesigen Vögeln, Riesenlemuren und Riesenschildkröten gehören.“ Fragen wie diesen möchte das Team in weitere Forschungsarbeiten auf Madagaskar nachgehen.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:
Petra Mader
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

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Forscher schreiben die genetische Geschichte der Menschen in Europa neu – auch mithilfe von Proben aus den Höhlen der Schwäbischen Alb.

Die einzige bis heute überlebende Menschenart, der anatomisch moderne Mensch, erreichte Europa erstmals vor rund 45.000 Jahren. Hier lebte er ununterbrochen bis heute – doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Das verraten die Gene. Eine groß angelegte genetische Studie an Überresten von 51 Menschen, die vor 45.000 bis 7.000 Jahren lebten, ergab eine Reihe von überraschenden Befunden aus der komplexen Urgeschichte der Europäer. So muss es am Ende der Eiszeit vor rund 14.500 Jahren eine Wanderungsbewegung von Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa gegeben haben, auf die bis vor kurzem jeglicher Hinweis fehlte. An der Studie war ein großes Forscherteam beteiligt, darunter eine Arbeitsgruppe von der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Johannes Krause, der auch Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ist. Unter den untersuchten frühen Europäern waren sieben Individuen, deren Überreste aus Höhlen der Schwäbischen Alb stammen. Die Studienergebnisse wurden in der Zeitschrift Nature veröffentlicht.

„Das Klima hat immer wieder Einfluss auf das Überleben und die Wanderungsbewegungen der modernen Menschen genommen“, sagt Johannes Krause. In Europa lebten sie sogar während des letzten Kaltzeitmaximums vor 25.000 bis 19.000 Jahren, als große Teile des Kontinents von Eis bedeckt waren. Doch die Forscher wussten aus früheren Untersuchungen, dass das Überleben teilweise nur in einzelnen Refugien möglich war. Solche Zurückdrängung und Wiederausbreitung spiegelt sich in den Genen. Um mehr zu erfahren, analysierte das Forscherteam in der neuen Studie das gesamte Erbgut der 51 prähistorischen Menschen. „Solche umfassenden genomweiten Daten lagen bisher nur für einige wenige Menschen aus der Zeit von der ersten Besiedlung Europas bis zum Einsetzen der Landwirtschaft vor rund 8.500 Jahren vor“, erklärt Johannes Krause. Denn die Analyse alter DNA ist in mehrerer Hinsicht eine große Herausforderung. Zum einen ist das Erbgut aus Jahrtausende alten menschlichen Überresten stark zerfallen und muss aufwendig rekonstruiert werden, zum anderen ist es mit der DNA von Mikroorganismen und möglicherweise von heute lebenden Menschen verunreinigt. Nur mithilfe der in den letzten Jahren stark verbesserten Verfahren und bei sorgfältiger Zuordnung der Erbinformationen erhalten die Forscher belastbare Ergebnisse.

„Besonders überraschend war ein Befund, der die Urgeschichte revolutioniert: In der Warmzeit vor 14.500 Jahren erscheint eine neue genetische Komponente in Europa, deren Spur in den Nahen Osten führt“, sagt Cosimo Posth, der die schwäbischen Knochen im Rahmen seiner Doktorarbeit im Labor in Tübingen aufarbeitete. Die genetischen Neuerungen bei den Europäern hatten zuvor andere Wissenschaftler mit Bevölkerungsumwälzungen in Europa selbst erklärt. „Doch nun ist klar, dass Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und so bei der Vermischung ein neuer Genpool entstand.“

Weiterhin ergaben die Analysen, dass die frühesten modernen Menschen in Europa nicht substanziell zur Genausstattung heutiger Europäer beitrugen. Wie bereits eine frühere Studie anhand der Mitochondrien-DNA gezeigt hatte, stammen alle Individuen, die zwischen 37.000 und 14.000 Jahren alt sind, von einer einzelnen Gründerpopulation ab, die auch die Vorfahren heutiger Europäer bilden. „Wir sehen aber auch eine Kontinuität zwischen den ersten modernen Menschen Europas, die vor 40.000 bis 32.000 Jahren die wunderbare Kunst der Schwäbischen Alb geschaffen haben, und den Bewohnern West- und Zentraleuropas nach der Eiszeit, vor 18.000 bis 14.500 Jahren“, erklärt Krause. Zwischendurch habe sich eine Population hineingemischt, bekannt als Mammutjäger Osteuropas, die aber durch die Eiszeit vor 23.000 bis 19.000 Jahren zurückgedrängt worden sei. Das komplexe Bild der Genetik europäischer Menschen wollen die Forscher im nächsten Schritt mit ähnlichen Genomanalysen von urgeschichtlichen Menschen aus Südosteuropa und dem Nahen Osten weiter vervollständigen.

