Archive für Beiträge mit Schlagwort: Vorderer Orient

Anthropologen des Deutschen Archäologischen Instituts entdecken rituelle Ritzungen an 11.000 Jahre alten menschlichen Schädeln.

Die Deutung des steinzeitlichen Kultplatzes Göbekli Tepe in der Südost-Türkei beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Die monumentalen Anlagen mit ihren großartigen Tierornamenten weisen auch Darstellungen geköpfter Menschen auf, die auf eine Nutzung des Platzes im Rahmen von rituellen Handlungen deuten. Fragmente menschlicher Schädel, die im Bereich der Anlagen gefunden wurden, geben erste Hinweise auf einen neuartigen Totenkult.

Göbekli Tepe Südost-Senke

Göbekli Tepe Südost-Senke (Copyright DAI)

Vollständige Bestattungen fehlen bisher in Göbekli Tepe, allerdings konnten aus dem Füllmaterial, das sich in den großen Steinkreisen befand, etwa 700 menschliche Knochenfragmente geborgen werden. Abgesehen von anderen interessanten Veränderungen an den Knochen, wurden Schädelfragmente gefunden, die eine auffällige Besonderheit aufwiesen: Bei drei erwachsenen Individuen ziehen tiefe Ritzungen mittig über den Schädel. Die tiefen Kerben wurden grob mit Feuerstein geschnitten und sind vor allem an den prominenten Stellen der Schädel zu finden. Eine weitere Besonderheit ist ein gebohrtes Loch an der höchsten Stelle des besterhaltenen Schädels. Mikroskopische Untersuchungen belegen, dass alle Veränderungen nach dem Tod der Menschen durchgeführt wurden.

Was taten die Menschen vor 11.000 Jahren in den Steinkreisen zwischen den riesigen T-Pfeilern in Göbekli Tepe? Warum ritzten sie mit Feuerstein tiefe Spuren in die Schädel ihrer Vorfahren oder Feinde?

Der menschliche Schädel übt seit dem Paläolithikum bis heute eine besondere Faszination auf den Menschen aus. In vielen Gesellschaften werden die Schädel der Vorfahren oder der Feinde an einem besonderen Platz aufbewahrt oder ausgestellt. Zu diesem Zweck werden sie häufig aufwendig geschmückt. Die Schädel repräsentieren die Ahnen mit ihren beschützenden Eigenschaften oder aber auch die bösen Mächte der Feinde.
Im Neolithikum des Vorderen Orients spielte der Schädelkult eine wichtige Rolle. Auf verschiedenen Fundplätzen wurde bei vielen Bestattungen nachträglich der Schädel entfernt und an einem anderen Platz aufbewahrt. Schädel wurden häufig dekoriert, entweder durch Bemalung oder durch Nachbildung eines Gesichts aus Gips, der auf den Knochen aufgetragen wurde, wobei Muscheln die Augen bildeten.

Fragmente menschlicher Schädel mit Ritzungen

Fragment eines Schädels mit Ritzungen (J. Gresky/ Copyright DAI Zentrale)

Obwohl die Schädel von Göbekli Tepe nur stark fragmentarisch erhalten sind, lässt sich der Verlauf der Ritzungen rekonstruieren. Möglicherweise hatten sie eine praktische Funktion und dienten einer Schnur als Unterlage, mit der der Unterkiefer am Schädel befestigt wurde. Das Loch könnte eine Vorrichtung zum Aufhängen des Schädels gewesen sein. Abgesehen von dieser rein praktischen Interpretation ist auch eine Deutung der Ritzungen als aktiver Prozess der Stigmatisierung bestimmter Individuen möglich.

Auf die Wahrscheinlichkeit einer kultischen Bedeutung weist die Einzigartigkeit der Ritzungen der Schädelfragmente aus Göbekli Tepe hin. Sie lassen Rituale vermuten, die anscheinend eine große Bedeutung für die damalige Gesellschaft hatten und spezifisch für diesen Kultplatz waren. Die Tatsache, dass Vergleiche mit Schädelmodifikationen zeitgleicher Stätten im Vorderen Orient oder aus ethnographischen Berichten, keine Parallelen zeigen, unterstreicht die besondere Bedeutung der Schädelverzierungen und damit die Wichtigkeit des Fundplatzes Göbekli Tepe als kultisches Zentrum.

Göbekli Tepe ist Schwerpunkt eines DFG-Langzeitförderprojektes (Die frühholozäne Gesellschaft Obermesopotamiens und ihre Subsistenz) an der Orient Abteilung und der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Institutes. Darüber hinaus umfasst das Projekt wissenschaftliche Untersuchungen zur Archäozoologie (LMU München) sowie zur physischen Geographie (Freie Universität Berlin). Sämtliche Forschungsarbeiten erfolgen in enger Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für Kulturgüter und Museen des Ministeriums für Kultur und Tourismus in Ankara sowie mit dem Şanlıurfa Museum.