Mehr Infos gibt es hier.

Quelle:
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Tübinger Forscher rekonstruieren DNA des Megaloceros aus Höhlenfunden der Schwäbischen Alb und finden mögliche Ursachen für sein späteres Aussterben.

Das große Massensterben am Ende der letzten Eiszeit führte zum Verschwinden vieler Tierarten, darunter das Mammut, das Wollnashorn, die Höhlenbären und der bis zu 1,5 Tonnen schwere Megaloceros, auch Riesenhirsch oder Irischer Elch genannt. Die genauen Gründe für das Aussterben vieler Arten sind ungeklärt, wahrscheinlich ist dafür eine Kombination aus dem Klimawandel und der Bejagung durch den Menschen verantwortlich. Einige Tierarten überdauerten jedoch das Ende der letzten großen Kaltzeit etwas länger als andere. Zu diesen gehört der Riesenhirsch, der während der Eiszeit große Teile Eurasiens besiedelte. Er war auch nach der Eiszeit noch in Teilen Nordwesteuropas zu finden, bevor er vor rund 7.000 Jahren endgültig von der Bildfläche verschwand. Forschern der Universität Tübingen gelang es nun, mitochondriale Genome (mtDNA) aus 12.000 Jahre alten Hirschknochen von der Schwäbischen Alb zu isolieren und dadurch Details zu ihrer Verbreitung im Süden Deutschlands zu klären.

Die untersuchten Hirschknochen konnten bei Ausgrabungen in den Höhlen Hohle Fels und Hohlenstein-Stadel auf der Schwäbischen Alb geborgen werden. Der Riesenhirsch galt in dieser Gegend sowie in ganz Zentraleuropa seit dem Höhepunkt der letzten großen Kaltzeit vor 20.000 Jahren als ausgestorben. Wissenschaftler hielten die Funde zunächst für Elchknochen, da Elche zu der Zeit in Süddeutschland weit verbreitet waren. Die Rekonstruktion der mitochondrialen Genome durch das Forscherteam unter der Leitung von Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie und die anschließende genetische Analyse der DNA zeigten jedoch, dass es sich bei den Funden um Knochen der Riesenhirschart Megaloceros giganteus handelt. „Es ist nicht leicht, Elch und Riesenhirsch anhand der Form kleiner Knochenfragmente zu unterscheiden. Es könnte durchaus noch mehr Knochen geben, die bisher dem Elch zugeordnet wurden, aber vom Riesenhirsch stammen”, sagt Johannes Krause.

Weiterhin kamen bisherige Studien zu keinem klaren Ergebnis, mit welchen heutigen Hirschen der Riesenhirsch am engsten verwandt war. Die Tübinger Forscher erstellten einen Datensatz aus der DNA 44 moderner Hirsche und der beiden späteiszeitlichen Riesenhirsche, um daraus einen Stammbaum zu rekonstruieren. Dabei erwies sich der Damhirsch als der engste lebende Verwandte des Riesenhirsches. Diese Spezies ist in Vorderasien heimisch und wurde in Europa erst zu Zeiten des Absolutismus im 17. Jahrhundert als Jagdwild eingeführt. „Anhand des Körperbaus wurde spekuliert, ob der Rothirsch am nächsten mit dem Riesenhirsch verwandt sei, dies können wir in unserer Studie klar widerlegen”, sagt Alexander Immel aus der Arbeitsgruppe Krause.

Die Forscher untersuchten zusätzlich die Verhältnisse der stabilen Isotope des Kollagens, einem Strukturprotein, das einen wesentlichen Bestandteil der Knochen bildet. Sie verglichen die Kohlenstoff-13 und Stickstoff-15-Werte der Riesenhirschknochen aus den schwäbischen Höhlen mit de-nen von Rothirschen, weiteren Riesenhirschen und Rentieren, die zum Beginn und zum Ende der letzten Kaltzeit lebten. „Vor der letzten Kaltzeit unterschieden sich die Werte von allen drei Arten, danach zeigte sich eine klare Übereinstimmung – das deutet auf einen kleiner werdenden Lebensraum hin oder auf eine sich überschneidende Ernährungsweise der Hirscharten”, meint Dorothée Drucker aus der Biogeologie, die das Kollagen untersuchte.

Die Forscher spekulieren, dass sich die Riesenhirsche nach der letzten Kaltzeit den Lebensraum und die Nahrung mit anderen Hirscharten teilen mussten. Zudem war ihr bis zu 3,40 Meter spannendes Geweih wenig geeignet für das Leben im zunehmend bewaldeten Europa. Wahrscheinlich setzten dem Riesenhirsch die Konkurrenz mit anderen Arten sowie eine mögliche Überjagung durch Menschen zu, was letztlich zum Aussterben dieser imposanten Hirsche führte.

Weitere Infos zu den Riesenhirschen gibt es hier.

Quelle:

Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Urgeschichtler der Universität Jena erforscht steinzeitliche Fundstellen in Westfalen.

Viele Spuren haben sie nicht hinterlassen, die Vormenschen, die nach der letzten Eiszeit auf dem Gebiet des heutigen Westfalen gelebt haben. Meist haben nur steinerne Artefakte bis heute überdauert.
Aus einer Reihe von Fundorten im Münsterland werden aktuell vier große und potenziell aussagekräftige Plätze von dem Archäologen Peter Balthasar von der Universität Jena untersucht.

Doktorand Peter Balthasar vom Bereich für Ur-und Frühgeschichte der Universität Jena erforscht steinzeitliche Fundstellen in Westfalen, aufgenommen in Jena am 19.05.2015. Foto: Anne Günther/FSU

Doktorand Peter Balthasar vom Bereich für Ur-und Frühgeschichte der Universität Jena erforscht steinzeitliche Fundstellen in Westfalen, aufgenommen in Jena am 19.05.2015. Foto: Anne Günther/FSU

„Unter 4.000 Artefakten lassen sich manchmal nur 50 bis 100 als Geräte einordnen“, sagt Peter Balthasar, der gerade an seiner Dissertation arbeitet. Die überwiegende Zahl der Fundstücke sind lediglich Werkabfälle, die jedoch detaillierte technologische Rückschlüsse zulassen. Zeitlich lassen sich die Fundorte einordnen: Sie werden auf die Zeit von 13.000 Jahre bis 10.000 Jahre vor heute datiert. Das heißt, der älteste Fundort wurde am Ende der letzten Eiszeit von den Vormenschen genutzt, der jüngste zu Beginn der Warmzeit, in der wir heute leben.

Die Arbeit von Peter Balthasar heißt „Untersuchung des Wandels der Steinartefaktgrundproduktion in der Westfälischen Bucht vom Spätpaläolithikum bis zum Mesolithikum“. Der Doktorand erhält dafür ein Stipendium des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Vorrangiges Ziel ist es, die technologische Entwicklung nachzuvollziehen. Zu den Fragen, die Balthasar klären möchte, gehören zudem jene nach den Aktivitätszonen an der Fundstelle sowie fundplatzinterne Dynamiken. „Lässt sich eine Entwicklung in der Technologie der Steinbearbeitung feststellen, gibt es Kontinuitäten oder Brüche?“, fragt Peter Balthasar.

So gebe es die – auf den ersten Blick verblüffende Tatsache – dass ältere Steinwerkzeuge auf komplexere Art und Weise hergestellt wurden als neuere Stücke. Eine Bewertung dieser Funde sei jedoch schwierig: „Wir schauen nach Technokomplexen, betreiben lediglich Grundlagenforschung“, sagt Balthasar. Wer die Menschen waren, die aus Feuerstein Werkzeuge fertigten, lasse sich nicht sagen. Nur ihre Geräte aus Stein haben überdauert. Fest stehe jedoch, dass sich aufgrund des rasch wandelnden Klimas große Veränderungen in der Technologie der Steinbearbeitung nachweisen lassen. Die genaue Einordnung, die Peter Balthasar gerade vornimmt, kann später wichtige Rückschlüsse an anderen Fundstellen ermöglichen.

 

Quelle:
Stephan Laudien
Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

In Saarbrücken steht die Archäologie an der Universität des Saarlandes vor dem Aus! Zwei Petitionen wollen für den Erhalt kämpfen. Die Vor- und Frühgeschichte und die Klassische Archäologie bitten beide um Unterzeichnung und Verbreitung:

Zur Petition der Klassischen Archäologie geht es hier.

Zur Petition der Vor- und Frühgeschichte geht es hier.

In den südlichen Anden Perus hat ein Archäologenteam unter der Beteiligung von Forschern der Universität Tübingen und dem Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoenvironment (HEP) die höchstgelegenen menschlichen Eiszeitsiedlungen der Welt entdeckt. Die Siedlungsplätze liegen etwa 4.500 Meter über dem Meeresspiegel. Die neuen Ergebnisse zeigen, dass menschliche Behausungen bereits tausend Jahre früher als bisher gedacht in diesen Höhen existierten. Jäger und Sammler haben sich vor rund 12.000 Jahren, im späten Pleistozän, trotz tiefer Temperaturen, hoher Sonneneinstrahlung und niedrigen Sauerstoffwerten in der abgelegenen, baumlosen Landschaft niedergelassen – und das bereits 2.000 Jahre, nachdem die ersten Menschen Südamerika erreichten.

„Das Wissen über die Anpassung der Menschen an extreme Umweltbedingungen ist wichtig, um unsere kulturelle und genetische Leistungsfähigkeit fürs Überleben zu verstehen“, so das Forscherteam, das von Dr. Kurt Rademaker von der University of Maine geleitet wird, in der Fachzeitschrift Science. Rademaker ist zurzeit Gastwissenschaftler am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen im Rahmen des Programms „Teach at Tübingen“. Kurt Rademaker hat außerdem in diesem Jahr den Tübinger Förderpreis für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie erhalten. Zusammen mit Christopher Miller, Juniorprofessor für Geoarchäologie am Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen und Mitglied des HEP, hat er die zwei neu entdeckten archäologischen Fundplätze im Pucuncho-Becken in den peruanischen Anden untersucht.

Einer der Fundplätze, als Pucuncho bezeichnet, liegt auf 4.355 Metern Höhe. Dort wurden 260 Steinwerkzeuge entdeckt, darunter bis zu 12.800 Jahre alte Geschossspitzen. Der zweite Fundplatz, der Cuncaicha-Felsen auf 4.480 Metern Höhe, barg gut erhaltene und sicher zu datierende Objekte, die vor bis zu 12.400 Jahren genutzt wurden. Der Felsüberhang, der Aussicht auf Feuchtgebiete und Wiesen bietet, hat rußgeschwärzte Decken und enthält künstlerische Felsdarstellungen. Er wurde vermutlich als Lagerstelle genutzt.

Christopher Miller analysierte Dünnschliffe von den Sedimenten dieses Felsüberhangs und identifizierte mikroskopisch kleine Aschereste, die von den Feuern der frühesten Höhlenbewohner stammten. „Diese Asche entstand vermutlich bei der Verbrennung von den dort vorkommenden Polsterpflanzen, die bis heute von den Einheimischen zu diesem Zweck genutzt werden“, sagt Miller. „Dieser Nachweis belegt die bemerkenswerten Fähigkeiten der frühen Andenbewohner, in einer extrem rauen Umgebung zu überleben.“ Die meisten Steinwerkzeuge von der Cuncaicha-Fundstelle waren aus dem vor Ort vorhandenen Obsidian, Andesit oder Jaspis gefertigt. Den Wissenschaftlern zufolge weisen die Werkzeuge auf Jagd und Schlachtung hin, was plausibel erscheint, da es auf dem Plateau sonst kaum Ernährungsmöglichkeiten gab. Knochen am Fundplatz lassen auf die Jagd von Vikunjas und Guanakos, beide aus der Familie der Kamele, sowie Andenhirschen schließen.

Das Pucuncho-Becken war eine hochgelegene Oase für spezialisierte Jäger, vor allem auf Vikunjas. Später könnten dort Herden domestizierter Alpakas und Lamas gehalten worden sein, so die Wissenschaftler. Die Gegend war für die ganzjährige Besiedlung geeignet, doch dürften die Menschen von Stürmen in der feuchten Jahreszeit, der Sorge vor Unterkühlung, zum Sammeln essbarer Pflanzen und dem Bedürfnis nach Gesellschaft regelmäßig zum Abstieg in geringere Höhen getrieben worden sein. Auf solche Ausflüge deuten Steinwerkzeuge und Überreste von Steinabschlägen unter den Funden hin, die von ortsfremden, feinkörnigen Felssteinen stammen. Die Plateaubewohner müssen sie aus dem Geröll tiefer gelegener Flüsse mitgebracht haben.

Es ist unklar, ob die Siedlung in großer Höhe den Menschen bestimmte genetische Anpassungen oder spezielle Fähigkeiten zur Anpassung an die Umwelt abverlangte. Der Nachweis der frühen menschlichen Siedlungen in großer Höhe könnte auch bedeuten, dass die späteiszeitlichen Gebiete in den Anden gemäßigter waren als bisher gedacht und die Menschen im Pleistozän größere physiologische Fähigkeiten mitbrachten, als man ihnen bisher zugetraut hatte.

Weitere Infos zu der Entdeckung in den peruanischen Anden gibt es hier. 

Quelle:
Dr. Karl Guido Rijkhoek
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Bereits vor 12.000 Jahren erschufen Steinzeitmenschen auf dem Berg Göbekli Tepe in der heutigen Türkei ein Höhenheiligtum, das sich einer entwickelten Bildsprache bediente. Prof. Dr. Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn, stellt in seinem Buch dar, wie diese frühen Vorläufer der Schriftzeichen zu einer kulturellen Revolution im Denken und Handeln der Menschen führte.

Seit Urzeiten hat sich der Mensch für die Nachwelt verewigt: Vor Jahrzehntausenden hinterließen eiszeitliche Jäger ihre Höhlenmalereien. Über abstrakte Bildzeichen ging die Entwicklung allmählich weiter bis zur Schrift. Bereits vor mehr als 5.000 Jahren verwendeten die Altägypter Hieroglyphen als älteste Schriftzeichen. „Wie sich abstrakte Bildzeichen in Schriftzeichen wandelten, lag lange weitgehend im Dunkeln“, sagt Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Abteilung für Ägyptologie der Universität Bonn.

Mit den Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Schmidt von der Universität Erlangen-Nürnberg auf dem Berg Göbekli Tepe in Südanatolien kam ein steinzeitliches Heiligtum zum Vorschein. Nahe der heutigen türkischen Stadt Sanliurfa – dem antiken Edessa – errichteten Menschen gegen Ende der Eiszeit vor rund 12.000 Jahren mehrere monumentale Ringanlagen, die von T-förmigen, aus Kalkstein gefertigten Pfeilern beherrscht werden.

Fehlendes Bindeglied zwischen Bildern und Schrift

„Das Höhenheiligtum ist so etwas wie das fehlende Bindeglied zwischen Bildern und den ersten Schriftzeichen“, sagt Prof. Morenz, der zusammen mit Prof. Schmidt mehrere Jahre lang die in Göbekli Tepe entdeckten frühneolithischen Zeichen untersuchte. „Sie erlauben neue Einsichten in historische Tiefen der menschlichen Kommunikation.“ Häufig finden sich auf den T-Pfeilern in Flachreliefen dargestellte Tiere, darunter Schlangen, Skorpione, Füchse, Kraniche, Gazellen und Wildesel. Außerdem gibt es stärker abstrahierte Zeichen wie Tiere, Hände oder die Kombination aus Mondscheibe und -sichel.

„Es handelt sich dabei um einen Sprung in eine neue mediale Welt“, sagt der Experte für Bildersprache und Zeichentheorie. Immerhin sei diese frühe Form der Bildzeichen mehr als doppelt so alt wie die ältesten Schriftzeichen der Altägypter. Zum Ende der Eiszeit wurden Grundlagen gelegt, auf denen die spätere kulturelle Revolution aufbauen konnte. Prof. Morenz: „Göbekli Tepe steht für die Entwicklung von reinen Bildern zur Kodierung von darüber hinaus gehender Bedeutung.“ Während es sich bei der Darstellung eines Stieres etwa in der Höhle von Altamira in Spanien um das direkte Abbild des Tieres handelt, sei ein Stierkopf in dem Höhenheiligtum der Türkei von der primären Bildbedeutung losgelöst als abstraktes Symbol für eine Gottheit zu verstehen.

Bereits vor 12.000 Jahren gab es ein einheitliches Zeichensystem

Der Ägyptologe der Universität Bonn untermauert seine These mit der Tatsache, dass insgesamt rund 20 verschiedene Bildzeichen in ähnlicher Form auch noch in anderen frühneolithischen Fundorten im Umkreis von 150 Kilometern um das Höhenheiligtum Göbekli Tepe herum entdeckt wurden. In dieser fruchtbaren Landschaft zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris wurden Menschen früh sesshaft. Sie teilten in den verschiedenen Siedlungen mit leichten Abwandlungen die gleichen Bildzeichen. „Das kann kein Zufall sein, die Menschen dieses Kulturraumes müssen sich auf ein einheitliches Zeichensystem geeinigt haben“, ist Prof. Morenz überzeugt.

Die Bildzeichen könnten gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben: Ein Schlange stehe einerseits für Bedrohung, könne aber auch als Zeichen für etwas Abwesendes verstanden werden – weil der Abdruck der Schlange im Sand verbleibt, wenn das Tier längst weitergezogen ist. Das Abbild einer abstrahierten Hand lasse sich als Geste – etwa von Abwehr – interpretieren. Manche Zeichen waren in kleine, flache Steine geritzt – quasi als „Heiligtum für die Hosentasche“. „Bei dieser frühen Bildsprache handelt es sich aber noch um keine Schriftzeichen“, stellt Prof. Morenz fest. Schriftzeichen seien noch einmal deutlich differenzierter und umfassten auch die lautliche Dimension, das heißt wie ein bestimmtes Zeichen ausgesprochen wird.

Göbekli Tepe zeigt nach den Untersuchungen des Ägyptologen eindrücklich, wie komplex und spezialisiert bereits die steinzeitliche Gesellschaft vor rund 12.000 Jahren war. „Der Gebrauch von Sprache, Hand und Hirn gingen mit einander einher“, sagt Prof. Morenz. In dem Maß, wie sich die Menschen damals mit großem handwerklichen und intellektuellem Geschick eine abstrakte Bildsprache schufen, drangen sie jenseits der Herausforderungen des Alltags in religiöse Sphären vor und stellten sich bereits den Grundfragen der Menschheit nach dem Jenseits. „Es handelt sich um den Beginn der medialen Entwicklung und um den Aufbruch in neue Denkräume“, sagt Prof. Morenz.

Weitere Infos gibt es hier.

Quelle:
Johannes Seiler
Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

 

Wissenschaftler des Tübinger Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen finden neue Hinweise auf Ansiedlungen in unwirtlichen Gebieten der Iberischen Halbinsel im dritten Jahrtausend vor Christus.

Forscher des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen (SFB 1070) an der Universität Tübingen haben in Zusammenarbeit mit Kollegen der spanischen Universität Alcalá de Henares ein bislang unbekanntes kupferzeitliches Siedlungszentrum in der Region Azután (Zentralspanien) entdeckt. Bei einer Feldstudie fanden sie auf einer Fläche von rund 90 Hektar Keramik und Steinwerkzeuge, die sie durch typologische Untersuchungen der Kupferzeit zuweisen konnten.

Chalkolitisches Megalithgrab „Dolmen de Azután“ (Foto: Felicitas Schmitt/Universität Tübingen)

Chalkolitisches Megalithgrab „Dolmen de Azután“
(Foto: Felicitas Schmitt/Universität Tübingen)

Als Kupferzeit oder Chalkolithikum wird der Zeitraum zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit im dritten Jahrtausend vor Christus bezeichnet. Kennzeichnend für diese Epoche waren die Nutzung von Kupfererzen, große befestigte Siedlungen im Südosten der Iberischen Halbinsel sowie eine intensivere Nutzung der Umwelt als noch im Neolithikum. Bislang ging man davon aus, dass die zentralspanische Region um Toledo während des Chalkolithikums nur sporadisch besiedelt war: Sie liegt eher ungünstig zwischen zwei Gebirgsmassiven am Lauf des Flusses Tajo, der damals schwer zu überqueren war.

Das bis heute erhaltene „Megalithgrab von Azután“ wies bereits auf Spuren von Menschen im Chalkolithikum hin. Der neue Siedlungsfund liefert nun Hinweise auf eine umfangreiche durchgängige Besiedlung in der Region um Toledo während des vierten und dritten Jahrtausends vor Christus. Zu diesem Schluss gelangte das Forscherteam unter Leitung des Tübinger Archäologen Professor Martin Bartelheim wegen des großen Vorkommens und der Konzentration der Funde. In geomagnetischen Untersuchungen und durch eine gezielte Auswertung von Luftbildern wollen die Wissenschaftler nun Ausmaß und Struktur der Siedlung ermitteln.

Seit den 1980er Jahren rückt die Iberische Halbinsel in der chalkolitischen Periode verstärkt in das Interesse der Forschung. „Dank der neuen Funde bei Azután wurde die Annahme bestätigt, dass es auch in Zentralspanien eine intensive Kupferverarbeitung und Besiedlung gab. Bisher glaubte man, dass sich dies weitgehend auf die fruchtbaren Küstenregionen im Süden der Iberischen Halbinsel beschränkte“, sagt Felicitas Schmitt, Doktorandin am SFB RessourcenKulturen. Im nahegelegenen Aldeanueva de San Bartolomé ist eine weitere, vermutlich sogar befestigte Siedlung vorhanden, die auf ein frühes Kupferverarbeitungszentrum hindeutet. Neue Werkzeugfunde im Bereich Azután lassen sich dem Ackerbau und dem Fischfang (Mühlsteine und Netzsenker) zuordnen. Diese Entdeckungen zeigen, dass bereits in der chalkolitischen Gesellschaft eine verstärkte Ausdifferenzierung in verschiedene, komplexe Arbeitsbereiche stattfand, was einen entscheidenden Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Herausbildung verschiedener Berufszweige in der kupferzeitlichen Gesellschaft markiert.

Wie die neu entdeckte Siedlung an die Verkehrs- und Handelsrouten der damaligen Zeit in Zentralspanien angebunden war, wird durch Landschaftssurveys erkundet. Bereits jetzt ist die Nähe zu wichtigen Fernverbindungen entlang des Flusstals und quer verlaufender Wege der Wanderhirten auffällig, die seit alters her das zentraliberische Hochland, die Mesetas, durchziehen. In einer Vergleichsstudie untersucht Javier Escudero Carillo, ebenfalls Doktorand des SFB 1070, an der portugiesischen Algarveküste eine weitere kupferzeitliche Siedlung, wodurch sich Parallelen zwischen beiden Regionen aufzeigen lassen. Felicitas Schmitt: „In beiden Regionen finden sich ähnliche Grabbauten, Bestattungsriten und Fundgegenstände. Deshalb gehen wir davon aus, dass Flüsse und Routen von Wanderhirten als Kommunikationswege schon damals eine wichtige Rolle spielten.“

Weitere Infos zur kupferzeitlichen Siedlung in Zentralspanien gibt es hier.

 

Quelle:
Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Auch in diesem Jahr werden die archäologischen Untersuchungen im Innenraum der jungsteinzeitlichen Höhensiedlung Kapellenberg in Hofheim/Ts. fortgeführt. Ziel der am 1. September beginnenden Grabungen ist das Verständnis der ehemaligen Bebauungsdichte und die Frage, wie viele Menschen dort zugleich gewohnt hatten – letztlich, ob man von einer frühen Stadt sprechen kann.

Die Grabungen konzentrieren sich wieder auf das bereits im Jahr 2013 untersuchte Areal. Dort fanden die Archäologen des Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Konzentrationen von Keramik, Lehm, Holzkohle und einige Steingeräte aus der Zeit um 4000 v. Chr. Die Funde zeigen, dass noch Teile der ehemaligen Oberfläche um die damaligen Häuser erhalten sind. Das macht den Kapellenberg aus archäologischer Sicht so bedeutend, denn in den meisten steinzeitlichen Siedlungen sind diese Oberflächen abgeschwemmt.

Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)

Geophysikalische Prospektion auf dem Kapellenberg durch Patrick Mertl, Universität Mainz, August 2014. (Foto: RGZM / D. Gronenborn)

Bereits im Frühjahr 2014 ist in Kooperation mit Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer von der Goethe-Universität in Frankfurt das Plateau des Kapellenberges und die seitlichen Hänge abgebohrt worden, so dass nun die Erosions- und Umgestaltungsgeschichte der Oberfläche besser verstanden ist. Demnach wurde bereits vor 6000 Jahren der Boden weitgehend durch die Siedlungsaktivitäten verändert. Im kommenden Herbst und Winter werden geophysikalische Messungen an geeigneten Flächen weitere Informationen zur Besiedlungsdichte geben, ein erster Versuch im August erbrachte vielversprechende Ergebnisse.

Letztendlich zielen alle diese Forschungen auf die Frage nach der ehemaligen Besiedlungsdichte und Größe der Höhensiedlung – es geht es um den Beginn städtischer Siedlungen in Mitteleuropa. Während man früher städtische Strukturen erst zu Beginn der Eisenzeit sehen wollte, zeigen neue Forschungen, dass Siedlungen mit vielen Tausend Einwohnern als Zentrum eines Umlandes bereits um 4000 v. Chr. in mehreren Regionen Europas existierten. Anhand des Kapellenberges lassen sich diese Fragen ausgezeichnet untersuchen.

Die Grabung und die Prospektionen werden ausgerichtet vom RGZM und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Kooperation mit der hessenARCHÄOLOGIE und unterstützt von der Stadt Hofheim. Das Grabungsteam besteht aus Studierenden der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und wird geleitet von Timo Lang M.A.

Mehr Infos zu den Grabungen auf dem Kapellenberg gibt es hier. 

Quelle:
Christina Nitzsche
Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) – Forschungsinstitut für Archäologie

Heute wurde die neue Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Neuen Museum feierlich eröffnet. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allein schon wegen der besonderen Architektur des Gebäudes, der wunderbaren Verbindung von historischer Substanz mit modernen Materialien und schlichten Formen, komme ich immer wieder gern an diesen Ort.

Mit der heutigen Eröffnung beginnt „das Erlebnis, die ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte in einer Ausstellung lebendig werden zu lassen.“, so heißt es im Programm. Klingt vielversprechend. Der Rundgang startet im Roten Saal. Gleich beim Betreten des Raumes habe ich tatsächlich das Gefühl, in die Vergangenheit gereist zu sein, wenn auch nicht bis zum Ursprung der Menschheitsgeschichte, sondern „nur“ etwa 150 Jahre zurück. Im Roten Saal werden die größten und bedeutendsten Sammlungen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert den Grundstock des Museums für Vor- und Frühgeschichte bildeten, in traditionellen Vitrinen präsentiert. Ganz im Ambiente einer Studiensammlung des 19. Jahrhunderts.

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Archäologie in Berlin (LH)

Einen absolut erfrischenden Kontrast dazu bildet der nächste Raum mit aktuellen Funden aus dem Zentrum von Berlin. Hier gibt es Objekte wie mittelalterliche Keramik bis hin zu verrosteten Soldatenhelmen aus dem Zweiten Weltkrieg. In der modernen archäologischen Forschung geht es eben schon längst nicht mehr nur um „alte“, längst vergangene Epochen!

 

Unmittelbar hinter den Funden aus dem Zweiten Weltkrieg wird der Besucher zurück in die frühen Kapitel der Menschheitsgeschichte geführt. Kaum habe ich den Raum betreten, blicke ich direkt in die Augen des Neandertalers aus Le Moustier. Die auf der Grundlage aktueller Forschungen erstellte Gesichtsrekonstruktion wirkt ergreifend lebendig. In Zusammenarbeit mit Fachspezialisten und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte wurden anhand des Schädels und der vermuteten Lebensumstände des ca. 11-jährigen Neandertalerjungen die physiognomischen Merkmale und die zu erwartende Dicke der Weichteilauflagen erarbeitet.

 

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Ergreifend echt: Der Neandertaler aus Le Moustier. (LH)

 

In rauhen Mengen wird im nächsten Raum das neue, der folgenden Epoche seinen Namen gebende Material präsentiert: Bronzegegenstände, wohin ich auch blicke. Die Anordnung der Großvitrinen erfolgt wie in einer Prozessionsstraße und gibt die Sicht auf den berühmten Berliner Goldhut frei.

Zeremonialhut aus der Bronzezeit (LH)

Zeremonialhut aus der Bronzezeit (LH)

 

Den Abschluss der Dauerausstellung bilden die Funde aus der Eisenzeit. Die Eisenverhüttung, die Gesellschaft und Kultur nachhaltig veränderte, wird nicht nur durch historische Fundobjekte aus Eisen dokumentiert. Der Vorgang der Verhüttung von Eisenerz in sogenannten Rennöfen aus Lehm ist für die Besucher in allen Schritten nachvollziehbar; vermittelt wird so ein Eindruck von dessen technischer Komplexität.

 

Zwischendurch komme ich an einer „Zeitmaschine“ vorbei. In dieser Videoinstallation ist die vorgeschichtliche Entwicklung des Menschen zu sehen, dargestellt in Aquarellbildern mit fiktiven Landschafts-Ausschnitten. Während des Filmes entdecke ich immer wieder Exponate aus der Ausstellung, wie zum Beispiel den Zeremonialhut aus der Bronzezeit. Es wird nachvollziehbar, welche Rolle diese Exponate im Leben unserer Vorgänger gespielt haben. Hier zeigt sich die Grundidee der Ausstellung: Eine spannende Reise zu den frühen Epochen der Menschheitsgeschichte in Europa.

Eine Reise in die früheste Menschheitsgeschichte. (LH)

Eine Reise in die früheste Menschheitsgeschichte. (LH)

 

Die Präsentation von Sammlungen und Aufstellung von Exponaten ist nach wie vor eine große Herausforderung für WissenschaftlerInnen und AusstellungsgestalterInnen. Denn das moderne Bild von den ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte wird immer detaillierter, eine übersichtliche Darstellung hiervon immer schwieriger. Diesem Anspruch wird die neue Dauerausstellung in jedem Fall gerecht. Sie schafft es, die Objekte und ihre jeweiligen Kontexte anschaulich und spannend zu vermitteln, und zwar für alle Besucher – egal, ob jung oder alt. Ganz im Einklang mit diesem Ziel fand zur heutigen Eröffnung gleichzeitig auch ein Familientag mit einem umfangreichen Bildungs- und Vermittlungsprogramm im Kolonnadenhof statt.

Steinzeit erfahrbar machen für Jung und Alt. (LH)

Steinzeit erfahrbar machen für Jung und Alt. (LH)

 

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr

Adresse: Neues Museum (Museumsinsel), Besuchereingang: Bodestraße 1-3, 10178 Berlin

 

Weitere Infos zum Neuen Museum gibt es hier.