Weitere Infos zu den rituellen Ritzungen gibt es hier. 

Quelle:

Nicole Kehrer M.A.
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Archäologisches Institut

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Archäologen der Universität Tübingen dokumentieren die Ursprünge der Landwirtschaft im iranischen Zagros-Vorgebirge.

Seit Jahrzehnten erforschen Archäologen die Ursprünge der Landwirtschaft im Vorderen Orient. Diese Forschungen wiesen bislang auf eine frühe Pflanzendomestikation im westlichen und nördlichen „Fruchtbaren Halbmond“ hin, eine regenreiche Region, die sich von der Küste Israels bis zum Iran erstreckt. In der Ausgabe des Fachmagazins Science vom 5. Juli zeigen Wissenschaftler der Universität Tübingen, des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment Tübingen und vom Iranischen Zentrum für Archäologische Forschung, dass das iranische Vorland des Zagros-Gebirges im östlichen Teil des „Fruchtbaren Halbmondes“ ebenfalls ein Schlüsselgebiet bei der ersten Domestikation wilder Pflanzen zu Kulturpflanzen darstellt.

Die Archäologen Professor Nicholas Conard und Mohsen Zeidi aus Tübingen führten zwischen 2009 und 2010 archäologische Ausgrabungen am Tell-Fundplatz Chogha Golan durch. Sie fanden eine acht Meter tiefe Abfolge von ausschließlich akeramischen Kulturschichten des Neolithikums, die in einen Entstehungszeitraum zwischen 11.700 und 9.800 Jahren vor heute fallen. Bei Ausgrabungen wurde eine Fülle von Bauresten, Stein- und Knochengeräten und figürlichen Darstellungen von Menschen und Tieren gefunden. Vermutlich am bedeutendsten waren zudem die Funde der bislang reichsten Ablagerungen verkohlter Pflanzenreste, die jemals aus dem akeramischen Neolithikum des Vorderen Orients geborgen wurden.

Simone Riehl, Leiterin des Archäobotanischen Labors in Tübingen, wertete mehr als 30.000 Pflanzenreste aus 75 Verwandtschaftsgruppen am Chogha Golan aus, die einen Zeitraum von mehr als 2000 Jahren umfassen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Ursprünge der Landwirtschaft im Vorderen Orient multiplen Zentren zuzuordnen sind und nicht, wie bislang angenommen, einem einzigen Kerngebiet entspringen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass der östliche Teil des „Fruchtbaren Halbmondes“ eine Schlüsselrolle im Prozess der Domestikation einnahm.

Viele Fundplätze des akeramischen Neolithikums weisen nur kurze Besiedlungsphasen auf. Im Gegensatz dazu steht die lange Sedimentabfolge am Chogha Golan, die es ermöglichte, die Langzeitentwicklung menschlicher Subsistenz an einer Fundstelle zu untersuchen. Unter den Pflanzenresten vom Chogha Golan finden sich am häufigsten die wilden Vorfahren unserer heutigen Kulturpflanzen, wie Wildgerste, Aegilops und Linse. Diese und andere Arten kommen bereits in den ältesten Siedlungsschichten (Horizont XI) sehr häufig vor und stammen aus dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 11.700 Jahren. In der Siedlungsschicht Horizont II, die auf 9.800 Jahre datiert wird, taucht domestizierter Emmer-Weizen auf.

Die Pflanzenreste vom Chogha Golan repräsentieren einen einzigartigen Langzeitbeleg der Kultivierung wilder Pflanzenarten im östlichen „Fruchtbaren Halbmond“. Über einen Zeitraum von zwei Jahrtausenden entwickelte sich die Bewirtschaftung an der Fundstelle hin zu domestizierten Arten, die eine Basis für die Entstehung sesshafter Dorfsiedlungen und nachfolgender Zivilisationen im Vorderen Orient bildeten. Pflanzen wie verschiedene Weizenformen, Gerste und Linse begleiteten später zusammen mit domestizierten Tieren die frühen Ackerbauern auf ihrem Weg über das westliche Eurasien, wo sie allmählich die einheimischen Jäger- und Sammler-Populationen ersetzten. Viele der Pflanzen, die im „Fruchtbaren Halbmond“ domestiziert wurden, stellen die ökonomische Basis und Nahrungsgrundlage der heutigen Weltbevölkerung dar.

Mehr Informationen gibt es hier.

Quelle:

Myriam Hönig, Antje Karbe
Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen